Stilkolumne Schichtbetrieb

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 51/2017

Kleidung, so sind wir es gewohnt, besteht aus mehreren Teilen. Wir kennen Jacke, Hose und Bluse, Rock, Strumpfhose. Das ist der Inhalt des Baukastens, aus dem man den täglichen Look zusammenbastelt. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Kleidung einmal ganz anders ausgesehen hat und dass das, was für uns heute selbstverständlich ist, eine lange Entwicklung hinter sich hat. Wer weiß schon, dass die Unterwäsche eine sehr neuzeitliche Erfindung ist und man sich zuvor einfach die Hemdzipfel im Schritt zusammenband?

Vor allem bestand Kleidung aus noch viel mehr Teilen. Gewebe war aufwendig herzustellen, der Kleiderschrank wesentlich kleiner als heute. Nur wenige Kleidungsteile hatten eine Schmuckfunktion, die Funktionalität stand im Mittelpunkt. Kleidung wurde in mehreren Lagen getragen, sodass man sie der Wettersituation anpassen konnte. Männer trugen etwa ein Hemd und darüber ein Wams und dann erst die Jacke. Die Frauen hingegen trugen eine Hemdbluse unter einem Mieder. Schließlich war das Leinen das Einzige, was gewaschen wurde, die Oberbekleidung sah normalerweise nie einen Waschzuber.

Derzeit werden wieder viele Kleidungsstücke montiert und in Lagen kombiniert. Bei Calvin Klein, Balenciaga, Archivio und Raf Simons werden Tücher, Stulpen und Korsetts direkt an der Oberbekleidung fixiert. Acne, Sacai und Koché hingegen schneidern aus mehreren Kleidungsstücken Einteiler, die mal aussehen wie dürftig zusammengenäht, mal (wie bei Sacai) so, als seien sie nahtlos zu einem Stück verbunden. Bei Saint Laurent bilden Unterhemd und Bluse ein Teil. Céline, Ottolinger und Comme des Garçons verdoppeln oder vervielfachen Mäntel und Kleider.

Heute hat der Lagenlook freilich keinen praktischen Wert mehr. Eher wirkt er wie ein Anklang an das Barocke in der Mode. Wo viel Stoff ist, so der Eindruck, da ist auch viel Geld. Im 18. Jahrhundert mussten die reichen Bürgerfrauen möglichst viele Unterröcke tragen, um eine maximale Raumverdrängung mit ihrem Äußeren sicherzustellen. Den Wohlstand der Familie stellte die Frau am Leibe aus. Heute ist Kleidung ein Billigartikel, und für Luxusmarken wird es zunehmend schwerer, sich abzusetzen, um die hohen Preise für ihre Kleider zu rechtfertigen. Aufwendig vernähte Kleidungsstücke aus mehreren Einzelteilen passen da gut: Sie sind schwierig zu kopieren oder in Massen herzustellen. So wird, wie vor 300 Jahren, viel Stoff wieder zum Symbol für viel Geld. Oft befindet sich auf solcher Kleidung übrigens die Waschanleitung "nicht waschen".

Damit wäre wirklich wieder alles wie früher.

Foto Peter Langer / Gut kombiniert. Blazer mit Ärmel von Calvin Klein Collection

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