Jüdische Kultur "Wo ist eigentlich meine Kippa?"

Sein Familienname ist jüdisch. Aber ist er deshalb Jude? Sascha Chaimowicz versucht, sich selbst zu verstehen. Von
ZEITmagazin Nr. 52/2017

"Sag mal, hast du mich da mal angemeldet?", frage ich meinen Vater am Telefon. In meiner Hand halte ich einen Steuerbescheid der Jüdischen Gemeinde. 2.800 Euro wollen sie von mir haben, und ich frage mich, warum. "Kann es sein, dass die plötzlich feststellen, dass ich jüdisch bin?"

Mein Vater ist das Kind polnischer Holocaust-Überlebender. Doch meine Mutter ist nicht jüdisch. Sie ist in London aufgewachsen, hat katholische Eltern und karibische Wurzeln. Streng genommen ist man nur jüdisch, wenn die Mutter jüdisch ist. Hitler hätte mich einen Halbjuden genannt. Für die Jüdische Gemeinde aber dürfte ich eigentlich gar keiner sein. "So sind sie, die Juden", sagt mein Vater und lacht. Dass ich ausgerechnet, wenn es um Geld geht, darüber nachdenke, wie jüdisch ich bin, klingt nach dem jüdischen Humor, mit dem ich aufgewachsen bin.

Die Mitarbeiterin der Jüdischen Gemeinde, mit der ich telefoniere, ist ausgesprochen freundlich, aber ähnlich ratlos wie ich. Hat sie es hier mit einem beitragspflichtigen Juden zu tun? Sie schlägt vor, dass ich den Steuerbescheid erst einmal beiseitelege und wir uns beide ein paar Tage Zeit nehmen sollten, um in uns zu gehen und Rücksprache zu halten – sie mit der Gemeinde, und ich könne doch vielleicht meine Mutter um einen Nachweis bitten, dass sie nicht jüdisch ist.

Ich bin jetzt 33 Jahre alt und habe mir noch nie wirklich die Frage gestellt, wie jüdisch ich bin. Nach der Halacha, dem jüdischen Gesetz, ist die Sache klar: Ich bin es nicht. Aber dennoch musste ich nach dem Abitur als Nachfahre von Holocaust-Überlebenden nicht zur Bundeswehr und auch keinen Zivildienst leisten. Ich konnte sofort an die Uni, wo ich Medizin studiert habe. Diesen Vorteil habe ich gerne angenommen. Ich könnte als Kind eines jüdischen  Vaters auch problemlos israelischer Staatsbürger werden. So jüdisch bin ich also schon.

An Gott glaube ich allerdings nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es schön ist, ihn in seinem Leben zu haben. Wenn es schlecht läuft, ist da immer einer, auf den man sich verlassen kann, der einem zuhört. Alles bekäme einen Sinn. So stelle ich mir das zumindest vor. Und das ist doch irgendwie beruhigend. Theoretisch würde ich gerne glauben. Tatsächlich war ich schon als Kind nicht überzeugt. Ich erinnere mich nur an eine Situation, in der ich mich mal an Gott gewandt habe. Ich muss etwa zwölf gewesen sein und habe ihn mit den wenigen hebräischen Worten angesprochen, die ich beherrschte. Ich hielt es für angemessen, ihn in der Sprache der Thora zu kontaktieren, weil er für mich jüdisch war. Ich habe ihn darum gebeten, meine Mathematiklehrerin von einem Elternabend fernzuhalten. Ich hatte meinen Eltern eine Sechs verheimlicht. Es nützte nichts. Die Lehrerin erschien, und meine Eltern kamen, wie zu erwarten war, stinksauer von dem Treffen nach Hause. Meine Leitung zu Gott blieb tot.

Wenn ich meine katholischen oder evangelischen Freunde frage, wie christlich sie sind, haben sie klarere Maßeinheiten als ich. Sie bemessen ihre Christlichkeit daran, wie oft sie in die Kirche gehen, ob sie beten, ob sie an Gott glauben. Beim Judentum komme ich damit nicht weit. Als ich vor einigen Wochen die jüdische Psychotherapeutin Esther Perel in New York interviewte, fragte sie mich aufgrund meines jüdischen Nachnamens, ob ich jüdisch sei. Ich antwortete: "In die Synagoge gehe ich nicht." Perel entgegnete: "Seit wann entscheiden Synagogengänge darüber, ob Sie jüdisch sind? Was ist mit Ihrer Familiengeschichte? Mit der jüdischen Kultur?" Ich fühlte mich entblößt. Mit einer einzigen Frage hatte die Therapeutin offenbart, wie wenig sicher ich mir meiner Identität bin.

Ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt mit jemandem über das Judentum gesprochen habe. Auch deshalb reagieren meine Freunde irritiert, als ich ihnen davon erzähle, dass ich einen Artikel über meine jüdische Identität schreibe. Einer sagt: "Bist du dir sicher, dass deine jüdische Identität ein gutes Thema für dich ist? So richtig viel hast du damit doch nicht zu tun, oder? Wirkt das dann nicht aufgesetzt?" Meine jüdischen Wurzeln sind so wenig Thema gewesen in den vergangenen Jahren, dass selbst eine enge Freundin entgeistert "Wie kommen die denn auf dich?" fragte, als die Jüdische Allgemeine mich vor drei Jahren um ein Interview bat.

Wo sind Menschen, die sich selbstbewusst mit dem Judentum identifizieren, im Leben anders abgebogen als ich? Ich treffe Linda Rachel, eine Autorin, die schon viel über Antisemitismus geschrieben hat, in ihrem Büro in Berlin. Sie hat langes braunes Haar und eine warme, offene Art. Sie sagt, viele Juden hätten einen gewissen angeborenen oder anerzogenen Weltschmerz, den Nichtjuden nicht nachempfinden könnten. "Es gibt viele große Studien darüber, dass das Trauma der Schoah über mehrere Generationen vererbt wird. Auch unsere Generation trägt einen Teil des Schmerzes in sich, sofern in den Familien offen darüber gesprochen wurde." Von mir kenne ich das nicht. Wie äußert sich der Weltschmerz, frage ich sie. "Die jüdische Lebensart, trotz all des Witzes und der Nonchalance, wird schon immer von einer Art Traurigkeit, einer Melancholie durchzogen. Klezmer, Woody Allen, die Wiener Philosophen und Analytiker – der jüdische Mikrokosmos kann schwer auf den Schultern lasten. Und diese Tatsache wird gerne offen, aber auch immer mit Humor vor sich hergetragen." Für Linda Rachel fühlte sich das Jüdischsein immer schon nach etwas Gemeinschaftlichem an: "Das jüdische Ferienlager zum Beispiel war sehr wichtig in meiner Jugend. Dort entwickelten sich viele Freundschaften. Bis heute gibt es eine enge Verbundenheit zwischen mir und den Leuten, die ich dort kennenlernte." Auch ich kannte als Kind und als Jugendlicher andere Juden in meinem Alter. Allerdings waren es sehr wenige. Und ich fühlte ich mich unter ihnen meistens wie ein Außenseiter. Zwei Jahre lang ging ich in den Religionsunterricht der Jüdischen Gemeinde in München. Er sollte mich auf meine Bar-Mizwa mit dreizehn vorbereiten, gewissermaßen die Kommunion der Juden. Während ich in meiner Schule der Einzige mit jüdischen Wurzeln war, war ich im jüdischen Religionsunterricht der Einzige mit einer nichtjüdischen Mutter. Der Unterschied war spür- und sogar sichtbar. Wir waren im Unterricht verpflichtet, eine Kippa zu tragen, die jüdische Kopfbedeckung. Ich war bekannt dafür, unseren Lehrer am Anfang jeder Unterrichtsstunde mit "Entschuldigung, ich habe meine Kippa vergessen" zu begrüßen. Meine Mitschüler lachten. Sie führten ihre Kippa selbstverständlich mit sich. Sie hatten nicht nur durch ihre Eltern einen Vorsprung im Jüdischsein. Die meisten gingen auch noch auf eine jüdische Schule und kannten sich von dort. Es gab Regeln, über die ich als Einziger immer wieder stolperte. Dass man zum Beispiel das Wort Gott nicht leichtfertig in den Mund nimmt. Ich war es dagegen von meinem bayerischen Gymnasium gewohnt, vormittags jedem Lehrer auf dem Flur laut "Grüß Gott" zu sagen. Meine Ignoranz lastete schwerer auf mir, als wenn ich in einem Unterrichtsfach wie Latein schlecht gewesen wäre. Sie machte mich in meinen Augen nicht zu einem schlechten Schüler, sondern zu einem schlechten Juden.

