Karl Lagerfeld "Ich war immer jenseits von Gut und Böse"

Ein Gespräch mit Karl Lagerfeld über seine Erzfeinde, sein Verhältnis zu Deutschland und darüber, dass seine Katze ihn zu einem besseren Menschen gemacht hat. Interview: und
ZEITmagazin Nr. 51/2017

Karl Lagerfeld betritt seinen Buchladen 7L, in der Rue de Lille, in dem sich auch sein Studio befindet. Ein Dienstagabend Ende November in Paris. Er hat sich etwas verspätet, saß noch an einer Zeichnung, aber jetzt ist er da, schwarz gekleidet, Sonnenbrille, den Zopf nach hinten gebunden, so wie man ihn kennt. Er begrüßt die beiden Interviewer und zwei französische Mitarbeiter. Wir setzen uns an einen Tisch.

Ist das ein Bart in seinem Gesicht? "Ein Versuch. In den siebziger Jahren hatte ich sogar mal einen Vollbart, es gibt da ein Foto, kennen Sie das?" Er wechselt zwischen Französisch und Deutsch hin und her, und schon sind wir mitten im Gespräch:

Karl Lagerfeld: Es gibt nichts Schlimmeres als Leute, die nicht mehr anständig sprechen können. Französisch ist eine schöne Sprache. Aber sie ist verbubanst worden.

ZEITmagazin: Verbubanst, das ist Plattdeutsch, wir müssen das kurz für unsere Leser übersetzen: Sie meinen, dem Französischen wurde auf den Kopf gehauen?

Lagerfeld: Ja, sicher. Deshalb habe ich ein paar Bücher mitgebracht, die für das schöne Französisch stehen.

ZEITmagazin: Stört es Sie, wenn wir unser Gespräch aufnehmen?

Lagerfeld: Nein, ich pass ja auf, was ich sage. Seit dem Skandal im französischen Fernsehen ganz besonders.

ZEITmagazin: Sie haben vor Kurzem in der Talkshow von Thierry Ardisson Angela Merkel dafür kritisiert, dass sie zu viele Flüchtlinge ins Land gelassen habe: "Selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen."

Lagerfeld: Wissen Sie, der Ardisson ist ein alter Freund von mir, seit über 40 Jahren. Normalerweise vermeide ich Politik und Fernsehen. Was soll ich dazu auch schon sagen? Ich fand das gar nicht so aufregend.

ZEITmagazin: Sie haben doch angekündigt, Sie würden "etwas Schreckliches" sagen.

Lagerfeld: Die Leute haben das nicht verstanden. Das war eine Metapher.

ZEITmagazin: Wofür?

Lagerfeld: Die Deutschen haben Millionen von Juden umgebracht, und da schämen wir uns doch heute noch für. Und jetzt lässt Angela Merkel eine Million ihrer Erzfeinde ins Land.

ZEITmagazin: Sie meinen arabische Flüchtlinge? Sie können doch nicht behaupten, dass alle arabischen Flüchtlinge Antisemiten sind.

Lagerfeld: Natürlich nicht. Aber ich habe auch wenige Araber getroffen, die sagen: "Ich liebe die Juden." Die ganze Sache im Nahen Osten ist ohnehin hoffnungslos, solange der Konflikt zwischen Israel und Palästina nicht gelöst ist. Und da gibt es keine Lösung, weil sich beide Seiten nicht gut verhalten.

Lagerfeld beugt sich jetzt zu zwei Tüten hinunter, die er neben seinen Stuhl gestellt hat. Er wollte sich, so hatte es im Vorfeld geheißen, in seinem Buchladen treffen, in seiner Welt.

Lagerfeld: Ich habe Ihnen eine CD meiner derzeitigen Lieblingsband mitgebracht, sie heißt Ibeyi, ich liebe diese Mädchen, sie sind französisch-kubanisch, elles sont géniales. Die höre ich zurzeit ziemlich oft, ich bin ja immer auf der Suche nach Neuem. Warten Sie, jetzt kommen wir zu den Büchern, hier, die Biografie über Jacques Bénigne Bossuet, den Autor und Redner. Sein Französisch ist mein Lieblingsfranzösisch, denn ich liebe das 17. Jahrhundert, mehr als das 18. Jahrhundert. Das 18. Jahrhundert ist Rokoko, das ist süß und nett, aber das wirkliche Grand Siècle, wie man hier sagt, ist interessanter.

