Südafrika Die Fotografin Viviane Sassen ...

... über ihre Faszination für südafrikanische Jugendkultur, ihren Weg von der Mode zur Kunst und ihre neue ZEITmagazin-Kolumne, die sich der Frage widmet, was weiblich ist. Interview:
ZEITmagazin Nr. 1/2018

ZEITmagazin: Frau Sassen, Sie sind Niederländerin und wohnen in Amsterdam. Was verbindet Sie mit Afrika?

Viviane Sassen: Als ich ein kleines Kind war, etwa zwei Jahre alt, zog ich mit meinen Eltern nach Kenia, wo wir drei Jahre verbrachten. Meine beiden Brüder wurden dort geboren. Mein Vater arbeitete in einem Krankenhaus. Meine ersten Kindheitserinnerungen reichen in diese Zeit in Afrika zurück. Als ich als junge Frau meinen heutigen Mann kennenlernte, stellte sich heraus, dass wir einen ähnlichen Hintergrund haben: Er ist Holländer und lebte in jungen Jahren in Tansania und Sambia. Auch sein Vater arbeitete als Arzt in Afrika. Als wir 2000 das erste Mal gemeinsam verreisten, flogen wir nach Südafrika. Wir sind seitdem oft dort gewesen. Die Stevenson Gallery vertritt mich weltweit. Die Galerie ist in Südafrika zu Hause, sie hat Dependancen in Kapstadt und Johannesburg. Sie kümmert sich vor allem um afrikanische Künstler oder um Künstler, die eine starke Verbindung zu Afrika haben.

ZEITmagazin: Was ist das Besondere an Johannesburg?

Sassen: Vor ein paar Jahren war ich zum ersten Mal in Johannesburg und bekam eine Ahnung von der kreativen Energie, die dort unter vielen jungen Menschen herrscht. Die jungen Künstler, Modedesigner, Musiker, Art-Direktoren machen dort gerade eine richtige Welle. Vor zwei Jahren begann ich mit meiner Fotoarbeit über die Jugendkultur dort.

ZEITmagazin: Wie haben Sie die Leute ausgesucht, die Sie fotografierten?

Sassen: Ein Mann namens Jamal Nxedlana hat mir geholfen. Er arbeitet für den Bubblegum Club, eine fantastische Internetplattform für die südafrikanische Jugendkultur. Jamal ist wie eine Spinne im Netz: Er kennt alle kreativen Menschen in Johannesburg. Wie in vielen Städten der Welt ist auch in Johannesburg die Szene überschaubar.

ZEITmagazin: Was prägt den Stil Johannesburgs?

Sassen: Er ist ziemlich waghalsig und beschwingt. Wenn ich ihn mit etwas vergleichen müsste, würde ich wahrscheinlich die junge Szene Londons heranziehen. Die Farben in der Mode sind sehr lebendig. Die Menschen verbinden westliche Dresscodes mit afrikanischen Einflüssen, auf die sie sehr stolz sind.

ZEITmagazin: Was haben Sie von den Menschen auf den Fotos gelernt, was Sie vorher nicht wussten?

Sassen: Eine Erkenntnis war es für mich, als ich verstand, wie schwer es für die Menschen ist zu reisen. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, nach Johannesburg zu fliegen und in die dortige Jugendkultur einzutauchen, wenn wir wollen. Umgekehrt können die Südafrikaner nicht einfach nach Europa kommen, weil ihnen gegenüber in anderen Ländern großes behördliches Misstrauen herrscht. Die Ämter sorgen sich, dass die Afrikaner nicht mehr zurückkehren, wenn sie erst einmal in Europa sind. Die Visabestimmungen vieler Länder sind absurd streng. Mir wurde erst durch die Gespräche klar, welches Privileg es ist, frei reisen zu können.

ZEITmagazin: Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass Ihre Fotos nachbearbeitet sind. Was bezwecken Sie damit?

Sassen: Das stimmt, ich spiele auf den Fotos mit den Farben, schaffe geometrische Flächen. Die Idee ist, das Echte mit dem Surrealen zu verbinden. Die Porträts sind ja im Dokumentarstil aufgenommen, aber wir sehen im Grunde nur die Oberfläche. Indem ich die Fotos nachbearbeite, weise ich auf die Vielschichtigkeit und das Magische der Porträtierten hin.

ZEITmagazin: Was sagen die jungen Johannesburger zu Ihren Fotos?

Sassen: Ich habe Jamal die Fotos geschickt, aber noch keine Rückmeldung von den Fotografierten selbst bekommen. Diese Leute sind es gewohnt, fotografiert zu werden. Sie sind ständig mit Fotoshoots und Musikvideos beschäftigt. Es ist also nicht so, dass sie über meine Fotos aus dem Häuschen geraten.

ZEITmagazin: Welche Herausforderung stellt es für Sie dar, eine weiße Fotografin zu sein, die Bilder von Schwarzen macht?

Sassen: Die politische Debatte um Rassismus wird heute schärfer geführt denn je. Das finde ich gut. Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, muss ich sagen, dass ich anfangs naiver war, als ich es heute bin. Als ich begann, in Afrika zu fotografieren, leiteten mich meine magischen Kindheitserinnerungen, und ich beschäftigte mich wenig mit Rassismus, kultureller Aneignung, weißen Privilegien. Diese Themen habe ich heute beim Arbeiten immer im Kopf. Und doch ist meine Arbeit nicht politisch, sondern persönlich und intim.

