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Dieter Wedel Im Zwielicht

Mehrere Frauen beschuldigen den Regisseur Dieter Wedel. Es geht um Übergriffe bis hin zur sexuellen Nötigung und um Machtstrukturen in der Filmbranche. Wedel weist alle Vorwürfe zurück. Von und
ZEITmagazin Nr. 2/2018

Vor wenigen Wochen stand eine Meldung in vielen deutschen Zeitungen. Unter der Überschrift "sexuelle Belästigung" meldete sich der bekannte Regisseur Dieter Wedel zu Wort: "Auch Männer sind Übergriffen ausgesetzt", sagte er. "Als ich ans Theater kam, wurde ich immer für schwul gehalten. Homosexuelle Regisseure und Schauspieler haben mich mächtig unter Druck gesetzt. Aber ich habe nicht nachgegeben. Und ich bin auch nicht gebrochen worden."

Dieter Wedel drehte bis vor ein paar Jahren erfolgreiche Fernsehmehrteiler wie etwa Die Affäre Semmeling, Der Schattenmann und Gier. Mitte November feierte er seinen 75. Geburtstag, auch darüber berichteten die Medien. Jene jüngste Meldung hätte eine unter vielen in der derzeitigen Debatte über sexuelle Belästigung bleiben können. Für drei Frauen war diese Wortmeldung Wedels eine zu viel. Sie fühlten sich verhöhnt: Ausgerechnet Dieter Wedel stellt sich als Opfer von sexuellen Übergriffen dar. Deshalb rangen sich die ehemaligen Schauspielerinnen Jany Tempel und Patricia Thielemann nach langem Zögern dazu durch, öffentlich über ihre Erinnerungen an den Regisseur zu sprechen. Sie gaben eidesstattliche Versicherungen zu ihren Schilderungen ab. Eine weitere Frau berichtet hier anonym.

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Auch drei ehemalige Mitarbeiter von Dieter Wedel sprechen, unabhängig von den Frauen, darüber, wie sie seinen Umgang mit Schauspielerinnen erlebt haben. Es ist das erste Mal in der Debatte um sexuelle Übergriffe, dass in Deutschland Frauen öffentlich einen Namen nennen. Ihre Schilderungen sind sehr unterschiedlich, in einem Fall reicht der Vorwurf bis zum erzwungenen Sex. Alle drei Frauen waren, als sie auf Wedel trafen, junge Schauspielerinnen, die noch am Anfang ihres Berufslebens standen. Und alle beschäftigen ihre Erinnerungen bis heute.

Dieter Wedel selbst lehnte ein Treffen mit dem ZEITmagazin ab. Mit den Vorwürfen schriftlich konfrontiert, gab er schließlich eine umfangreiche Erklärung in Form einer eidesstattlichen Versicherung ab. Er habe Frauen nicht physisch bedrängt oder belästigt oder gar versucht, sie in irgendeiner Form zu sexuellen Handlungen zu zwingen, schreibt er. Sein Anwalt droht dem ZEITmagazin, falls es über die Vorwürfe der Frauen berichten werde, mit einer Klage und Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe.

Dieter Wedel leitet seit drei Jahren ein erfolgreiches Theaterfestival in Bad Hersfeld. Er hat sechs Kinder mit sechs verschiedenen Frauen. In der Öffentlichkeit spricht er gern über seine erotischen Abenteuer mit Darstellerinnen und gibt Einblicke in die einstige Dreiecksbeziehung mit seiner langjährigen "Hauptfrau" und seiner 34 Jahre jüngeren Freundin. Auch das Ende dieser Ménage-à-trois 2012 wurde von ihm in Interviews kommentiert. Dass er ein Opfer von Übergriffen männlicher Kollegen sein soll, ist eine überraschende Wendung.

Und nicht nur das, in einem Gespräch mit dem Radiosender Hitradio FFH am 22. November letzten Jahres sagt er: "Schauspielerinnen sind unter einem großen Druck. Sie können die Julia nicht mit 30 spielen, die müssen sie mit 25 spielen. Und plötzlich ist da einer, und der kann ihnen die Julia geben. Aber sie müssen ein bisschen lieb sein. Furchtbar. Widerlich. Schrecklich."

"Wie absurd", dachte Jany Tempel, als sie die Meldung über Dieter Wedel las. Tempel war Anfang der neunziger Jahre Moderatorin beim Jugendmagazin Telewischen des DFF, des Nachfolgers des DDR-Fernsehens, später hat sie einige größere und kleinere Rollen in Fernsehserien gespielt, mit 30 wurde sie kurzzeitig Kommissarin im Frankfurter Tatort.

Wenn sie in ihrer Berliner Wohnung von jenem Tag mit Wedel erzählt, zieht sie die langen Ärmel ihres Wollpullovers über ihre Hände, als sei ihr kalt. Tempel wuchs bei Adoptiveltern im Voralpenland auf. Sie ist jetzt 48 und hat lange dunkle Locken. In ihrer Wohnküche steht Foto-Equipment an der Wand, heute arbeitet sie hinter der Kamera, sie ist Fotografin, schreibt Drehbücher und wurde für ihren Debütfilm als Regisseurin beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken mit einem Preis ausgezeichnet. Vor Kurzem hat sie zusätzlich eine Ausbildung zur Beratung und Begleitung von Psychiatrie-Patienten gemacht. Dass sie vor vielen Jahren mit der Schauspielerei aufgehört habe, liege unter anderem an jenem Tag mit Dieter Wedel, sagt sie.