Lagerfeld greift wieder in seine Tüte, zieht das Buch Spinoza – Philosophie pratique von Gilles Deleuze heraus.

Lagerfeld: Ich kannte den Deleuze, als er noch völlig unbekannt war. Ich arbeitete damals, Ende der fünfziger Jahre, als Assistent bei Balmain, und eine Assistentin, die kam aus der Provinz, aus Nantes. Sie hatte einen jungen Verlobten, den ihre Eltern ganz furchtbar fanden, weil er lange Nägel und lange Haare hatte. Das war Gilles Deleuze. Was ich ihm und Foucault hoch anrechne: Die beiden hatten Humor. Heute sind die Intellektuellen so furchtbar ernst. Dabei ist Humor wichtig. Ich kann nur deshalb keine Witze machen, weil ich ja selbst ein laufender Witz bin. Ach ja, und dieses Buch lese ich gerade, von Johann Gottlieb Fichte.

ZEITmagazin: Dem deutschen Philosophen.

Lagerfeld: Ich bin sehr für Fichte. Über Religion hat er 1806 etwas sehr Kluges gesagt, sinngemäß: Okay, bei all den grauenhaften Dingen, die in der Welt passieren, kann man meinetwegen an Gott glauben, aber die Guten, wer hat die denn gemacht? So, ein letztes Buch habe ich noch dabei, das ist ein Buch für Frau Merkel, das sollten Sie ihr mal geben, L’ordre du jour von Éric Vuillard, das ist in diesem Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden ...

ZEITmagazin: ... dem wichtigsten französischen Literaturpreis.

Lagerfeld: Im Grunde ist das gar kein Roman, es ist die Dramatisierung des Aufstiegs von Adolf Hitler. Vuillard erklärt, wie es die Nazis verstanden haben, das ganze Land zu übernehmen. Es geht ja derzeit heiter zu in Deutschland.

ZEITmagazin: Was würden Sie Frau Merkel sagen, wenn Sie jetzt hier am Tisch säße?

Lagerfeld: Lesen Sie das mal. Dann wissen Sie, wie die AfD funktioniert.

ZEITmagazin: Sie ziehen direkte historische Parallelen.

Lagerfeld: Als Kind habe ich erst nach dem Krieg von all dem erfahren, was die Nazis gemacht haben. Die Erwachsenen wussten das natürlich. Meine Mutter hat immer gesagt: "Wir wussten alle 1938, was los war."

ZEITmagazin: Man merkt Ihnen an, wie nah Ihnen diese Zeit bis heute ist.

Lagerfeld: Das ist etwas, was man nicht vergeben kann. Deshalb bin ich auch Deutscher geblieben. Auch wenn wir hier damit direkt nichts zu tun haben, ich glaube auch nicht an Erbschuld, aber wir müssen alle damit bis zu unserem Lebensende umgehen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie reagiert, als die AfD in den Bundestag eingezogen ist?

Lagerfeld: Da habe ich beinahe einen Schlag gekriegt, so aufgebracht war ich. Ich war wütend, bin es immer noch. Ich will es Ihnen noch einmal aus meiner Sicht erklären. Seit Angela Merkels Umgang mit Griechenland während der Finanzkrise hatte sie in Europa den Ruf einer bösen Mutter, wie man in Frankreich sagt. Während der Flüchtlingskrise wollte sie sich dann als Pastorentochter ein besseres Image zulegen. Man hat ihr damals vorausgesagt, dass sie deshalb Millionen von Stimmen verlieren wird. Und genau so ist es gekommen. Bravo!

ZEITmagazin: Früher haben Sie sehr positiv über Angela Merkel gesprochen.

Lagerfeld: Früher hat sie auch nicht solche Unüberlegtheiten gemacht. Ich kenne sie ja nicht persönlich, ich will sie auch gar nicht kennenlernen, so kann ich weiter Karikaturen über sie machen.

ZEITmagazin: Das geht besser mit Menschen, die Sie nicht persönlich kennen?

