Liebe Wird sie ihn riechen können?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 53/2017

Die Frage: Sonja hat Karl kennengelernt, der 200 Kilometer entfernt wohnt. Sie findet ihn auf Anhieb sehr sympathisch. Beim ersten Kuss meldet sich jedoch ein Problem: Sonja findet, dass Karl nicht gut riecht. Da alles andere passt, setzt sie die Beziehung fort. Sie hofft, dass sie beim nächsten Treffen den Geruch ignorieren kann. Sie verabreden sich für einige Nächte, alles ist wunderbar, wenn nur der Körpergeruch nicht wäre. Sonja ist hin- und hergerissen. Was bedeutet ihr Ekel? Passen sie nicht zusammen? Oder wird sie sich allmählich so sehr in ihn verlieben, dass sie seinen Geruch anziehend findet, dass er sie mindestens nicht mehr stört? Sie möchte Karl nicht verlieren, aber sie fürchtet sich vor dem nächsten Wochenende.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wer Liebesprobleme allein lösen will, verpasst das Beste. Es gibt keine Beziehungen, die zugleich intensiv und völlig harmonisch sind; ohne Reibung wenig Funken. Nicht die Vermeidung von Konflikten stärkt menschliche Bindungen, sondern die Erfahrung, dass ein Paar Störungen gemeinsam angeht. Solange Sonja nicht sicher ist, ob sie Karl auf Dauer riechen kann, lässt sie sich nur unter Vorbehalt auf ihn ein. Vielleicht steckt also hinter dem Ekel ein Vorbehalt, die eigene Freiheit aufzugeben. Sobald sich beide dem Thema stellen und nach Lösungen suchen, geht der gemeinsame Weg weiter. Karl kann etwas gegen seinen Körpergeruch tun, Sonja etwas gegen ihre Empfindlichkeit. Es könnte ja auch so sein: Die Unsicherheit in der Beziehung macht Angst. Und Angst verändert den Schweißgeruch und schärft den Geruchssinn.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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