Harald Martenstein Über vertraglich geregelten Sex

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 51/2017

Mein Kollege Lars Weisbrod hat vor ein paar Wochen in der ZEIT vorgeschlagen, dass die Menschen in Zukunft vor dem Sex einen Vertrag unterzeichnen müssen, ähnlich wie beim Anmieten einer Wohnung. In diesem Vertrag erklären beide Partner ihre Zustimmung zu wechselseitigen sexuellen Handlungen. In den USA sei dies bereits üblich. Die Vertragspartner sollen sich vor dem Vollzug auch darauf einigen, welche Sexualpraktik wem gestattet ist. Auf diese Weise könnten der Sexismus und sexuelle Übergriffe bekämpft werden.

Ich habe zuerst gedacht, der Vorschlag sei satirisch gemeint. Bei Leuten wie dem Filmproduzenten Harvey Weinstein ist ja sonnenklar, dass sie ihre Macht ausnützen und Druck ausüben. Manche seiner Opfer hätten vermutlich auch so einen Vertrag unterzeichnet. Wer dringend eine Wohnung sucht, unterschreibt manchmal auch alles, was der Vermieter verlangt. Ich habe mir trotzdem mal das deutsche Vertragsrecht angeschaut. Im Vertragsrecht haben beide Vertragspartner Rechte, das Vertragsrecht war dem Kollegen offenkundig unbekannt. Wenn ein Partner den Vertrag ohne triftigen Grund nicht erfüllen will, kann die andere Person auf Vertragserfüllung klagen, es sei denn, das Vertragsrecht wird völlig umgekrempelt. In vielen Verträgen gibt es "Gewährleistungspflichten". Ein Vertragspartner könnte hinterher den Sex als ganz oder teilweise mangelhaft bezeichnen und eine komplette oder teilweise Nachbesserung fordern. Wenn auch die Nachbesserung misslingt, kann der Partner jemand anderen beauftragen und dies in Rechnung stellen. Unter Umständen ist es klüger, nichts zu unterschreiben, sondern einfach aufzustehen und nach Hause zu gehen.

Wie ich der Zeitung Bild entnommen habe, gibt es bereits die App We-Consent. Vor dem Akt müssen beide Vertragspartner ein Video aufnehmen, in dem sie die Einvernehmlichkeit des Aktes bestätigen und, ganz wichtig, ihren vollständigen Namen nennen, damit es nicht zu Verwechslungen mit Doppelgängern oder Zwillingen kommt. Das Video wird für sieben Jahre gespeichert. Dies ist doch völlig nutzlos, wenn Vorwürfe erst nach 20 oder 30 Jahren geäußert werden. Letztlich ist Sicherheit für beide Partner nur dann gegeben, wenn der Akt in Gegenwart eines Notars vollzogen wird, auf diese Weise würde der Notarberuf endlich ein bisschen facettenreicher werden.

Lars Weisbrod hat auch schon in Neon für Sexverträge geworben, dort heißt es, dass der Justizminister Maas ebenfalls dafür sei, "sexuelle Kontakte stärker zu regeln". Wenn Sex demnächst vertragspflichtig wird, können sie die Sexsteuer einführen. Man nutzt schließlich die staatliche Infrastruktur, etwa die letzte U-Bahn. Wenn Besserverdienende eine hohe Sexsteuer entrichten müssen, haben auch Männer aus dem Volk bei Karrierefrauen endlich eine Chance, weil die SPD ihnen bestimmt einen kleinen Freibetrag einräumt. Aus persönlichen Gründen hoffe ich, dass Heiko Maas auch einen Freibetrag für Senioren zulässt.

Typisch ist leider, dass diejenigen, die solchen Projekten nicht zustimmen, sofort zu schlechten Menschen erklärt werden. Alle, die Sexverträge albern finden, schreibt der Kollege, stünden "der Angst der Frauen mitleidlos gegenüber". Sollten wir nicht wieder lernen, mithilfe von Argumenten zu streiten? Ich vermisse diese Kulturtechnik. Wenn ich bei dem Kollegen lese, dass der Mann "eine der großen statistischen Bedrohungen darstellt, auf die eine Frau treffen kann", vergleichbar demnach mit frei laufenden Krokodilen oder Krebs, wird mir schwummerig. Sexismuskritiker sind in der Regel die schlimmsten Sexisten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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3 Kommentare Kommentieren

War "rechtlich sanktionierter Sex" nicht vor langer Zeit mal ein wesentlicher Aspekt der Ehe (uebrigens bis heute steuerlich bevorzugt, nicht extra besteuert)? Hat das vor Vergewaltigung oder anderem Missbrauch geschuetzt? Jetzt soll also "unregulierter" Sex wieder zurueckgedraengt und die Welt wieder etwas sittsamer werden. Mir persoenlich ist's egal, aber es scheint die Welt rueckt im Moment nach rechts, auch bei den Linken.