Lagerfeld: Ja, ich tue es dann nicht so gern. Wissen Sie, ich wollte ja eigentlich Karikaturist und Illustrator werden. Und in meinen Karikaturen lebe ich das heute noch aus. Ich genieße heute Freiheit in jedem Sinne, auch materiell. Ich kann machen, was ich will.

ZEITmagazin: Wie sähe eigentlich Ihre Traumwelt aus?

Lagerfeld: Kennen Sie die Geschichte der spanischen Stadt Córdoba? Um das Jahr 1000 herum war Córdoba neben Byzanz die größte Stadt Europas. In dieser Stadt lebten Juden, Araber und Christen zusammen. Da gab es bereits eine Kanalisation, Straßenbeleuchtung, Krankenhäuser. Dann haben die Christen die anderen rausgeekelt, nach dem Motto: Der Mensch braucht keine Krankenhäuser, der Mensch soll leiden. Und Nacht ist Nacht, weil Gott das so gewollt hat. So ist aus Córdoba ein Dorf geworden, dabei war es um 1000 herum die ideale Stadt.

ZEITmagazin: Hätten Sie dort gern gelebt?

Lagerfeld: Damals? Ja, sicherlich. Aber im Grunde bin ich mit dieser unmöglichen Welt von heute zufrieden. Sie ist grauenhaft – und interessant. Nehmen Sie nur mal die Reformation, die in diesem Jahr groß gefeiert wurde. Ich habe einiges dazu gelesen, aber was Luther mit seiner Bibelübersetzung für die deutsche Sprache getan hat, wurde in diesen Artikeln höchstens am Rande erwähnt. Dabei ist es für mich das einzig Interessante!

ZEITmagazin: Religion interessiert Sie nicht.

Lagerfeld: Ich hatte keinerlei religiöse Erziehung. Meine Eltern sind beide aus der Kirche ausgetreten. Die Familie meines Vaters waren Protestanten, die zum Katholizismus übergetreten waren, also auf schlimmste Art hysterisch. Und die Familie meiner Mutter waren hysterische Katholiken. Außerdem hatte eine Wahrsagerin meiner Mutter prophezeit, dass ich einmal Priester werde. Das wollte meine Mutter auf gar keinen Fall. Also hat sie mich von Religion ferngehalten.

ZEITmagazin: Wie war Ihre Mutter?

Lagerfeld: Die war ’ne Nummer! Gegen sie bin ich ganz bescheiden. Sie hatte immer recht. Sie war so schlagfertig, dagegen bin ich richtig langsam. Alle mussten alles für sie tun – und sie tat für niemanden etwas. Und hinterher haben wir uns alle auch noch dafür bei ihr bedankt.

ZEITmagazin: Und Ihr Vater?

Lagerfeld: Der war ein lieber Mensch. Ich mache mir heute beinahe Vorwürfe, dass ich nicht lieb genug war zu ihm, weil er ein bisschen langweilig war. Geschäfte, Geschäfte, er kontrollierte mit seiner Firma Glücksklee mehr als 50 Prozent des deutsch-französischen Kondensmilchmarkts.

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ja, da kommt noch was....ich hätte sehr gerne gewusst, warum er die großartige Schauspielerin Eva-Maria Admiral bei einer Kostümprobe ihren Oberarm nimmt, kneift und sagt: " Das ist einfach Scheißmaterial"....und als Frau Admiral - eine junge, attraktive Burgschauspielerin in Wien- ihren Arm wegzieht und von ihm nicht nochmal gekniffen werden möchte, amüsiert lächelnd weggeht.
Sie beschreibt das in ihrer sehr berührenden Biographie " Mein Überlebenslauf" und ich muss sagen, ich hatte stets Sympathien für KL, weil er in meinen Augen so war, wie er hier sagt: er sähe nicht so aus, aber wäre ganz nett.....und ich fand das ausgesprochen menschenverachtend.
Die Kostüme waren dann sehr schön, schreibt Eva, aber nicht bühnentauglich, der Saum so eng, dass Eva nur tippeln kann und als sie es vor KL moniert, dass sie damit nicht die Bühne überqueren kann, sagte er: "Das ist dann wohl ihr Problem......" oje...sie sagt sie hasste es, so ausgeliefert zu sein....und ich dachte immer, er wäre selber ein Künstler und hätte ein Gefühl für sie......