ZEITmagazin: Sie sind bekannt für Ihre Kunst, aber auch für Ihre Modefotografie. Welche Rolle spielt Stil in Ihrem Leben?

Sassen: Ich bin ein visueller Mensch, ich liebe schöne Dinge. Ich kümmere mich aber nicht so sehr darum, was ich trage. Im Moment habe ich Jeans, Motorradstiefel und ein Sweatshirt an. Ich trage fast nie Make-up. Ich bin kein extravaganter Mensch, auch wenn ich Extravaganz mag. Mir ist sie nur zu anstrengend.

ZEITmagazin: Wie wurden Sie Fotografin?

Sassen: Ich arbeitete als Model. Selbst zu fotografieren war für mich die Möglichkeit, die Macht über meinen eigenen Körper zurückzugewinnen. Ich habe die Kamera in die Hand genommen und Selbstporträts gemacht, anstatt von einem männlichen Fotografen aufgenommen zu werden, der mich nur als sexy Mädchen sah.

ZEITmagazin: Wie gut gehen Kunst- und Modefotografie zusammen?

Sassen: Ich habe von Anfang an beides gleichzeitig gemacht, wobei mir die Kunst immer näher lag. Mein Verhältnis zur Mode pendelt zwischen Liebe und Hass. Sie war für mich anfangs ein Weg, mich auszuprobieren, Experimente zu wagen. Mode ist ja ein fester Bestandteil von Magazinen, jede Ausgabe bietet eine Plattform für Fotografie. Mir ging es immer um Bilder, nicht um Mode. Ich habe ja auch mal Mode studiert, währenddessen aber gemerkt, dass ich mich für Stoffe und das Modemachen einfach nicht so interessiere. Meine künstlerische Arbeit ist die persönlichere.

ZEITmagazin: Fließen auch eigene Erfahrungen ein, die mit Ihrer Arbeit als Model nichts zu tun haben?

Sassen: Als ich 22 war, starb mein Vater. Das hatte einen enormen Einfluss auf mich und meine Arbeit. Motive, die mit Tod und Trauer zu tun haben, waren damals in meinem Werk sehr präsent. Vor einigen Jahren widmete ich dem Schatten eine ganze Arbeit. Der Schatten als das Dunkle, nicht Sichtbare. Da sehe ich eine klare Verbindung zum Tod meines Vaters.

ZEITmagazin: Diese Bilder waren vor wenigen Monaten in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Woran starb Ihr Vater?

Sassen: Er musste sich einer Gehirn-OP unterziehen, von der er sich nie erholt hat. Er wurde depressiv und nahm sich das Leben. Ich habe durch meine Arbeit versucht, seinen Tod zu bewältigen. So ist das immer bei mir: Mein Privatleben spiegelt sich in den Fotos. Zuerst ging es häufig um Afrika, also auch um meine Kindheit. Dann um den Tod. Und zuletzt ums Muttersein.

ZEITmagazin: Von Weiblichkeit wird auch Ihre Fotokolumne handeln, die 2018 ein ganzes Jahr lang jede Woche im ZEITmagazin zu sehen sein wird.

Sassen: Weiblichkeit und weibliches Selbstbewusstsein sind derzeit ja große Themen. Man braucht nur an die #MeToo-Debatte zu denken, die eine große Befreiung für Frauen darstellt. Meine Kolumne wird nicht ganz so politisch sein. Sie wird sich zwar auch mit soziologischen Themen beschäftigen, aber vor allem mit unserer Biologie. Ich wurde vor neun Jahren Mutter, und in meiner Arbeit wird es um Fruchtbarkeit gehen, um den weiblichen Körper. Also zum Beispiel um die Tatsache, dass wir Frauen in der Lage sind, ein Kind zu gebären und es zu stillen. Die Weiblichkeit, die ich zeigen will, ist aber nicht einfach schwarz oder weiß, sondern beides zugleich. Weich und hart, dunkel und hell.

ZEITmagazin: Wie sehen Sie sich selbst?

Sassen: Ich mag Gegensätze und denke, es geht darum, eine gute Balance zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen herzustellen. Als Model sah ich mich zum Beispiel als schüchterne Exhibitionistin. Was scheinbar nicht zusammenpasst, möchte ich vereinen.

ZEITmagazin: Sie werden in der ZEITmagazin-Kolumne mit der Dichterin Maria Barnas zusammenarbeiten. Sie wird in jeder Folge ein kleines Gedicht beitragen. Woher kennen Sie sich?

Sassen: Durch meinen allerersten Freund Tommy Wieringa. Er ist ein holländischer Schriftsteller und immer noch mein bester Freund. Ich fragte Maria Barnas vor Jahren mal, ob sie für eins meiner Bücher ein Gedicht schreiben könnte. Seitdem arbeiten wir zusammen. Wir treffen uns nur nicht oft. Wir haben dennoch ein enges Verhältnis. Ich schätze sie sehr.

ZEITmagazin: Sehen Sie sich heute noch als schüchterne Exhibitionistin?

Sassen: Ja, schon. In der Fotografie geht es darum, etwas zu zeigen. Das Verbergen ist mir genauso wichtig.

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