Ich habe einen Traum Elyas M’Barek

"Es ist für mich bis heute eine große Genugtuung, meinen Namen auf Kinoplakaten zu lesen"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 53/2017

Ich träume sehr viel und intensiv. Meine Träume lösen heftige Gefühle in mir aus, haben aber scheinbar nichts mit meinem Alltag zu tun. Im realen Leben bin ich kein Träumer, stattdessen hatte ich schon immer Ziele, die ich erreichen wollte. Als Jugendlicher hatte ich allerdings keine Vorbilder, und nur wenige Menschen haben an mich geglaubt. Viele in meinem Umfeld haben mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass ich ein Versager sei und aus mir nichts werden würde. Eine Zeit lang habe ich das auch geglaubt. Ich bin ständig von der Schule geflogen und habe mich herumgetrieben. Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, dass es wichtig ist, auf meine innere Stimme zu hören, meinen Fähigkeiten zu vertrauen und nicht dem Urteil anderer. Es wäre schön, wenn ich in die Vergangenheit zurückreisen könnte, um meinem Teenager-Ich zu sagen: "Du musst keine Angst haben! Lass dich nicht verunsichern, du musst nicht rebellieren, alles wird gut. So, wie du bist, bist du prima, du wirst es allen zeigen!" So eine Botschaft hätte ich damals gut gebrauchen können.

In meiner Anfangszeit als Schauspieler gab es kaum Rollen für mich, über Jahre hinweg. Ich habe alibimäßig studiert, damit meine Eltern zufrieden waren und es nicht auffiel, dass ich nur herumsaß und wartete. Damals habe ich einen bekannten Schauspielkollegen getroffen, ebenfalls mit Migrationshintergrund. Ich habe mich vorgestellt, ihm gesagt, dass ich auch Schauspieler werden wolle, und ihn um Rat gefragt. Er hat nur gesagt: "Ändere sofort deinen Nachnamen, mit dem wirst du in Deutschland keinen Erfolg haben." Was für ein Blödsinn, habe ich gedacht. Ich habe mich nicht beirren lassen und weiter daran geglaubt, dass ich Erfolg haben kann, wenn ich zu mir selbst stehe. Daher ist es für mich bis heute eine große Genugtuung, meinen Namen unverändert auf Kinoplakaten zu lesen.

Aktuell habe ich keine beruflichen Pläne. Im Gegenteil, ich möchte das Erlebte wirken lassen, mein Leben und den Erfolg genießen, für den ich hart gearbeitet habe. Das geht nicht, wenn man im Kopf ständig mit den nächsten Projekten beschäftigt ist – dann kommen die schlechten Träume. Irgendwann werde ich sicher auch wieder einen Film drehen. Aber darüber muss ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen.

Stattdessen werde ich im nächsten Jahr für ein paar Wochen reisen, ohne Programm. Ich werde nur einen Hinflug buchen und sehen, wohin es mich treibt. Im Ausland kann ich mich völlig unerkannt bewegen, niemand nimmt Notiz von mir.

In Deutschland ist das mittlerweile sehr schwierig geworden. Deshalb wünsche ich mir oft eine Tarnkappe. Ich wäre in der Öffentlichkeit ab und zu gern für mich. In einem Café zu sitzen und die Menschen zu beobachten, die vorüberlaufen, das habe ich immer sehr geliebt.

Einen großen Traum habe ich doch noch. Ich träume davon, dass es bald egal sein wird, was für einen Nachnamen jemand hat, wo man geboren wurde oder woher die Eltern kommen. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, die deutsche Kultur ist mein Zuhause, ich musste nie integriert werden. Das sollte eigentlich gar kein Thema sein.

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