Dieter Wedel Im Zwielicht

Bühler dachte auch an eine Anzeige. Aber wie Jany Tempel hielt Thielemann ihren Freund zurück. Sie stritten. Patricia Thielemann fürchtete, der bekannte und mächtige Regisseur würde sie fertigmachen. "Dann hätte sie sich gleich einen neuen Job suchen können", sagt Bühler. Dann wäre sie nicht mehr die junge, hoffnungsvolle Schauspielerin gewesen, sondern die junge, unbekannte Schauspielerin, die den großen Dieter Wedel angezeigt hat, die sich womöglich auf seine Kosten aufspielen will. Thielemann und Bühler hatten Angst vor den öffentlichen Reaktionen, vor Fragen wie diesen: Was zieht sie auch einen kurzen Rock an? Warum ist sie überhaupt mit in die Suite gegangen? Warum begibt sie sich in eine solche Situation? Dass vielleicht sogar Thielemanns Mutter, eine Immobilienmaklerin, sagen würde: Du bist doch selbst schuld!

Warum betrachten die Frauen ihre Rolle selbst als ambivalent? Sie agieren in einem extrem hierarchischen Umfeld, in dem meist Männer Rollen vergeben, darüber bestimmen, ob sie wahrgenommen werden.

Also blieb Götz Bühler in jener Nacht zu Hause. Heute fragt er sich, ob die Bitte seiner Freundin, nicht zu Wedel zu fahren, damals eigentlich bedeutete: Bitte fahr doch! Ende der neunziger Jahre trennten sich Thielemann und Bühler. Er hat all die Jahre mit niemandem darüber gesprochen. "Endlich kommt es raus", sagt er heute.

Und auch Patricia Thielemann schwieg. Erst die Weinstein-Debatte in den USA führte dazu, dass sie mit Freunden darüber redete. Damals sei ihr Schamgefühl zu groß gewesen, um etwas gegen Dieter Wedel zu unternehmen. "Ich fühlte mich schuldig, dachte, ich hätte ihn dazu eingeladen." Thielemann geht hart mit sich selbst ins Gericht, auch heute noch in dem Berliner Café: "Warum habe ich mich hübsch gemacht und bin mit ihm in die Suite gegangen? Zu einem, der als Schürzenjäger bekannt war?" Sie gibt sich die Antwort sogleich selbst: "Weil ich so dringend mitspielen wollte."

Warum betrachten die Frauen ihre Rolle selbst als ambivalent? Sie agieren in einem extrem hierarchischen Umfeld, in dem meist Männer Rollen vergeben, darüber bestimmen, ob sie wahrgenommen werden oder eben nicht. Deshalb zögern die Frauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch bei Wedel, von dem es in der Branche heißt, er sei "ein Grapscher". Alle drei Frauen haben sich gefragt, ob es sinnvoll ist, sich jetzt, Jahre später, zu Wort zu melden. Sie betonen, dass es ihnen nicht darum gehe, einen prominenten Mann wie Dieter Wedel nachträglich in Verruf zu bringen, sondern den Machtmissbrauch offenzulegen und damit die Mechanismen der Filmbranche zu verändern.

Im Rückblick sieht Thielemann sich als Teil eines Systems. "Das mit Wedel war für mich ein Schlüsselerlebnis, darauf zu schauen, was ich in der Schauspielerei suche." Heute wertet sie ihr einstiges Verhalten als übersteigerte Suche nach Bestätigung, nach Liebe und Anerkennung, die sie am Ende in eine Hotelsuite führte.

Damals habe ihr Schauspielagent oder vielleicht auch sie selbst, genau wisse sie das nicht mehr, nach ein paar Wochen in Wedels Produktionsbüro nachgefragt, erzählt Thielemann. Da hieß es, die Rolle, für die Thielemann angeblich hatte vorsprechen sollen, sei längst vergeben gewesen. "Da war klar, Wedel hat mich unter einem Vorwand zu sich gelockt. Um zu schauen, ob ich fuckable bin", sagt Thielemann. Gegenüber ihrem Agenten habe sie den Übergriff verharmlost. Gern würde man mit diesem Agenten sprechen. Am Telefon sagt er, er könne sich dunkel an etwas mit Wedel und Thielemann erinnern. Danach bricht er das Gespräch ab und ist nicht mehr erreichbar.

Patricia Thielemann ist Dieter Wedel nie wieder begegnet. Etwas Vergleichbares ist ihr nie wieder passiert: "Dass jemand so aggressiv wird, dass ich Angst bekomme, nicht aus der Situation herauszukommen, weil ein Nein kein Nein ist."

