Dieter Wedel Im Zwielicht

Wedel und sie hätten sich noch mehrmals getroffen, sagt die ehemalige Schauspielerin. Sie hätten fortan ein kumpelhaftes Verhältnis gehabt. Sie habe Wedel als intelligenten Mann erlebt, sie sprachen übers Theater, über Literatur. Bis Wedel sie eines Abends nach einem gemeinsamen Essen gebeten habe, ihn in sein Hotelzimmer zu begleiten. "Er nannte irgendeinen Vorwand, er habe etwas vergessen oder so ähnlich", sagt sie. Die ehemalige Schauspielerin sagt, sie sei ihm ohne Bedenken gefolgt. Wedel habe sich dann umgezogen und sei auf einmal im Bademantel ins Zimmer zurückgekehrt und habe sich zu ihr aufs Sofa gesetzt. Dann habe er ihr gesagt, er brauche ihre Nähe, er fühle sich so einsam, ob sie ihn nicht am Unterarm oder am Nacken kraulen und bei ihm bleiben könne. "Ich sagte ihm, dass ich nach Hause müsse, ihm aber, wenn er so einsam sei, noch etwas vorlesen könnte." Wedel habe sich dann ins Bett gelegt, und sie habe ihm aus einem Buch vorgelesen, an dessen Titel sie sich nicht mehr entsinne. Wedel sei währenddessen eingeschlafen. Erst bei diesem Annäherungsversuch im Hotelzimmer habe sie begriffen, dass Wedel ihr anfängliches Nein doch nicht akzeptiert habe. Sie sahen sich nie wieder.

Dieter Wedel sagt dazu in seiner Stellungnahme, er habe die Aussage, er duze Frauen oder sieze sie, abhängig davon, ob er mit ihnen bereits im Bett gewesen sei oder nicht, nicht getätigt, sie entspreche auch nicht seinem Sprachgebrauch. Er könne sich an die ehemalige Schauspielerin nicht erinnern. "Durchaus möglich ist aber, dass eine Schauspielerin privat bereit war, mit mir auf das Hotelzimmer zu gehen und dann dort ablehnte, mit mir schlafen zu wollen. Das habe ich ja offenbar akzeptiert. Möglich ist auch, dass sie mir etwas vorgelesen hat – sicherlich nicht aus einem meiner Drehbücher –, wobei ich eingeschlafen bin."

Wie Wedel Schauspielerinnen am Set behandelte, davon berichten zwei Männer, die bei dem Mehrteiler Die Affäre Semmeling Anfang der 2000er Jahre mit Dieter Wedel zusammengearbeitet haben. Der Kameramann Jules van den Steenhoven, ein Niederländer, erinnert sich daran, wie Dieter Wedel eine Schauspielerin vor der gesamten Crew anbrüllte. Diese Schauspielerin habe ihm damals erzählt, sagt van den Steenhoven, dass sie zuvor Wedels sexuelle Annäherungsversuche abgewehrt habe. "Die Schauspielerin, die nicht mit ihm schlafen wollte, hat er fertiggemacht." Er habe so etwas nie wieder in seiner beruflichen Laufbahn erlebt. Die Art und Weise, wie Wedel mit seinen Darstellern umging, nennt er "extrem". Van den Steenhoven sieht einen Unterschied in der Arbeitsweise zwischen den Niederlanden und Deutschland, die Hierarchie spiele hier eine größere Rolle. Am Set hätten die meisten Schauspieler den Regisseur mit "Doktor Wedel" angeredet. Van den Steenhoven sagt, er sei damals nach sechs Monaten aus dem Filmprojekt ausgestiegen.

Auch ein weiterer, führender Kollege aus dem Filmteam erzählt, wie Wedel diese Schauspielerin über Monate schikaniert habe. Er habe sie zum Beispiel eine simple Szene an die siebzig Mal wiederholen lassen: Sie sollte in ein Zimmer gehen und einen einfachen Satz sagen. Mal um Mal habe Wedel die Szene aufnehmen lassen, weil angeblich die Schrittfolge der Darstellerin nicht gestimmt habe. Das sei Wedels Methode gewesen, glaubt der Mann: Frauen am Set so lange mies zu behandeln, bis sie nachgeben und ihm willfährig ins Bett fallen.

Die Frau selbst bestätigt die Berichte der beiden Männer gegenüber dem ZEITmagazin, will ihre Geschichte aber nicht unter ihrem Namen veröffentlicht sehen, weil sie glaubt, dass Wedel noch immer mächtige Fürsprecher habe, die bereitwillig bestätigen würden, dass er sicher niemals Frauen bedrängt habe, schon allein, weil zu jeder Zeit so viele Frauen um ihn herumgeschwirrt und ihm freiwillig zur Verfügung gestanden hätten.

