Scherzartikel Goodbye, Furzkissen!

Früher kaufte unser Autor jeden Scherzartikel, den es gab, um damit seine Umwelt zu bespaßen. Heute wirken Juckpulver und Knalleinlagen wie aus der Zeit gefallen. Eine wehmütige Erinnerung. Von
ZEITmagazin Nr. 51/2017

Als ich in die vierte Klasse ging, gab es auf dem Schulweg einen Kiosk, der verkaufte Zeitschriften und Gummibärchen. Man konnte auch Videokassetten ausleihen. Aber ich interessierte mich vor allem für die Auslage mit den Scherzartikeln. Die meisten Verspätungen meiner Schulzeit kamen dadurch zustande, dass ich in diesem Kiosk boshaften Kleinkram erwarb. Es gab die bekannten Furzkissen, Juckpulver und Elektroschocker für den Händedruck. Eine ganze Reihe von Artikeln drehte sich ums Rauchen. Etwa der Aschenbecherschreck: ein Zellstoffkissen, das man in den Aschenbecher legen konnte. Sobald man eine Zigarette darauf ausdrückte, schoss eine Stichflamme hervor. Es gab auch "Knalleinlagen", kleine Knallkörper, die eine Zigarette explodieren ließen. Auf den Packungen lockten stets feine, mir schon damals altmodisch erscheinende Zeichnungen, die andeuteten, welch köstliche Reaktionen solch ein entsprechender Anschlag mit dem jeweiligen Artikel erwarten ließ. Die Knalleinlagen waren zum Beispiel der Schrecken einer eleganten Dame und ihres auseinanderfliegenden Glimmstängels. Oder der entsetzte Blick einer Frau, der gerade Zaubertinte auf die gebügelte Bluse gespritzt wurde – die gleich darauf natürlich zur Erleichterung aller wieder verblassen würde. Mein Favorit war allerdings die Bierlinse. Man gibt eine Pille in ein Glas Wasser, sie färbt das Wasser gelblich, und es schäumt auf wie ein Bier. Es schmeckt aber fürchterlich bitter. Meine Eltern tranken jeden Abend ein Bier, das ich ihnen aus dem Keller holte. Deshalb schöpften sie keinen Verdacht, als ich ihnen das vergällte Getränk im Glas reichte. Anschließend lachten die beiden allerdings nicht so gütlich wie die Figuren auf der Verpackung.

Manchmal gab es auch Scherzartikel als Gimmick im Yps-Heft. Etwa eine Fliege, die man sich um den Hals binden konnte – um daraus dem Gegenüber eine Ladung Wasser ins Gesicht zu spritzen. Heute geht das alles nicht mehr. Heute würde schon das Tragen einer Fliege die Umwelt misstrauisch machen.

Bierlinsen gibt es noch. Aber leider nicht mehr die Situation, in der ein Vater sein abendliches Bier vom Sohn gereicht bekommt. Vermutlich würde man das Jugendamt verständigen, hörte man davon. Und wollte man heute jemanden mit Tinte bespritzen, müsste man im Smartphone-Zeitalter vermutlich erst einmal erklären, was das ist – Tinte.

Natürlich gibt es noch vereinzelt Scherzartikel, aber die Kulissen, in denen sie benutzt wurden, gibt es nicht mehr. Scherzartikel waren die Waffen des Pennälers gegen die Ödnis der kleinbürgerlichen Welt. Einer Welt, in der sonntags die Tante zum Kaffeekränzchen kam – und erschüttert war, wenn sie das künstliche Brandloch in der Damasttischdecke entdeckte.

All das wirkt heute seltsam nostalgisch. Die alte Spießerwelt mit ihren in die Luft gehenden HB-Männchen gibt es nicht mehr, das aufgeklärte Bürgertum hat übernommen. Eltern haben keine Aschenbecher mehr, die in Flammen aufgehen könnten – kein Mensch raucht mehr zu Hause. Es gibt auch keine Kaffeekränzchen mehr. Und die grünen Detox-Smoothies schmecken ohnehin scheußlich, da muss man keine bittere Linse mehr reinwerfen. Gegen den Zeitgeist kommt man mit Scherzartikeln nicht mehr an. Wir leben in humorresistenten Zeiten.

Der niedliche Scherzartikel gehört in die analoge Zeit, was aber nicht bedeutet, dass es keine Bosheiten mehr gibt. Der digitale Nachfolger des Scherzes ist der Prank: die öffentliche Video-Demütigung auf YouTube. Heute schockiert man nicht mehr mit einem imitierten Ketchupfleck – und im Internet hilft eine Plastikfliege, die man in der Suppe schwimmend serviert, wenig. Besser ist da schon, eine ferngesteuerte Vogelspinne zu jemandem in der Dusche krabbeln zu lassen. Am besten aber, man lauert Passanten als Horrorclown mit Kettensäge in einer Tiefgarage auf. Für die Spaßökonomie des Internets ist es eben nicht genug, einen nahen Verwandten kurz in seiner Selbstgewissheit zu stören. Man muss schon jemanden in Todesangst versetzen. Ich möchte im Leben keinem Prank zum Opfer fallen. Aber dafür, dass mir ein unverschämter Neffe einmal die Zigarette im Mund explodieren lässt, würde ich sogar kurzzeitig mit dem Rauchen anfangen.

Kommentare

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Warum werden die Kommentare geprüft - die können ohnehin den Artikel kaum toppen. Ich schreib trotzdem lieber nicht, was es so alles noch an Schabernack gab - obwohl: Der schwarze Minizylinder, aus dem sich, wenn man ihn anzündete, unter leichter Rauchentwicklung eine riesige, dunkle fingerdicke Wurst entwickelte, die kaum mehr aufhörte. Ich liebe solche Scherzartikel. Aber Humor - auch geschriebener - verschwindet im Zeitalter der Digitalisierung. Zum Glück nicht ganz - wie Prüfers Artikel beweist.