Stilkolumne Drunter und drüber

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 53/2017

Unterwäsche ist nun Oberbekleidung. Das war schon öfter so. Legendär waren beispielsweise die weißen Tops mit aufgenähten schwarzen BHs von Maison Martin Margiela. Zuvor hatte Madonna Cone-Bras, also Spitztüten-BHs, von Jean Paul Gaultier auf der Bühne getragen. In der Vergangenheit war so etwas immer als Provokation gemeint – als eine Sexualisierung, die die gesellschaftlichen Gepflogenheiten infrage stellt. Heute wird es immer normaler, Unterwäsche als Oberbekleidung zu tragen. Diesen Winter und im nächsten Sommer wird speziell der BH über Oberteilen und Jacken gezogen oder mit Blusen und Kleidern zusammengenäht. Dabei handelt es sich natürlich nicht um funktionstüchtige BHs aus den Kollektionen, sondern um eine Stilisierung der Unterwäsche. Auch bei Koché, Maryam Nassir Zadeh, JW Anderson und Stella McCartney dient der BH als Trompe-l’Œil: Er wird aufgedruckt oder durch Aufnäher imitiert. Prada, Alexander Wang, Marni und Courrèges erklären relativ klassische Büstenhalter zum Teil der Oberbekleidung. John Galliano schneidert die Silhouette eines Büstenhalters aus einem Trenchcoat heraus, während Shayne Oliver von Hood by Air für Helmut Lang einen übergroßen BH als Überwurf für einen knielangen Blazer entworfen hat.

Woher kommt die neuerliche Verwendung von Unterwäsche als Oberbekleidung? Zunächst einmal zeugt sie von einem fundamental anderen Verhältnis, das wir heute zur Unterwäsche haben – verglichen damit, was sie einmal vor hundert Jahren bedeutete. Unterwäsche hatte früher vor allem die Funktion, Schweiß und Körperflüssigkeiten aufzunehmen. Weshalb man sie auch "Wäsche" nannte, weil sie zu den wenigen Kleidungsstücken zählte, die regelmäßig gewaschen wurden. Sie war weit davon entfernt, mit erotischer Symbolik aufgeladen zu werden.

Ein Mensch in Wäsche war vor allem ein lachhafter Anblick, schließlich hatte Kleidung damals die Aufgabe, mit kastigen Fräcken und steifen Kragen, geschnürten Taillen und Rockstützen die Körper in die statthafte Form zu bringen. Erst durch die steigende Bedeutung des Individuums im 19. Jahrhundert und die damit einhergehende Erfindung der Privatheit bekam die Unterwäsche eine neue Zuschreibung. Nun stand sie für Intimität und wurde dadurch etwas Besonderes.

In diesem Sinne kann man es heute auch als Selbstauslieferung verstehen, die Unterwäsche als Oberbekleidung zu tragen: Indem man alle einlädt, die Intimität zu teilen, gibt es keine Intimität mehr. Hoffentlich fällt uns nicht irgendwann ein, dass wir sie noch gut hätten brauchen können.

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