Für die Schauspielerinnen war es sehr schwer, sich zu wehren, weil es im künstlerischen Bereich kaum objektive Bewertungskriterien gibt und ein Regisseur immer behaupten kann, sie wären eben nicht gut genug.

In seiner Stellungnahme schreibt Dieter Wedel, es sei für ihn schwierig, angebliche Vorfälle einzuordnen, zu denen die Betroffenen nicht benannt werden. Nicht ausschließen könne er, dass er die Darstellerin vor versammelter Crew lautstark kritisiert, möglicherweise auch angeschrien habe. "Es ist sehr naheliegend, dass eine Schauspielerin meine Verärgerung über ihre Leistung damit begründet hat, dass sie mir eben privat nicht entgegengekommen sei." Dass diese Kritik manchmal auch verletzend oder grob ausgefallen sei, tue ihm heute leid. "Grundsätzlich habe ich im beruflichen Bereich ein überbordendes, manchmal auch grenzüberschreitendes Temperament, dabei habe ich vermutlich auch oft Schauspieler und Schauspielerinnen in ihrem Stolz und Selbstwertgefühl verletzt."

Auch Patricia Thielemann war zu Beginn ihrer Karriere als Schauspielerin unsicher. Thielemann ist eine Erscheinung, sehr groß, sehr schlank, sehr durchtrainiert. An einem grauen Novembertag wartet sie an einem hinteren Tisch in einem Berliner Café. Ihre kurzen platinblonden Haare trägt sie streng zurückgekämmt. Sie ist 50 und eine der bekanntesten Yoga-Lehrerinnen des Landes. In Berlin betreibt sie die drei Studios "Spirit Yoga", führt 200 Mitarbeiter, vertreibt Yoga-CDs und -Videos, sie hat zwei Kinder und gibt Interviews darüber, wie man Körper und Geist in Einklang bringt oder seine "innere Mitte" findet. Ihr Buch, eine Mischung aus Autobiografie und Yoga-Manifest, trägt den Untertitel Aufrecht, stark und klar im Leben. Die Geschichte, die sie über Dieter Wedel erzählen wird, wirkt wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. "Sie steht im Widerspruch zu allem, was ich heute mache", sagt Thielemann. Sie ist schon lange keine Schauspielerin mehr. Und sie braucht auch nicht die Aufmerksamkeit, die eine Offenbarung in der Öffentlichkeit bewirkt. Eher im Gegenteil.

1991 lebte Patricia Thielemann in Hamburg, damals schrieb sie einen Brief an Dieter Wedel. Sie habe von dem Filmprojekt Der große Bellheim gehört und würde gern für eine Rolle darin vorsprechen. Als Antwort lud Wedel sie zu einem ersten Kennenlernen in seine Hamburger Wohnung ein. Es sei ein sehr angenehmes Treffen gewesen, erinnert sich Thielemann, auch Wedels Ehefrau sei kurz dabei gewesen. "Er hat gesagt, er könne sich eine Zusammenarbeit mit mir durchaus vorstellen."

Dieter Wedel schreibt dazu in seiner Stellungnahme, er könne sich nicht an Patricia Thielemann erinnern. Seine Frau könne sich ebenso wie er nicht entsinnen, dass Thielemann sie zu Hause besucht habe. "Es ist aber durchaus möglich, dass ich Schauspielerinnen zu einem ersten Kennenlernen, allerdings nicht zu einem Vorsprechen, zu mir nach Hamburg eingeladen habe."

Um der Rolle, für die sie vorsprechen sollte, eine attraktive Frau, gerecht zu werden, habe sie sich zurechtgemacht: Hohe Schuhe, kurzer Rock, Bluse. Dann sei sie nach Bremen aufgebrochen.

Ein paar Wochen später, sagt Patricia Thielemann, habe sich Wedel tatsächlich bei ihr gemeldet und sie zu einem Casting bestellt. Thielemann solle ihn im Bremer Parkhotel besuchen. Nach Drehschluss werde er sich für sie Zeit nehmen. Thielemanns damaliger Freund Götz Bühler, ein Musikjournalist, erinnert sich heute daran, dass er und Patricia darüber diskutiert hätten, ob sie überhaupt dorthin fahren solle. Kollegen hätten abgeraten. "Es war klar, das ist ein schlimmer Finger. Aber dass er übergriffig wird, das wussten wir nicht." Es geschah häufiger, dass Regisseure seine junge und attraktive Freundin ausführten oder zum Essen einluden. Und Thielemann hoffte, ihre Karriere voranzutreiben.

