Carsharing: Teile mit Eile

Ständig begegnet unser Kollege Jörg Burger rücksichtslosen und überforderten Carsharing-Fahrern. Dabei gilt die Idee der Gemeinschaftsautos doch als menschenfreundlich und zukunftsweisend. Ein Wutausbruch Von
ZEITmagazin Nr. 52/2017

Wer in Berlin Auto fährt, begibt sich in eine Art Nahkampf, in dem das Recht des Stärkeren gilt. In der Tempo-30-Zone hupen sie, wenn man vor ihnen 30 fährt, im Rückspiegel sieht man wütende Gesichter. Auf Hauptstraßen fahren alle 60. Tut man das ebenfalls und hofft darauf, dass die überforderte Berliner Polizei gerade Besseres zu tun hat, als Blitzer aufzustellen, kann man trotzdem sicher sein, dass einen bald einer überholen wird, und zwar zackig: kurz nach links geschwenkt, Vollgas, vorbei. Häufig ist es ein schöner weißer Mini Cooper mit der Aufschrift "DriveNow". Das ist nicht übertrieben, es passiert alle paar Tage.

In Berlin leben viele Autofahrer, die sich nicht an Regeln halten wollen, und wer es richtig krachen lassen will, benutzt Carsharing-Autos. Der sieht in der Aufforderung "DriveNow" ein Kommando mit Ausrufezeichen, rast ein Stückchen durch die Stadt und stellt den Wagen hinterher auf einem Radweg oder sonst wo im Halteverbot ab – es wird schon bald der Nächste kommen, der auch ganz schnell irgendwohin will. Ein Ärgernis, dem man ständig begegnet und das zu der Frage führt: Warum strahlt der Ruf des Carsharings immer noch so hell?

Die Idee erschien einmal wunderbar: Man mietet sich ab und zu ein Auto, statt selbst eines zu besitzen, und hilft damit der Umwelt und auch der Stadt, in der man lebt. Es ist eine egalitäre, die Gleichheit feiernde Idee. Car2go schreibt auf seine Autos proud to share, "stolz, zu teilen". Das klingt erst mal gut, obwohl hier gar nichts geteilt wird, nur immer neu vermietet. Die Behauptung ist geniales Marketing: Man wird für dumm verkauft und merkt es kaum. Die Autos sind eigentlich Taxis – mit dem Unterschied, dass man selber fährt.

Der typische Fahrer eines DriveNow- oder car2go-Autos ist ein Mann Anfang 30, der überdurchschnittlich gut verdient, für DriveNow war die Zielgruppe ursprünglich der "Urban Hipster". Elite also. Auch Studenten melden sich gern als Carsharer an, denn eine Fahrt durch die Stadt ist viel billiger als mit dem Taxi, und man kann auch mal einen neuen Mini Cooper oder einen 1er BMW ausprobieren. Mit den ständig wechselnden, stark motorisierten Modellen sind manche dann womöglich überfordert.

Trotzdem unterstützen alle im Bundestag vertretenen Parteien außer der AfD Carsharing. Die SPD hat gerade ein Carsharing-Gesetz durchgesetzt, damit die Städte leichter exklusive Parkplätze einrichten können. Wer das Märchen vom guten Carsharing glaubt, kann sich am Steuer eines Carsharing-Autos moralisch überlegen fühlen; nur das eigene Auto ist verwerflich, Ausdruck von Egoismus und Umweltsünder-Geist.

Da stimmt doch etwas nicht.

Erste Recherche: Es gibt auch andere Leute, die sich darüber aufregen, dass Carsharing-Fahrer rasen. Christopher Stark, 35, ein Berliner Buchautor, hat eine Seite ins Netz gestellt, die er "Carsharing-Watchblog" nennt. Auf der Seite dokumentiert Stark, was Carsharing-Fahrer so alles anrichten. An die 50 Zeitungsmeldungen über Unfälle mit Carsharing-Autos in deutschen Städten hat er bereits notiert; darunter auch Unfälle mit Toten wie jener, bei dem nach einem illegalen Autorennen in Köln 2015 ein Radfahrer starb. Stark sagt, er habe die Seite eingerichtet, weil er selbst einmal fast von einem Carsharing-Auto überfahren worden sei.

Zuletzt hat Stark das Buch Neoliberalyse: Über die Ökonomisierung unseres Alltags geschrieben, das in einem kleinen Verlag erschien, er sieht sich als "politisch links". Eigentlich müsste er Carsharing sympathisch finden. Er glaube aber nicht daran, dass es "wirklich ökologisch" ist, wenn man, statt Straßenbahn oder Rad zu benutzen, schnell in ein Autos springen kann, das einem die App des Smartphones in der nächsten Seitenstraße angezeigt hat. Natürlich gibt es dadurch mehr Verkehr. Starks Zorn richtet sich nur auf DriveNow und car2go, deren Wagen man überall in der Stadt aufsammeln und wieder abstellen kann.

Das alles sind subjektive Eindrücke, belastbare Zahlen zu Unfällen mit Carsharing-Autos gibt es nicht. Die Polizei führt dazu keine Statistik. Bei DriveNow heißt es, die Zahl der Unfälle liege "im sehr niedrigen Promillebereich". Personenschäden seien "der absolute Ausnahmefall". Car2go sagt, mit seinen Wagen komme es "nicht wesentlich häufiger" zu Unfällen als mit anderen Autos.

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