Eric Carle Eric Carle

"Der Zweite Weltkrieg und die Bombenangriffe beschäftigen mich bis heute"
© Anna Rose
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 2/2018

Vor vielen Jahren, in einer dunklen Phase meines Lebens, begab ich mich in psychotherapeutische Behandlung. Ich hatte erwartet, dass ich von meinen Träumen erzählen soll. Aber ich stellte bald fest, dass sich der Therapeut gar nicht für meine Träume interessierte. Er war sehr pragmatisch und eher an meiner Lebensrealität interessiert. So endete meine Begegnung mit Freuds Traumdeutung, bevor sie begann.

Ich wurde in den Vereinigten Staaten geboren. Als ich sechs Jahre alt war, kehrten meine aus Deutschland eingewanderten Eltern mit mir im Schlepptau in ihre Heimat zurück. Nachdem wir eine Weile in Deutschland gewesen waren, fragte ich meine Mutter: "Wann fahren wir wieder nach Hause?" Als mir klar wurde, dass das nicht passieren würde, begannen meine Tagträume: Ich stellte mir vor, eine Brücke zwischen Stuttgart und meiner amerikanischen Heimatstadt Syracuse zu bauen, meine geliebte Oma an die Hand zu nehmen und sie über diese Brücke nach Amerika zu führen. Meine Oma war die reizendste Frau auf Erden, und ich liebte es, ihr beim Stricken zuzuschauen. Währenddessen unterhielten wir uns, und sie erzählte Geschichten in einem weich klingenden Schwäbisch, das ich immer noch liebe.

In einem nächtlichen Traum, den ich lange Zeit regelmäßig träumte, wandere ich allein durch eine menschenleere Landschaft und finde ein verlassenes Haus. Die Türen sind aus den Angeln gerissen, durch die Mauern ziehen sich breite Risse, die Fensterscheiben sind zerbrochen, und das ganze Haus ist dicht überrankt von Kletterpflanzen. Im Inneren steht ein Aquarium voller Fische, es ist direkt vom Himmel beleuchtet. Dieser Anblick hat mich getröstet, es war ein wohltuender Traum, aus dem ich jedes Mal gestärkt erwacht bin. Gerade in Phasen, in denen die Welt um mich zerbrochen schien, gab er mir Hoffnung.

In den frühen neunziger Jahren mieteten meine Frau und ich ein kleines Hausboot, und wir schipperten auf dem Canal de Bourgogne durch die liebliche französische Landschaft. Jeden Abend mussten alle Hausboote zu einer bestimmten Zeit am Ufer anlegen, so gegen fünf oder sechs Uhr. Nachdem wir geankert hatten, gingen wir in ein kleines Dorf zum Abendessen. Auf unserem Rückweg legte sich die Dämmerung sanft über das Land. Zwischen den Bäumen machte ich einen schwachen Lichtstrahl aus. Ich folgte ihm bis zu einem dunklen Haus. Keine Menschen, kein Auto, kein bellender Hund, aber ein Lichtstreifen in einem Fenster an der Straßenseite. Als ich durch das Fenster spähte, sah ich meinen Traum: ein dunkler Raum, darin ein hell erleuchtetes Aquarium voller Fische. Ein wunderbarer Moment. Danach träumte ich diesen Traum nie wieder.

Ich vermute, dass sich dieser Traum um Gut und Böse drehte, Angst und Zufriedenheit, hell und dunkel, Zerstörung und Wiederaufbau. Der Zweite Weltkrieg und die Bombenangriffe beschäftigen mich bis heute.

Vor drei Jahren lag ich einige Wochen im Krankenhaus, mein Herz, meine Lunge und meine Nieren hatten versagt. Wochenlang habe ich im Krankenbett halluziniert. Diese Halluzinationen waren sehr verstörend. Es kann sein, dass sich in diesen Halluzinationen die dunkelsten Erfahrungen meines Lebens manifestierten, vor allem die meiner Kindheit während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.

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Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Der Artikel geht sehr zu Herzen. Der alte Mann hat sicher schlimmes erlebt in dem Krieg. Es waere vielleicht besser fuer ihn gewesen, wenn er in den USA geblieben waere. Wir als Deutsche haben aber grosse Schuld auf uns geladen und viele alte Leute leben noch, die sich daran erinnern. Auch wenn sie bald tot sind, muessen wir weiter die Erinnerung hoch halten und nicht vergessen was passiert ist. So koennen wir auch unseren Kindern sagen, dass sie alles tun muessen damit der Frieden weiter erhalten bleibt und nie wieder boese Nazis kommen in Deutschland um hier ihr Unwesen zu treiben. Die Gefahr besteht heute mehr denn je, wie auch der wunderbare Film von Fatih Akin zeigt, wo man gut lernen kann, wie wieder Nazibanden in Deutschland lebensunwertes Leben toeten wollen.

Jedenfalls muessen wir dem alten Mann helfen mit seinem Alptraum wieder klar zu kommen!