Als er sie über ihre Agentin 1996 zu einem Vorsprechen einlud, war das für die damals 27-Jährige der Augenblick, auf den sie lange gewartet hatte. Wedel suchte Darsteller für seinen Fernsehmehrteiler Der König von St. Pauli, die fiktive Geschichte über ein Striplokal an der Hamburger Herbertstraße. Jany Tempel hatte Gerüchte über Wedels sexuelle Annäherungsversuche gegenüber Schauspielerinnen gehört, aber ihre Hoffnung, besetzt zu werden, überwog. "In einer Produktion des berühmten Regisseurs mitzuspielen, das klang für mich nach der Erfüllung eines Traums." Die Bavaria Filmproduktion habe ihr das Drehbuch geschickt und sie nach München eingeladen. "Es hieß, es gehe um eine größere Rolle", erinnert sich Jany Tempel.

Wedel galt damals als einer der besten TV-Regisseure Deutschlands. "Verehrter Hexenmeister der Fernseherzählung" nannte ihn der frühere ZDF-Intendant Markus Schächter einmal. Wedel hatte für das ZDF erfolgreiche Mehrteiler gedreht, oft mit Mario Adorf in der Hauptrolle. Kaum einem Regisseur gewährten die Sender derart hohe Budgets wie ihm. Daran änderten die zahlreichen Plagiatsvorwürfe nichts, die es gegen ihn gab. Auch über seine berüchtigten cholerischen Anfälle am Set sah man bereitwillig hinweg. Die meisten Darsteller nahmen sie hin, weil sie mit Wedel arbeiten wollten. "Sein Erfolg schützte ihn in jeder Hinsicht", sagt eine Schauspielagentin, die öfter mit ihm gearbeitet hat, dem ZEITmagazin. Ab Ende der neunziger Jahre rieten sie und eine weitere Agentin ihren Schauspielerinnen davon ab, mit Wedel zu arbeiten – wegen seines Rufs. Die bekannte Schauspielerin Corinna Harfouch sagt dazu: "Viele haben gewusst, dass Wedel Schauspielerinnen schlecht behandelt und demütigt. Das war ein von allen gestütztes System."

Jany Tempel sagt, sie erinnere sich noch, wie sie über den roten Teppich des Hotels Vier Jahreszeiten lief, in dem Wedel während seines Aufenthalts in München gewohnt habe. Ein Treffen im Hotel sei ihr nicht ungewöhnlich vorgekommen. Sie ging davon aus, dass noch andere bei dem Vorsprechen dabei seien, etwa Produzenten oder Assistenten des Regisseurs. "Ich klopfte an die Zimmertür, die mir genannt worden war", sagt Tempel. Dann habe Dieter Wedel im Bademantel vor ihr gestanden. Sie erinnert sich, dass sie eine Entschuldigung stammelte, sie komme später wieder. Wedel habe ihr geantwortet, sie solle ruhig hereinkommen, beim Film seien doch alle eher locker. Er bat sie, sich schon mal aufs Sofa zu setzen und eine bestimmte Szene zu lesen, er sei gleich fertig im Bad.

Nach den Enthüllungen über den Produzenten Harvey Weinstein und andere Männer aus der Film- und Medienbranche in den USA kommt einem diese Szene wie ein Klischee vor: der mächtige Mann im Bademantel. Jany Tempel hat den Vorfall im Hotel, den sie dem ZEITmagazin schildert, aber schon einmal aufgeschrieben, 2003, in einem Buchmanuskript, das von ihrem Leben handelt. Das Manuskript, das dem ZEITmagazin vorliegt, war von einem bekannten Berliner Agenten interessierten Verlagen angeboten worden. Zu einer Veröffentlichung kam es nicht, unter anderem weil man Klagen der beschriebenen Männer befürchtete, wie Jany Tempel und ihr damaliger Agent heute sagen.

Während Wedel im Bad gewesen sei, sagt Jany Tempel, habe sie angefangen, im Drehbuch zu lesen. "Ich fand mich in einer erotischen Szene wieder", sagt sie. Da sei sie schon ein wenig beunruhigt gewesen, dann sei Wedel ins Zimmer zurückgekommen, noch immer im Bademantel. Er habe sich neben sie gesetzt und sie gebeten, den Text zu lesen. "Ich zögerte, da griff er sich einen Satz aus dem Dialog raus und rückte ganz nah an mich heran", erinnert sich Jany Tempel. Sie wollte aufspringen, er habe sie aber an der Schulter zurück auf das Sofa gedrückt. Dann habe sie so etwas gerufen wie "Lassen Sie mich!", habe sich losgerissen und sei zur Tür gestürzt, Wedel ihr hinterher. "Ich riss die Tür auf, aber ich schaffte es nicht mehr hinaus." Jany Tempel sagt, sie erinnere sich noch genau an seinen festen Griff an ihrem linken Arm und wie sich der Knoten von seinem Bademantelgürtel in ihren Bauch gebohrt habe. "Er hat mich mit Wucht gepackt und gegen die Wand gepresst. Er hat mich angeschrien, ich wisse doch, wer er sei. Wer eine Rolle bei ihm wolle, müsse auch etwas dafür tun." Wedel habe auf Tempel wie ein erregtes Tier gewirkt.

Wedel habe sie dann so festgehalten, dass sie keine Chance gehabt habe, ihm zu entfliehen. "Ich hätte schon Karate können müssen, um da wieder rauszukommen." Sie habe "Bitte nicht!" gerufen, er habe sie aufs Bett geworfen und gesagt, je mehr sie sich wehre, umso aufregender sei es. "Ich weiß nicht mehr, wie meine Kleidung von mir kam, ich weiß nur noch, dass ich wimmerte und es so schmerzfrei wie möglich über mich ergehen lassen wollte. Ich riss mich zusammen. An einen absurden Satz von mir erinnere ich mich noch: 'Bitte machen Sie mir kein Kind.'" Zu Hause in Berlin warteten ihr damaliger Freund und ihr einige Monate altes Baby.

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