Harald Martenstein Über Bienen und Wespen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 2/2018

Ich möchte Katrin Göring-Eckardt verteidigen. Wegen ihres Satzes "Wir wollen, dass jede Biene und jeder Schmetterling und jeder Vogel in diesem Land weiß: Wir werden uns weiter für sie einsetzen!" ist vor einigen Wochen viel Spott über sie ausgegossen worden. Da erlaube ich mir den Hinweis, dass es in einer Welt ohne Insekten und Vögel auch für uns Menschen ungemütlich wird. Zwischen Tierschutz und Menschenschutz sehe ich keinen Gegensatz. Aber warum nur grenzt sie alle Bienen aus, die nicht "in diesem Land" leben? Ist das nicht Bionationalismus? Nun, man muss nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Die Bienen fliegen nicht mehr, ein weiteres schwieriges Bienenjahr beginnt. Und es ist nun fast genau ein Jahr her, dass mein Lieblingskritiker, der unerbittliche Nazi- und Sexistenjäger Stefan Niggemeier, mir die letzte Schmähschrift gewidmet hat. Ich bin ein bisschen traurig, es ist schade, wenn große Gefühle erkalten. Er ist jetzt in einem medienkritischen Webmagazin aktiv. Im Rahmen dieser Tätigkeit hat er herausgefunden, dass die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche und die Nachrichtenagentur dpa Nazi-Vokabular verwenden. Alle drei Medien haben nämlich, als die Jamaika-Sondierungsgespräche zu später Stunde mit Krawumm endeten, in Berichten oder Kommentaren die Formulierung "Nacht der langen Messer" verwendet. Der Begriff stamme "aus dem Dritten Reich", schreibt er, dies sei "ein mörderischer Begriff".

Es dauert ungefähr zehn Sekunden, bis man herausgefunden hat, dass "Nacht der langen Messer" aus dem Angelsächsischen stammt, die Redewendung wurde zuerst für das Massaker an den Kelten verwendet, 450 nach Christus. Als "Nacht der langen Messer" wird auch die britische Kabinettsumbildung durch Premier Harold Macmillan bezeichnet, als er sein halbes Kabinett feuerte, außerdem in der Schweiz die Nacht vor der Bundesratswahl, in der offenbar viel gemauschelt wird, sowie traditionell die Etappe am Col de Turrini bei der Rallye Monte Carlo, bei der es oft Unfälle gab, aber, ähnlich wie im Kabinett Macmillan, keinen einzigen Mord. Der Song Nacht der stumpfen Messer von Weena Morloch dagegen handelt vom angeblichen Mord an den Terroristen Baader und Ensslin und ist so links, wie es nur geht.

In der Nazi-Zeit wurde die Redewendung vor allem in Bezug auf die Ermordung der SA-Führung verwendet, Hitlers erstes Massaker. Natürlich gibt es echte Unwörter, "Herrenrasse" zum Beispiel. Aber wenn man alle Wörter, die eine unfreiwillige NS-Lagerhaft hinter sich haben, nicht mehr verwenden darf, dann weiß ich nicht, wie ich die gegenwärtige Jahreszeit nennen soll. Immerhin gab es das "Winterhilfswerk". Am traurigsten aber wäre es, wenn sie im Radio nicht mehr meinen Lieblingssong spielen. Drafi Deutschers "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht" ist sehr nahe bei der Durchhalteparole "Unsere Mauern brechen, unsere Herzen nicht", gewiss. Aber man muss doch auch die Message des Gesamttextes berücksichtigen. Ein Medienkritiker, der das nicht kann, mag ein netter Kerl sein, aber in seinem Job muss er fleißiger werden, wie die Bienchen es sind.

Ich schreibe das, weil diese Sprachpolizei zu einer echten Landplage geworden ist und es da nur zwei mögliche Reaktionen gibt, sie zu ignorieren oder hartnäckig dagegenzusteuern. An den Bienen finde ich liebenswert, dass sie ihren Stachel nur aus gutem Grund benutzen, im Gegensatz zu den aggressiven Wespen, Landplagen, die ohne Sinn und Verstand alles stechen, was sie irgendwie stört. Auch unter Autoren gibt es Bienen und Wespen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Oder wie ich immer sehr gerne zu sagen pflege:
"Wer sich am besten ausdrücken kann, hat gewonnen."

Wenn man schon zu neuen Menschen im Land "Leitkultur" sagt und "die-Deutsche-Sprache-erlernen-und-Deutsch-sein" erwartet,
dann sollte man mindestens mal als GUTES Beispiel voran gehen.
Wider erwarten klappt das nicht.
Heißt: üben, üben, üben.

Dobrindt&Gauland&Maier&Söder und Konsorten.

Lieber Herr Martenstein,
ich freue mich, dass Sie das Bienenvotum von K. G-E verteidigen. Über arrogante Bemerkungen diesbezüglich hatte ich mich nämlich schon zu ärgern begonnen.
Aber eine Bitte hätte ich noch: Wäre der Ausspruch der Politikerin anlässlich des Scheiterns der Jamaika-Gespräche, sie habe „gelitten wie eine Hündin“, nicht auch einen Artikel wert? Vielleicht hat ja Herr Lindner wie ein Rüde gelitten, wer weiß?
Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn sich endlich jemand dieser
tierischen Leiden annähme.
Mit den besten Wünschen für das neue Jahr
J.J.