Das war meine Rettung: "Ich war schon als Kind skeptisch gegenüber den Menschen"

Der Filmemacher Baran bo Odar kennt aus Deutschland Verrisse. Erst Erfolge im Ausland haben ihn unabhängig gemacht. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 52/2017

ZEITmagazin: Herr Odar, Sie haben die erste deutsche Serie für Netflix gedreht. Es geht um ein Atomkraftwerk, seltsame Dinge geschehen, Kinder verschwinden, Menschen reisen durch die Zeit. Alles ist sehr düster. Haben Sie mit Dark Ihre Ängste gebannt?

Baran bo Odar: Bestimmt. Meine Frau, die auch das Drehbuch für Dark geschrieben hat, und ich sind immer überrascht, dass alle unsere Filme so düster finden. Vielleicht können wir sie nüchtern sehen, weil wir alles schon therapeutisch verarbeitet haben. Erst die Angst treibt einen dazu, Dinge verstehen zu wollen, und ich mag düstere Sachen. Ich teile das Gefühl nicht, dass das Leben schön ist. Die Welt ist schön, aber der Mensch nicht. Jantje und ich interessieren uns sehr für den Menschen, aber wir haben auch Angst vor ihm. Trotzdem lieben wir unsere Figuren.

ZEITmagazin: Dark spielt in einer deutschen Kleinstadt namens Winden. Gibt es diesen Ort wirklich?

Odar: Es gibt drei Orte namens Winden, aber keiner davon ist unserer. Das Winden in Dark ist die Bündelung all unserer Kleinstadt-Erfahrungen. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass ich keine Heimat habe. Ich fühle mich nicht deutsch, aber auch nicht türkisch oder russisch.

ZEITmagazin: Man liest, Sie seien Schweizer, in Erlangen aufgewachsen. Dann tragen Sie diesen märchenhaften Namen Baran bo Odar ...

Odar: Ich bin in der Schweiz geboren, aber kein Schweizer. Mein Vater hat dort in der Atomenergie-Branche gearbeitet. Dann sind wir wieder umgezogen. Wir sind eine Familie, die sehr viel herumzieht. Der Vater meines Vaters war ein Tatar, und er war immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Erst musste er vor der Oktoberrevolution in Russland fliehen und reiste über China nach Deutschland, wo er Medizin studierte. Als Hitler an die Macht kam, musste er wieder zurück nach China. Am Ende floh er auch noch vor Mao. Der Vater meiner Mutter war ein Schlesier, der nach Istanbul gegangen ist und dort meine Großmutter kennengelernt hat. Unsere Familie hat nirgendwo wirklich Wurzeln.

ZEITmagazin: Sie wuchsen in Erlangen auf?

Odar: Ja, ich wollte da immer weg. Für mich hat die Kleinstadt nichts Idyllisches. Ich war schon als Kind skeptisch gegenüber den Menschen. Mit zwölf habe ich Schuld und Sühne gelesen, das war tatsächlich einer der prägendsten Momente meiner Jugend, auch wenn ich damals nicht alles verstanden habe. Aber den Kern habe ich gespürt: dass da ein ganz normaler Mensch etwas unfassbar Böses tut und darüber alles Menschliche verliert. Vor ein paar Jahren ist mir bewusst geworden, dass das mein großes Thema ist: zu begreifen, warum Menschen Böses tun. Bei uns in der Familie hieß es zum Beispiel über einen Mann in unserer Nachbarschaft, er stelle was mit Kindern an. Sein Garten sah sehr ordentlich aus, aber im Haus lauerte angeblich ein Monster. Da finde ich die Großstadt mit ihrem Dreck und ihrem Lärm ehrlicher als die saubere Kleinstadt.

ZEITmagazin: Sie sagten, Ihr Vater hat für ein Atomenergie-Unternehmen gearbeitet . Wie war das für Sie?

Odar: Ja, er war Chemiker. Können Sie sich vorstellen, wie das war in den Achtzigern, wo alle Sticker mit "Atomkraft? – Nein danke" trugen? Dark ist auch meine Aufarbeitung dieses Themas. Tschernobyl war die erste richtige Katastrophe, die meine Generation wahrgenommen hat. Damals war ich acht, und plötzlich hieß es, du kannst nicht raus in den Regen, der ist giftig.

ZEITmagazin: Sie sind der erste Deutsche, der für Netflix dreht, Sie haben in Hollywood einen Film mit Jamie Foxx in der Hauptrolle gemacht, und auch Ihr Hacker-Film Who am I war ein großer Erfolg. Gab es in Ihrem Leben schon Krisen?

Odar: Ja, Jantje und ich hatten auch krasse Durststrecken. Fünf Jahre waren wir existenziell am Boden. Mein erster Film – Das große Schweigen – über zwei Pädophile war ein Flop. Die Kritiker haben ihn verrissen, und keiner ist reingegangen. Da zweifelt man ganz schön an sich. Gerettet hat mich eigentlich das Ausland. Plötzlich hat ein englischer Verleih den Film gekauft, dann war er in Frankreich und Italien in den Top Ten. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, wie subjektiv das Geschichtenerzählen ist. Natürlich weil man selbst subjektiv erzählt, aber die anderen nehmen die Geschichte eben auch subjektiv wahr. Damals begriff ich, dass ich nur eins tun kann: weitererzählen und versuchen, ein globales Publikum zu erreichen. Bei Dark ist es auch so – im Ausland werden wir gefeiert, und hier kommt wieder dieser Vorwurf: Dark sehe zu gut aus, sei zu krampfhaft Hollywood. Aber weil ich mit dem ersten Film so auf die Schnauze geflogen bin, bin ich jetzt viel entspannter.

Das Gespräch führte Christine Meffert. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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Hoffentlich ist Dark nur der Startschuss für endlich mal gut produzierte Serien der hiesigen Film- und Fernsehlandschaft. Da wurde Risiko gegangen: Geld reingesteckt und sich Zeit für die Bildsprache genommen. Wenn ich noch einen öden Krimi, wo der beleuchter wieder mal einfach nur flächenleuchten in den Raum stellt und der DOP sich wieder nur 2 Minuten für die bildkomposition genommen hat, sehen muss, erkläre ich „Neues aus Büttenwarder“ offiziell zum Höhepunkt der Filmkunst und stürz mich vom Balkon.

Dark ist einer der besten Serien überhaupt und für mich die beste deutsche Serie die ich je gesehen habe. Sie fesselt von der Geschichte und lässt einen mitraten und miefiebern. Die Charaktere sind ausgezeichnet geschrieben und glaubhaft und die Darsteller sind bis ins letzte brillant besetzt und gecastet. Ich bin wirklich dankbar für die Serie und denke, ich bin nicht alleine damit. Meine Frau findets nämlich auch gut!