© Stefanie Moshammer

Stefanie Moshammer Durch den Sturm

ZEITmagazin Nr. 2/2018
Einerseits wird Haiti die "Perle der Karibik" genannt – andererseits herrschen in dem Land Armut und Gewalt. Und immer wieder zerstören Naturkatastrophen das, was sich die Menschen dort mühevoll aufbauen. Die Fotografin Stefanie Moshammer dokumentiert den Alltag der Bewohner. Ein Interview von

ZEITmagazin: Frau Moshammer, es zieht Sie immer wieder an Orte, die von harten Gegensätzen geprägt sind. Zuletzt waren Sie in Haiti, das seit Langem unter Armut und Gewalt leidet. 2010 wurde es von einem schweren Erdbeben heimgesucht, 2016 von Hurrikan Matthew. Was fasziniert Sie daran?

© Stefanie Moshammer

Stefanie Moshammer: Das Besondere an ihnen ist, dass sie nicht nur inhaltlich, sondern auch haptisch spannend sind und sich nicht hinter einem Idealbild verstecken. Als Fotografin hat man ja meistens auch ein vorgefertigtes Bild im Kopf. Mein Anspruch ist es, mich davon zu lösen. Gerade Haiti hat in den letzten Jahren sehr viel durchgemacht. Naturkatastrophen haben das Land zerstört, auch politisch ist die Situation sehr schwierig. Gleichzeitig ist Haiti als "Perle der Karibik" bekannt. Diese Spannung wollte ich festhalten.

ZEITmagazin: Auf Einladung der Organisation "Flying High for Haiti" waren Sie insgesamt drei Wochen da. Was hat Sie während Ihres Aufenthalts am meisten überrascht?

Moshammer: Der Einfluss der westlichen Kultur. Das hatte ich nicht erwartet. Mir scheint, Haiti ist sehr abhängig von äußeren Umständen, und als Europäer wird einem oft der Spiegel vorgehalten. Die meisten Fotos sind auf der Île-à-Vache, einer kleinen Insel im Süden mit knapp 15 000 Einwohnern, entstanden, und trotz ihrer Lage merkt man den westlichen Einfluss. In der Musik, der Kleidung, aber auch an der Verschmutzung, den Bergen von Müll. Wir Europäer haben ein funktionierendes Müllabfuhrsystem und die Möglichkeit, mit den Auswirkungen des Konsums fertigzuwerden. Aber die Insel schafft das nicht.

ZEITmagazin: Die Fotoserie, die während Ihres Aufenthaltes dort entstanden ist und die wir hier in Teilen zeigen, heißt "Tomorrow of Yesterday". Also "das Morgen vom Gestern". Was bedeutet dieser Titel?

Moshammer: Die Vergangenheit ist auf der Île-à-Vache immer präsent. Die Naturkatastrophen, die politischen Umbrüche, die Einflüsse der westlichen Welt in den vergangenen Jahrhunderten lassen sich nicht einfach abschütteln. Historische Ereignisse und Gegebenheiten prägen die Menschen dort viel stärker und langfristiger.

ZEITmagazin: Viele der farbenfrohen Fotografien zeigen nur einen ganz bestimmten Ausschnitt einer Szene oder eines Körpers. Das liegt natürlich in der Natur der Fotografie, aber es wirkt beinahe so, als würden Sie dem Betrachter bewusst vermitteln wollen: Das ist nur mein Blick.

Moshammer: Ja, das stimmt. Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Denn meine Perspektive kann nur eine sehr persönliche und keine allumfassende sein. Das würde ich auch nicht wollen: dass meine Bilder einen Ort erklären. Dieses Recht habe ich nicht.

ZEITmagazin: Gibt es eine Aufnahme, die Sie besonders mögen? Ein Lieblingsbild?

Moshammer: Es gibt ein Mädchen, das in der Serie mehrmals vorkommt. Einmal sitzt sie in einem bunten Blumenkleid auf ihrem Bett. Dieses Bild mag ich sehr, weil es viel über das Mädchen erzählt. Sie heißt Florise, lebt auf der Insel und hat mich jeden Tag begleitet. Wir waren immer zusammen unterwegs, und obwohl mein Französisch schlecht ist, konnten wir uns verständigen. Sie ist 13 Jahre alt, aber eine alte Seele. Sie hat wie dieses Land und dieser Ort etwas Gebrochenes und gleichzeitig Wunderschönes.

ZEITmagazin: Wie haben Sie das Mädchen kennengelernt?

Moshammer: Die Insel ist ja relativ klein, und es kommen nicht so viele Menschen von außerhalb. Man ist also schnell bekannt.

ZEITmagazin: Wenn Sie nicht auf Reisen sind, leben Sie in Wien. Ist das auch so ein Ort der Gegensätze?

Moshammer: Das ist immer eine Sache der Perspektive. Gegensätze fallen mir in Wien nicht so auf. Ich müsste mehr danach suchen. Wien hat für mich vor allem so eine brutale Bequemlichkeit, die einen nur schwer entlässt. Wenn ich längere Zeit in der Stadt bin, fange ich an, mich in meiner eigenen Komfortzone zu baden, und schaffe es nur mit viel Kraft raus.

ZEITmagazin: Und wohin geht es als Nächstes?

Moshammer: Athen finde ich sehr spannend. Die Stadt spukt schon länger in meinem Kopf herum, und in ein paar Tagen fliege ich endlich auch zum ersten Mal hin, um zu sehen, ob die Bilder in meinem Kopf stimmen oder über Bord geworfen werden müssen.

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