Staatskrise in Venezuela Im gebrochenen Herzen des Landes

Venezuela versinkt im Chaos, in der Hauptstadt Caracas brannten in diesem Jahr die Barrikaden, Menschen starben bei Protesten gegen die Regierung von Präsident Nicolás Maduro. Die Fotografin Natalie Keyssar hat die vergangenen drei Jahre dokumentiert. Von
ZEITmagazin Nr. 51/2017

In diesem Jahr brannten die Barrikaden in Caracas, den Frühling und den Sommer über, monatelang. Menschen starben bei den Protesten gegen Hyperinflation, Lebensmittelknappheit und Korruption, gegen die Regierung von Präsident Nicolás Maduro. Die Fotografin Natalie Keyssar hat Venezuela seit 2014 immer wieder bereist. Ihre Bilder zeigen ein Land, in dem der Ausnahmezustand zum Alltag geworden ist. Und selbst wenn, wie im Moment, uns keine Nachrichten aus Venezuela erreichen, bedeutet das nicht, dass Ruhe herrscht. Gewalt durchtränkt die Gesellschaft. Mit 30.000 Morden pro Jahr gilt Caracas als eine der gefährlichsten Städte der Welt.

Vor drei Jahren, als Keyssar ihre Bildreportage begann, demonstrierten in den Straßen vor allem Mitglieder der Mittel- und Oberschicht, die alten Gegner von Hugo Chávez, Maduros Amtsvorgänger. Seine "Bolivarische Revolution" und die Sozialprogramme für seine Wähler, überwiegend ärmere Bewohner des Landes, finanzierte Chávez mit den Petrodollars, die im erdölreichen Venezuela reichlich flossen. Der Preis pro Fass lag bei 100 Dollar. Seit er vor drei Jahren um mehr als die Hälfte gesunken ist, hat sich die Situation verschärft. Längst demonstrieren auch ehemalige Chavistas gegen den Nachfolger ihres Idols.

Der Protest richtet sich gegen eine Regierung, die nicht einmal mehr in der Lage ist, die eigene Bevölkerung zu ernähren. Venezuelas Schulden belaufen sich auf etwa 170 Milliarden Dollar. Das Land ist beinahe zahlungsunfähig und bewegt sich auf einen Staatsbankrott zu. Menschen stehen nachts Schlange vor den Supermärkten, die den Mangel verwalten. Der Schwarzmarkt blüht. Die Inflation frisst die Löhne. Für das kommende Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds eine Inflationsrate von 2.300 Prozent. Nur noch 3 von 14 Millionen Erwerbstätigen haben einen festen Arbeitsplatz. Wer es sich leisten kann, geht ins Ausland.

Bisher ist jeder Versuch, Präsident Maduro mit demokratischen Mitteln herauszufordern, gescheitert. Das Parlament wurde im Juli nach manipulierten Wahlen von einer regierungstreuen Verfassungsversammlung entmachtet. Kritiker aus den eigenen Reihen werden als Verräter denunziert, politische Gegner unter Hausarrest gestellt, wenn sie nicht direkt im Gefängnis landen. Das Oppositionsbündnis Mesa de la Unidad Democrática, das außer dem Wunsch, Maduro aus dem Amt zu jagen, kaum einen gemeinsamen Nenner hat, droht zu zerbrechen. Da sind die, die verhandeln wollen – und die, die einen gewaltsamen Umsturz als einzig verbleibende Lösung sehen.

Der Sozialwissenschaftler Heinz Dieterich, einst Chávez-Berater und Leiter des Zentrums für strategische Beziehungen an der Universidad Autónoma Metropolitana in Mexiko-Stadt, warnt vor einem Bürgerkrieg. Die Bilder von Natalie Keyssar wirken, als habe dieser Krieg längst begonnen.

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