Frisuren Über das kommende Haar

© Axel Heimken/dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 2/2018

Wie schon in den vergangenen Jahren versuchen wir an dieser Stelle eine Art Ausblick zu schaffen, was sich in der kommenden Zeit auf den Köpfen tun wird. Dafür muss man natürlich erst mal schauen, was eigentlich IN den Köpfen so passiert. Wenn es im Kopf nämlich viel um das neue iPhone X, Kapitalanlagen in Südostasien und die süße Anna-Lena aus dem Vertrieb geht, schwinden die Chancen auf beispielsweise einen Irokesenschnitt ziemlich schnell, denn ein Irokesenschnitt steht ja nun traditionell eher für Kritik am Kapitalismus. Außerdem hat den Iro ja schon Sascha Lobo und ihn damit vor allem für die jüngere Generation völlig verdorben. "Aaaaaalter, krass, was haben denn deine Eltern dazu gesagt, dass du jetzt aussiehst wie ein gebildeter 'Spiegel Online'-Kolumnist, wir feiern’s übelst" – ein Satz, der nur selten auf deutschen Schulhöfen zu hören ist. Dabei hat Lobo den Punks natürlich nichts weggenommen, weil es die zu der Zeit, als er mit seinem Iro um die Ecke kam, nicht mehr gab. Genauso wenig wie die Hippies. Selbst die Emos haben ausgeritzt. Es gibt überhaupt keine Randgruppen mehr. Es gibt halt Jugendliche, die finden Elyas M’Barek cool. Vielleicht sind die Schulhöfe, dieses Labor zukünftiger Frisuren, deshalb voller mittellanger, mittelbrauner, mittelinteressanter Frisuren. Wer sich noch ein bisschen Mühe gibt, hält die Seiten etwas kürzer, aber längst nicht so kurz wie beim Undercut 2012, der noch Ecken und Kanten zeigte, und die gilt es heute unbedingt zu vermeiden. Kaum ein Jugendlicher hat noch lange Haare, Igelstacheln oder einen Topfschnitt. Stattdessen: Frisuren gewordene Unauffälligkeit, wohin man blickt.

Das neue Jahr wird also irgendwie wuschelig, irgendwie etwas zerzaust, irgendwie gescheitelt und dabei möglichst unauffällig. Exzentrik ist schließlich was für Leute, die Klaus Kinski heißen, aber nichts für Jasper aus der 11c. Jasper selbst versucht sich halt irgendwo zwischen den Polen "nicht so wie Trump" und "so wie dieser Longboard-YouTuber aus Kanada" zurechtzufinden.

Und nicht nur der Blick auf Jugendliche verweist auf eine recht langweile Zukunft der Herrenfrisur. Auch an den Unis und in den Berliner Start-ups schwinden die Man-Buns.

Vielleicht ist es unsere etwas zu grelle, etwas zu schnelle und ganz und gar unverlässliche Gegenwart. Da erwartet man wenigstens von seiner Frisur etwas Beständigkeit.

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