Seit ihrer Jugend spielte sie Theater, das erste Mal mit 13 einen Geist im Faust am Thalia-Theater. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie vier war. Thielemanns Großmutter, bei der sie aufwuchs, feierte die Enkelin für ihre Rollen oder schlug sie "grün und blau", wenn sie einmal nicht so gut war. In ihrem Buch schreibt Thielemann: "Es war nicht die große Bühne, die ich suchte, sondern der Einklang, der entsteht, wenn eine Inszenierung aufgeht, dieses einzigartige Gefühl des Getragenseins." Später studierte sie in New York zwei Jahre lang Schauspiel, in Deutschland übernahm sie Anfang der neunziger Jahre kleinere Rollen in der Lindenstraße oder mal in einem Tatort. Sie galt als deutsche Antwort auf Brigitte Nielsen und schlug sich so durch. "Es war auch ein wenig Verzweiflung dabei. Es musste endlich mal was passieren", sagt Götz Bühler. Beide dachten, das Treffen mit Wedel könnte eine echte Chance sein, vielleicht den Durchbruch für Patricia Thielemann bedeuten.

Um der Rolle, für die sie vorsprechen sollte, eine attraktive Frau, gerecht zu werden, habe sie sich zurechtgemacht: hohe Schuhe, kurzer Rock, Bluse. Dann sei sie nach Bremen aufgebrochen, erzählt sie. Wedel habe sie nach längerem Warten in der Lobby des Parkhotels empfangen. Er sei sehr nett und zuvorkommend gewesen, sagt Thielemann, und habe sich noch nach einem Raum für das Vorsprechen erkundigt. Aber alle Konferenzräume seien belegt gewesen. Darauf folgte Wedels Frage, ähnlich wie bei Jany Tempel und der anderen Schauspielerin, ob es für sie in Ordnung sei, wenn sie in seiner Suite für die Rolle vorspreche. "Ich fand das ein bisschen komisch, aber ich dachte: Ach, sei kein Spießer! So sind eben die Umstände", sagt Thielemann, dann sei sie mitgegangen.

"Sobald die Tür hinter mir zufiel, veränderte sich Wedels Gesicht vollkommen." Das Charmante sei verschwunden gewesen. Ohne Vorwarnung habe er sie bedrängt, ihre Bluse aufgerissen und versucht, sie rückwärts auf die Couch zu werfen, erzählt Thielemann. Sie wehrte sich und schrie ihn an, er solle sofort damit aufhören. Stell dich doch nicht so an, habe er gesagt. Sie habe geantwortet: "So habe ich es mir nicht vorgestellt. Ich gehe lieber." Da habe ihr Wedel den Hals zugedrückt und gebrüllt: wie doof sie eigentlich sei. Er könne ihre Karriere starten oder sie zerstören. Sie sei ja schließlich mitgekommen. "Ich bekam große Angst und wehrte mich mit aller Kraft", sagt Thielemann. Es sei ihr gelungen, ihn im Gesicht zu kratzen und sich ihm zu entziehen. Thielemann ist sehr groß und Wedel offenbar physisch überlegen. Heute sagt sie, das sei ihre Rettung gewesen. Sie wisse nicht, wie der Abend ausgegangen wäre, wenn sie kleiner und schwächer gewesen wäre. So schaffte sie es, aus der Suite zu fliehen. "Ich bin wie eine Furie aus dem Zimmer gerannt." Noch in der Nacht fuhr sie mit dem Auto zurück nach Hamburg. Dort erzählte sie alles ihrem damaligen Freund Götz Bühler.

In seiner Stellungnahme schreibt Dieter Wedel, er wisse nicht mehr, ob er 1991 im Bremer Parkhotel gewohnt habe, könne dies aber nicht ausschließen, da er vielleicht zu einer Talkshow bei Radio Bremen eingeladen gewesen sei. Er schließe aber aus, dass er Patricia Thielemann in sein Hotelzimmer gebeten, sich auf sie gestürzt, ihr die Bluse zerrissen und sie auf die Couch geworfen habe. "Die dazu angeblich von mir getätigten Äußerungen stammen definitiv nicht von mir, so etwas habe ich nie gesagt und würde es auch nicht tun." Er sei Thielemann nie an die Gurgel gegangen oder habe sonst in irgendeiner Form Gewalt gegen sie verübt.

Thielemanns Freund Götz Bühler erinnert sich noch genau an jene Nacht. "Patricia kam völlig verheult zurück. Ihre Bluse hing in Fetzen, alle Knöpfe fehlten." Sie berichtete ihm, was in der Hotelsuite geschehen sei. Bühlers erste Reaktion ähnelt der von Jany Tempels Mann, obwohl sich die beiden und auch Patricia Thielemann und Jany Tempel nie begegnet sind: "Ich fahre hin und poliere dem die Fresse!"

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