© Juergen Teller

Bubenreuth: Die Kinder von Bubenreuth

Wie interpretieren Schulanfänger die Arbeiten eines weltberühmten Fotografen? Erst- und Zweitklässler aus dem Heimatort von Juergen Teller haben einige seiner Bilder im Unterricht nachgestellt. Szenen einer außergewöhnlichen Kunstaktion Von
ZEITmagazin Nr. 52/2017

Wozu stiftet Juergen Teller Schulkinder an? Die angehende Lehrerin Christina Busch erzählt von den spontanen Reaktionen der Bubenreuther Erstklässler

ZEITmagazin: Frau Busch, wie haben die sechs- und siebenjährigen Kinder etwa das Bild, das Victoria Beckham in einer Tüte zeigt, interpretiert?

Busch: Sie sehen eine Frau in einer Tüte mit Schriftzug. Des gesellschaftlichen Aspekts sind sie sich nicht bewusst. Die Kinder nehmen eine Bildkomposition wahr, die schräg erscheint und die man erst auf den zweiten Blick versteht, auch deren Schönheit. Der zweite Blick ist jetzt etwas ganz Wichtiges für die Kinder. Sie haben dadurch gelernt, nicht gleich zu kategorisieren. Sie möchten verstehen und sehen immer etwas Positives in Tellers Bildern. Das Lieblingsbild der Kinder ist übrigens das FC-Bayern-Bild mit den Armani-Anzügen.

ZEITmagazin: Was haben die Kinder zum Beispiel für Fragen gestellt?

Busch: Was isst der Juergen am liebsten? Warum taucht seine Mama in vielen Bildern auf? Das konnten wir Lehrer natürlich nicht beantworten.

ZEITmagazin: Wie haben Sie reagiert?

Busch: Die Mutter von Juergen Teller ist die Nachbarin unserer Schülerin Johanna. Die hat gefragt, ob die Kinder mal vorbeikommen dürfen, und Irene Teller hat uns zum Tee eingeladen. Und dann rief Juergen Teller plötzlich selber an und sagte, er wolle bei dem Treffen dabei sein. Da saßen wir dann also mit dem Bürgermeister von Bubenreuth, der auch unbedingt dabei sein wollte, im alten Kinderzimmer von Juergen und stellten ein Bild von Juergen Teller nach. Als er dann später dazukam, prasselten die Fragen auf ihn ein: Was verdienst du? Warum fotografierst du Nackte? Er hat den Kindern gesagt, Nacktsein sei etwas Natürliches und die Haut von Menschen sehe einfach schön aus.

ZEITmagazin: Und dann ging es in den Wald, wo eine gemeinsame Fotosession stattfand.

Busch: Die Assistenten, die die ganze Aktion filmten, packten die Kamera von Juergen Teller in einen großen Koffer, und los ging es. Teller spielt gerne mit seinem Namen, also warfen alle Teller in die Luft. Er und die Kinder knipsten.

ZEITmagazin: Wie haben Sie diesen Ausflug empfunden?

Busch: Als Lehrerin muss man gut planen, damit es keinen Leerlauf gibt. Es ist schwer, diese Kontrolle abzugeben. Doch das war kein Problem. Juergen Teller sah sich mit den Kindern ihre Bilder an und nahm sie ernst. Moritz, ein Junge aus der Klasse, ist ein besonders großer Teller-Fan. Er besitzt viele Ausstellungskataloge. Auf dem Rückweg nahm Teller ihn bei der Hand. Für alle Kinder war es ein prägender Tag, wie er im Schulalltag sonst nicht möglich ist.

ZEITmagazin: An Ihrer Schule gehört zu jedem Ausflug auch eine Nachbearbeitung.

Busch: Die Kinder haben im Unterricht ihr liebstes Bild neu komponiert, zum Beispiel mit dem Tennisschläger vom Papa, dem Kleid der Mama oder einer Louis-Vuitton-Tasche. Das Projekt lief ein halbes Schuljahr. Am Ende wurden alle Ergebnisse in Bubenreuth ausgestellt, zusammen mit einigen Teller-Originalen als Pendant.

ZEITmagazin: Sie fuhren mit Ihren Schülern zur Eröffnung der Teller-Ausstellung Enjoy Your Life! nach Berlin. Norbert Stumpf, der Bürgermeister von Bubenreuth, war auch mit dabei. Wie kam das?

Busch: Ich hatte den Unterricht gefilmt, und Juergen Teller bat mich, ihm die Aufnahmen zu schicken. Der Film und mit ihm auch die Kinder wurden Teil der Berliner Ausstellung. Also fuhren wir mit allen Schülern und ihren Eltern in die Hauptstadt. Der Bürgermeister hat mal eine Busfahrerausbildung gemacht und setzte sich, um Fahrtkosten zu sparen, einfach selbst ans Steuer. Aber das größte Erlebnis für die Kinder war nicht die Fahrt nach Berlin, sondern ihre eigene Ausstellung. Wir sind zu Tellers Ausstellung in die Hauptstadt gefahren, und er kam zu unserer Ausstellung nach Bubenreuth.

ZEITmagazin: Wie haben die Kinder reagiert, als sie sich in der Berliner Ausstellung selbst im Film erkannten?

Busch: Sie waren stolz. Sie fotografierten den Bildschirm mit ihren Gesichtern und erklärten anderen Besuchern die Bilder, als wären sie kleine Museumsführer.

Teile von Juergen Tellers Ausstellung "Enjoy Your Life! Junior" sind bis zum 13. Januar in der Londoner Alison Jacques Gallery und bis zum 2. April in der Fondation Vincent van Gogh Arles zu sehen

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