Ich habe einen Traum Mascha Alechina

"Es kommt vor, dass ich von der Zeit im Straflager träume"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 1/2018

Durch Zufall kam ich vor einiger Zeit wieder in die Nähe der Christ-Erlöser-Kathedrale. Es war das erste Mal seit dem 40-sekündigen Punk-Gebet von Pussy Riot im Jahr 2012, dass ich diesen Ort wiedersah. Ich saß in einem Café an der Metrostation Kropotkinskaja und rief meine Freundin Olga an, die ich in der Strafkolonie Nischni Nowgorod kennengelernt hatte. Sie war erst ein paar Tage zuvor freigekommen. Wir sind so verschieden und hatten Witze darüber gemacht, dass wir es draußen keine Minute miteinander aushalten würden. Stundenlang stritten wir über die Besetzung der Krim. Olga ist eine Anhängerin der verbotenen Nationalbolschewistischen Partei. Aber jetzt streiten wir nicht mehr und verbringen viel Zeit miteinander.

Ich sagte: Ich bin in einem Café gegenüber der Kathedrale. Sie sagte: Warte, ich komme!

Vor dem Eingang der Kathedrale standen Gruppen chinesischer Touristen, und es gab zwei riesige Monitore, die zeigen, was drinnen geschieht. Der Patriarch leitete gerade einen Gottesdienst. Überall standen Männer in schwarzen Anzügen. Wir gingen rein. Und auch wieder hinaus. Sie haben immer noch keine gute Sicherheitskontrolle.

Ich bin keine Atheistin. Ich empfinde nicht den "religiösen Hass", für den man uns verurteilt hat.

Es kommt vor, dass ich von der Zeit im Straflager träume. Zum Beispiel davon, wie sich meine Zelle verändert hat. Es gab nur ein Gestell aus Holz mit einer fleckigen Matratze und eine Tischplatte, die an der Wand befestigt war. Nach und nach bekam ich meine Sachen zurück, vor allem die Bücher. Sie begannen diesen Raum und meine Gedanken zu füllen. Wenn du dich nicht an bestimmte Regeln hältst, vermitteln sie sie dir mit Gewalt. Sie erniedrigen dich. Darauf baut das ganze Regime auf. Als Nadeschda Tolokonnikowa und ich ins Lager kamen, wusste jeder, dass solche Orte die Hölle sind. Aber wer wollte davon etwas hören?

Nach unserer Freilassung haben wir die Organisation Sona Prawa gegründet, Zone des Rechts. Sie führt Verfahren für Gefangene. Wir hoffen, damit jenen eine Stimme zu geben, die sonst niemand hört – und eines Tages das System der Entmenschlichung in Russlands Gefängnissen zu überwinden. Außerdem haben wir die Website MediaZona eingerichtet, die über die Zustände in russischen Gefängnissen berichtet, sie ist mittlerweile das meistgelesene unabhängige Medium in Russland. Das sind grandiose Siege. Aber das Wichtigste ist, dass sich der Blick der Medien verändert hat. Auch sie schauen jetzt genauer hin. Es war wichtig, diese Mauer einzureißen.

Als mein kleiner Sohn mich im Lager besuchte, fragte ich ihn: "Was erzählst du in der Schule?" Er sagte: "Ich sage immer die Wahrheit: Mama ist im Gefängnis, weil sie in einer Kirche ein Lied gegen Putin gesungen hat." Alles in allem habe ich das Gefühl, etwas Notwendiges getan zu haben. Denn ich träume davon, dass unsere Kinder eine bessere Zukunft haben.

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