Harald Martenstein Über klangvolle Namen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 53/2017

In meinen Jugendjahren haben deutschsprachige Popstars gern englisch klingende Pseudonyme verwendet, die hießen dann Freddy Quinn oder Roy Black. Peter Joachim nahm Billy Mo, Peter Krausenecker entschied sich gegen den Trend für Peter Kraus. Singende Frauen beschränkten sich gerne auf ihren Vornamen, etwa Gitte, Alexandra oder Nicole. Irgendwann hießen viele deutsche Superstars einfach so, wie sie heißen. Wenn Herbert Grönemeyer 1930 geboren wäre, hieße er heute vermutlich Herb Crown. Wolfgang Niedecken heißt Wolfgang Niedecken, den Namen Marius Müller-Westernhagen kann man sowieso nicht erfinden, sogar Dieter Bohlen heißt wirklich Dieter Bohlen. Ich fand das schön. Schade, dass deutsche Stars jüngeren Datums wieder Sido, Peter Fox oder Samy Deluxe heißen, wobei Peter Fox unter seinem Geburtsnamen Pierre Baigorry natürlich ein echtes Handicap zu überwinden gehabt hätte.

Ich komme darauf, weil mir kürzlich aufgefallen ist, dass die Frauen von bayerischen Ministerpräsidenten seit Jahrzehnten Karin heißen. Nach Karin Stoiber kam Karin Seehofer, demnächst übernimmt Karin Baumüller-Söder das Zepter. Dazwischen war Marga Beckstein kurz am Ruder, das hat der CSU ja nun kein Glück gebracht. Ein eher konservativ gestricktes Wählervolk mag es, wenn gewisse Dinge bleiben, wie sie sind. Damit bin ich endlich bei Fürstin Doris von Sayn-Wittgenstein.

Frau Sayn, wie ich sie der Einfachheit halber nennen möchte, hat beim AfD-Parteitag eine markige Rede gehalten und wurde beinahe Vorsitzende, obwohl sie kaum jemand kannte. Sie ist jetzt ein Star auf der rechten Seite des Himmels. Obwohl sie etwa so alt ist wie ich, sieht sie immer noch super aus – bei der AfD wird man das ja wohl noch sagen dürfen. "Frau Sayn" wäre, nebenbei bemerkt, der perfekte Titel für eine Frauenzeitschrift rechten Zuschnitts. Nun hat sich Alexander zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, offenbar einer der Doyens der Sippe, mit der Information zu Wort gemeldet, dass Frau Sayn ursprünglich "Doris Ulrich" geheißen habe und seines Wissens den Titel gekauft habe. Eine der älteren Damen von und zu Sayn hat vor Jahren einen Hallodri gefreit, der sich kurz nach der Vermählung mit dem Namen davongemacht hat und seitdem jeden adoptiert, der es sich leisten kann. So ein wohlklingender Vater könnte übrigens ein schönes Weihnachtsgeschenk sein, etwa für einen Freund, der Müller von und zum Ostbahnhof heißt und das nicht mag. Die echten Sayns, sagt Herr zu Sayn-Sayn, erkenne man übrigens am "zu Sayn", Leute, die sich "von Sayn" nennen, gehörten zur proletarischen Seitenlinie. Fürstin Doris gibt sich in dieser Angelegenheit, für sie ungewöhnlich, eher wortarm als wortreich. Den Kalauer "Sayn oder Nichtsayn" werde ich übrigens bewusst nicht verwenden, weil ich, trotz kleinbürgerlicher Herkunft, ein bisschen Niveau habe. Um "Sayn oder Nichtsayn" zu schreiben, müsste ich total zu sayn.

Gewinner dieser Namensaffäre könnte, im bürgerlichen Lager, die CSU sein, denn deren verstoßenem Star Karl-Theodor zu Guttenberg ist zwar schon allerlei vorgeworfen worden, aber niemals, dass er sein blaues Blut mithilfe einer Geldinjektion nachkoloriert hat. Seine Frau heißt nicht Karin, das ist in der CSU ein Handicap, aber da kann man sicher was machen lassen. Der AfD-Fürstin würde ich, falls der Vorwurf stimmt, empfehlen, sich einfach in Gräfin von Unheilig umzubenennen und eine Platte mit patriotischen Shantys aufzunehmen. Der Graf von der Band Unheilig ist auch kein echter Graf und kam damit durch.

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