Ein paar Jahre später, 1997, zog Thielemann nach Los Angeles. Sie wollte es in Hollywood schaffen. In den USA ging es weiter wie in Deutschland, Patricia Thielemann bekam ein paar Episodenrollen in TV-Serien. Nicht klein, aber auch nichts Großes. Im Nachhinein schreibt sie über diese Zeit: "Ich war ein ambivalentes Fabelwesen mit wunderschön geschminkten Lippen und fantastischen High Heels. Um endlich als Frau, die jemand lieben könnte, gesehen zu werden, war ich bereit, mich ganz schön zu verbiegen." Nebenbei entdeckte Thielemann Yoga für sich, begann zu lehren. Schließlich gab sie die Schauspielerei auf. "Die Begegnung mit Wedel war eines der Erlebnisse, die mitverantwortlich dafür sind, dass ich aus dieser kranken Branche raus bin", sagt sie heute. 2004 kehrte Thielemann nach Berlin zurück und eröffnete ihr erstes Yoga-Studio am Hackeschen Markt.

In ihrem Buch erwähnt Patricia Thielemann Dieter Wedel nicht, er sei es nicht wert, genannt zu werden, sagt sie. Thielemann will ihm keine zu große Bedeutung in ihrem Leben einräumen. Auch für dieses Gespräch mit dem ZEITmagazin sagt sie erst zu, dann ab, will zunächst anonym bleiben. Am Ende entscheidet sich Thielemann doch dafür, ihren Namen preiszugeben. Zu der Klarheit zu stehen, über die sie in ihrem Buch schreibt. Es ist keine Geschichte, die man gern über sich selbst in der Öffentlichkeit liest. Und sie fürchtet nach wie vor, dieser Vorfall könne nun alles andere überschatten. Dass sie nicht mehr als die erfolgreiche Unternehmerin wahrgenommen werde, sondern als die Frau, die Dieter Wedel zum Sex zu zwingen versucht habe.

In seiner Stellungnahme geht Dieter Wedel auch auf seinen generellen Umgang mit Frauen ein. Grundsätzlich sei aus den Medien bekannt, dass er viele wechselnde Beziehungen mit Frauen gehabt habe, manchmal mit mehreren gleichzeitig, schreibt er. "Einiges davon stimmt, einiges wurde für die PR genutzt. Promiskuität ist ja nicht strafbar." Er könne jedoch ausschließen, dass er Frauen auf sein Hotelzimmer gebeten habe, um ihnen aus einem Drehbuch vorzulesen und dann die Situation für sexuelle Annäherung auszunutzen. Wenn eine Schauspielerin bereit gewesen sei, aus privaten Gründen mit ihm auf ein Hotelzimmer zu gehen, habe er sie nicht physisch bedrängt oder belästigt oder gar versucht, sie in irgendeiner Form zu sexuellen Handlungen zu zwingen. "Wenn es dazu kam, geschah dies in meiner Wahrnehmung im gegenseitigen Einvernehmen."

Sicherlich, schreibt Wedel, sei er oftmals laut gewesen und habe sein Unverständnis, etwa wenn Schauspieler ihre Rollen nicht hinreichend beherrschten und nur schlecht vorbereitet oder ihm nicht ausreichend begabt erschienen, auch grob zum Ausdruck gebracht. "Unzutreffend ist aber, dass derartige Handlungen im Zusammenhang mit sexuellen Forderungen oder Avancen Frauen gegenüber standen." Wedel selbst erwähnt eine Begebenheit, die rund 35 Jahre zurückliegt: "Damals hatte eine Schauspielerin unzutreffend – allerdings halb scherzhaft – über mich verbreitet, ich hätte sie im Bademantel im Hotelzimmer empfangen und sie hätte anschließend eine Rolle in einem meiner Filme nur deshalb nicht bekommen, weil sie nicht auf meine Avancen eingegangen sei." Von da an sei ihm bewusst gewesen, dass es in seiner beruflichen Position auch aufgrund seines Bekanntheitsgrads nicht empfehlenswert sei, Frauen im beruflichen Zusammenhang allein im Zimmer zu empfangen. "Von da an war regelmäßig immer entweder der Regieassistent, ein Vertreter der Produktion oder die Casting-Beraterin Sabine Schroth bei Probeaufnahmen für eine Rolle in einer meiner Produktionen bzw. unter meiner Regie anwesend."

Das steht im Widerspruch zu den Angaben der drei Frauen. Alle drei arbeiten heute nicht mehr als Schauspielerin.

Alle drei sagen, sie hätten nach dem Erlebnis mit Dieter Wedel nicht mehr so weitermachen können wie zuvor.

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