Gesellschaftskritik Über Kartenspiele

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 51/2017

Vom Skat hatte man lange nichts mehr gehört. Es hat, anders als Poker, in den letzten Jahren keinen Boom erlebt, kein ehemaliger Tennisspieler machte eine zweite Karriere als Skat-Profi, und Manufactum verkauft zwar das Naturquartett "Heimische Laubbäume", nicht aber ein Spiel mit französischem Blatt und 32 Karten, mit dem sich Skat spielen ließe. Denkt man an prominente Skatspieler, fällt einem Gerhard Schröder ein, Johannes Rau, Oskar Lafontaine und Günter Grass. Zwei davon sind tot. Alle standen mal der SPD sehr nah.

So war es einigermaßen verwunderlich, dass Claudia Roth das Spiel wieder ins Zentrum des Interesses rückte, als sie ausplauderte, die Jamaika-Unterhändler hätten sich mit Skat die Zeit vertrieben, wenn gerade Pause war.

Kurt Tucholsky schrieb: "Wenn dem Deutschen so recht wohl ums Herz ist, dann singt er nicht. Dann spielt er Skat." Was Tucholsky vergessen hat zu sagen: Und nach drei Runden ist es dem Deutschen dann leider nicht mehr so wohl. Jeder, der mal Skat gespielt hat, weiß, dass es neben dem gemeinsamen Autofahren, dem gemeinsamen Fernsehen und dem gemeinsamen Im-Internet-was-Recherchieren nichts gibt, was einem die Laune so zuverlässig vermiesen kann wie Skatspielen. Streit scheint ein Teil des Spiels zu sein. Man spielt zwei gegen eins, was schon mal eine ungünstige Aufteilung ist. Mit etwas Pech hat man also einen Mitspieler, der die eigenen genialen Kniffe nicht begreift. Weitere Streitgründe: Wie wird ein verlorenes Spiel gezählt? Darf man über sein "schlechtes Blatt" meckern? Wie lange darf man überlegen, bis man ausspielt? Darf man einzelne Stiche kommentieren? (Natürlich nicht, schon klar, aber streiten kann man trotzdem drüber.) Kein anderes Kartenspiel hat eine eigene juristische Institution hervorgebracht. Für das Skatspiel zuständig ist das Skatgericht (kein Witz), es hat seinen Sitz in Altenburg in Thüringen, seit 1927. Wer sich hier trifft, redet schon seit Langem nicht mehr miteinander. Besser würde man sich hauen, um sich gegenseitig kennenzulernen, als Skat zu spielen. Historiker werden irgendwann herausfinden, dass es die FDP war, die das Kartenspiel mitgebracht hat.

Für künftige Sondierer empfiehlt sich "Hanabi". Das Kartenspiel wurde Spiel des Jahres, es gibt nur ein Team, keine Verlierer, wenn es Gewinner gibt, dann alle. Im Idealfall geht es laut Anleitung so aus: "Die Spieler haben alle Farbreihen komplett ausgelegt. Das Spiel endet sofort, und die Spieler feiern ihren spektakulären Sieg."

Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Es passt sogar sehr gut zum heutigen Zeitgeist in Deutschland und beschreibt zugleich die Gründe, warum unsere besten Jahre in Kürze vorbei sein werden. Bis dahin wird noch ein bisschen altes Vermögen verfrühstückt und dann wird sich Deutschland neben einigen Balkanländern hinsichtlich Bedeutungslosigkeit einreihen dürfen!
Ich weiss, ich weiss....soviel Zynismus am Morgen ...aber man möge mir verzeihen, meinte soeben eine Kollegin, das unsere Konkurrenten doch nicht mehr in Konkurrenz zu uns stünden, sondern wir alle doch "Mitbewerber" seien. ;-)