Dass ich mich unter praktizierenden Juden fremd fühle, zieht sich durch mein Leben. Mit sechzehn freundete ich mich mit einem amerikanischen, ziemlich frommen jüdischen Austauschschüler an. Er nahm mich auf eine Party von jungen Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde mit. Die Gäste erinnerten mich in der Art, wie sie sprachen, an die jüdischen Freunde meiner Eltern. Sie waren Teenager und verwendeten trotzdem wie selbstverständlich jiddische Wörter wie Goi, Massel, Oiwei und Schabbes. Ich erfuhr, dass sich viele von ihnen regelmäßig freitagabends zum Schabbat-Essen trafen. Ich hingegen betrank mich freitags mit meinen Freunden in einem schrabbeligen Hip-Hop-Club namens Backstage und fuhr danach zu Burger King. Ihre Tradition stiftete Gemeinschaft, meine einen Kater.

Das Judentum, das in meinem Elternhaus praktiziert wurde, hätten die Partygäste wahrscheinlich nicht für voll genommen. Doch ich mochte es sehr. Es war ein lustiges, leichtes Judentum, das man nicht in Unterrichtsstunden zu erlernen brauchte. Wir führten es vornehmlich zu hohen jüdischen Feiertagen auf. Als Kind polnischer Eltern bereitete mein Vater osteuropäisch-jüdische Gerichte wie Tscholent mit Kischke zu, eine Art Kartoffel-Bohnen-Rindfleisch-Eintopf mit gefülltem Kalbsdarm. "Ich habe mein Judentum vor allem in der Küche ausgelebt", erzählt mir mein Vater am Telefon, als ich ihn noch einmal wegen des Steuerbescheids anrufe. Er hat wie immer auf laut geschaltet, meine Mutter sitzt neben ihm. An unserer Haustür in München hatten wir eine Mesusa, eine kleine silberne Gebetsschatulle. Ich wusste nie, wofür sie steht, nur, dass alle Frommen sie auch haben. Ein paarmal besuchte ich auch mit meinem Vater die Synagoge. Ich erinnere mich, wie er mich einmal nach fünfzehn Minuten fragte, ob mir langweilig sei. Als ich Ja sagte, klopfte er mir erleichtert auf den Rücken, und wir gingen Pizza essen.

Frömmigkeit spielte in der Kindheit meines Vaters eine wichtige Rolle, danach nicht mehr. Als junger Erwachsener hat er sich von den jüdischen Ritualen seines Elternhauses immer mehr gelöst. Einige seiner jüdischen Freunde leben ähnlich wie er: mit einem Bewusstsein für Herkunft und Tradition, aber ohne das Bedürfnis, sich an religiöse Regeln zu halten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mein Vater und seine jüdischen Freunde sich durch ihre lockere Art von mehr distanzieren wollen als nur von den religiösen Ritualen ihrer Kindheit. Mein Vater erzählte mir einmal, dass seine Eltern vor dem Holocaust nicht besonders fromm gelebt hätten. Viele Juden hätten vor dem Zweiten Weltkrieg sogar Weihnachtsbäume aufgestellt. Doch der Holocaust hatte Menschen wie seine Eltern gewissermaßen zu Juden gemacht: Sie hatten überlebt und fühlten sich verpflichtet, für das einzustehen, wofür sie verfolgt wurden – ihr Jüdischsein. Vielleicht täusche ich mich, aber mir kommt es vor, als sei die freiere Auslegung des Judentums für die Generation meines Vaters auch ein Versuch, sich von der deprimierenden Vergangenheit loszusagen.

Und dennoch spüre auch ich immer wieder eine Verpflichtung gegenüber unserer Vergangenheit. Das Gefühl kommt in merkwürdigen Momenten hoch. Als ich zwanzig war, gingen ein paar meiner Kumpel auf eine Party. Ich erfuhr, dass jemand dort Judenwitze erzählt hatte. Meine Freunde hatten nicht mal reagiert. Ich weiß noch genau, wie ich damals dachte: Meine Großeltern sind nicht durch die Hölle gegangen, damit ich jetzt mit diesen Mitläufern Bier trinke. Ich brach den Kontakt ab.

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Man liest leider sehr selten Berichte von sich selbst wie dieser von Sascha. Doch wenn man sie liest, merkt man selbst wie sehr man manchmal ploetzlich Aussenseiter ist. Ich bin sehr dankbar fuer Saschas Beschreihung seiner doppelseitigen Entfremdung. Er hat mir auch etwas ueber meine aufgeqirlten Gefuehle erklaert, die ich als nichtenglischsprachiger gebuertiger Amerikaner manchmal empfinde.