Gesellschaftskritik Über alte Eltern

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 53/2017

Im Laufe des Lebens ändert sich die Sicht auf die eigenen Eltern. Erst sind sie toll, dann nur noch peinlich, dann eine ganze Weile weder das eine noch das andere und dann, wenn sie alt sind, wieder nur toll. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Kinder irgendwann ahnen, dass sie die Eltern nicht für ewig haben werden, und ihnen dann alles verzeihen, sogar die Anrufe auf dem Handy während der Arbeitszeit. Seltsamerweise werden Eltern vielleicht dann am allertollsten gefunden, wenn sie am meisten Ärger und Sorgen machen.

Neuerdings gibt es einen kleinen Trost, eine Kompensation für die Sorgen. Alte Eltern sind ein Statussymbol geworden. Mehr noch: Sie sind absolut instagramfähig. Das klingt gemein, ist aber im Zeitalter der Selbstvermarktung unvermeidlich. Als die 40- bis 60-Jährigen genug langweilige Backwaren aus französischen Patisserien gepostet hatten und genug langweilige Cocktails in Hotelbars, entdeckten sie, dass es ein Motiv gibt, mit dem man viel mehr rote Herzen sammeln kann: alte Eltern. Weil alte Menschen, ähnlich wie Kinder, Emotionen freisetzen, ohne dass sich der Betrachter dagegen wehren kann. Deshalb gibt es ja vor Weihnachten seit ein paar Jahren auch das Genre des Alte-Menschen-Werbespots.

Als Kirk Douglas 101 wurde in der vorigen Woche, hat das sein Sohn Michael bei Facebook gepostet und seine Schwiegertochter Catherine Zeta-Jones bei Instagram. Bislang war es so: Opa wird 90, wir setzen ein Bild von ihm in die Lokalzeitung, daneben dichten wir: "Kaum zu glauben, aber wahr ...", das liest er dann und freut sich, weil seine Kinder und Enkel an ihn denken und das alle seine Freunde und Bekannten wissen lassen. Der Unterschied: Im Medium Lokalzeitung geht es darum, die Freunde des Opas zu erreichen. Im Medium Instagram erreicht man mehrheitlich die eigenen Freunde.

Die versteckte Botschaft lautet: Bei uns in der Familie hat man gute Gene, da wird nicht einfach mit 65 gestorben. Dem Opi auf Instagram zum 101. zu gratulieren heißt auch, sich selbst zum bestandenen Gentest zu gratulieren. Es schadet dabei nicht, wenn die Alten noch gut aussehen, dann wissen alle, dass man selbst auch gut altern wird.

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