© Jason Fulford

Arktis Im Reich der Verschollenen

Mit 134 Männern und zwei Schiffen machte sich Sir John Franklin 1845 auf den Weg ins arktische Eis. Drei Jahre später waren sie verschwunden. Das Drama treibt bis heute viele Menschen um. Auch die kanadische Künstlerin und Autorin Leanne Shapton wurde vom Franklin-Fieber gepackt – so sehr, dass sie selbst in die Arktis aufbrach. Von
ZEITmagazin Nr. 3/2018

An einem Montagmorgen im Mai 1845 verließen die beiden Schiffe Erebus und Terror den Hafen von Greenhithe, England. Sie sollten erstmals die Nordwestpassage nach Indien und China durchqueren und kartieren. Die Schiffe brachen mit 134 Mann Besatzung auf und unterstanden dem Kommando des verdienten, fast sechzigjährigen Entdeckers Sir John Franklin, berühmt für seine vorherigen Reisen in den hohen Norden. Die ehemaligen Kriegsschiffe wurden für die Expedition mit Heizkesseln und zusätzlichen Dampfmaschinen ausgestattet, ihre Rümpfe mit Eisenplatten verstärkt. Sie waren mit modernstem Gerät zur Messung von Magnetfeldern und mit Vorräten für drei Jahre beladen: Im Ladungsverzeichnis sind 14½ Tonnen Fleischkonserven, 450 Kilogramm Rosinen und 2200 Liter eingelegtes Gemüse aufgeführt. Mit an Bord waren außerdem 2000 Bücher, eine Drehorgel und eine Daguerreotypie-Kamera.

Drei Jahre nach der Abreise galten Franklin und seine 129 Männer (fünf waren in den ersten drei Monaten zurückgeschickt worden) als verschollen. Die britische Öffentlichkeit und Franklins Ehefrau Lady Jane hofften, dass die Männer noch am Leben sein könnten. Die britische Admiralität entsandte erste Suchexpeditionen. 1850 entdeckten amerikanische und britische Suchtrupps auf der Beechey-Insel, einem unbewohnten Flecken im nördlichsten Kanada, drei Gräber.  Zwei stammten aus dem Januar, das dritte aus dem April 1846.

Weitere Spuren wurden vorerst nicht entdeckt – bis der schottische Forscher John Rae 1854 südwestlich der Baffininsel nahe der Pelly-Bucht auf eine Gruppe von Inuit traf. Sie trugen Besitztümer von Franklins Mannschaft bei sich, die sie in verlassenen Expeditionslagern gefunden hatten. Ein goldenes Hutband. Ein Teleskop. Die Inuit erzählten auch von Kesseln mit gekochten menschlichen Überresten. Rae übermittelte diese beunruhigenden Nachrichten an das britische Marinekommando. In London berichteten die Zeitungen darüber, auch wenn der Schriftsteller Charles Dickens in seiner Wochenzeitschrift Household Words Raes Aufzeichnungen als "das wirre Geschwätz von Wilden" verwarf. Am Victory Point an der Nordwestküste der King-William-Insel, einer weiten Tundra 240 Kilometer nördlich vom Polarkreis, wurde man 1859 endlich fündig: In einer aufgeschichteten Steinpyramide lag ein Formblatt der britischen Marine. Es enthielt zwei Nachrichten. Die erste endete mit: "Alle wohlauf". In zittrigerer Schrift berichtete die zweite, dass Franklin tot sei. Nachdem das Packeis die Erebus und die Terror eingeschlossen hatte, verließ die Besatzung am 22. April 1848 die Schiffe. Die Männer begaben sich auf einen Marsch über Land, vermutlich in Richtung eines über 900 Kilometer weiter südlich gelegenen Handelspostens.

Das Rätsel um das Schicksal der Besatzung diente seitdem unzähligen Schriftstellern und Künstlern zur Inspiration. Wilkie Collins, Jules Verne, Mark Twain und Margaret Atwood schrieben Geschichten über die Franklin-Expedition, ebenso Sten Nadolny mit dem Bestseller Die Entdeckung der Langsamkeit. James Taylor, Iron Maiden und The Breeders komponierten Lieder über den Leidensweg der Seeleute. Auf Facebook und in Internet-Foren grübeln Laien und Wissenschaftler gemeinsam über Beweisstücken. Kollektive Intelligenz soll dabei helfen, herauszufinden, wie die Seemänner umkamen.

Ich bin keine Journalistin. Ich male, zeichne und gestalte konzeptuelle Bücher und Comics. Wenn ich schreibe, dann meist über mich selbst. Außerdem bleibe ich leicht an Dingen hängen, an einem Stück Geschichte, an Mustern und Formen. Drei Jahre lang habe ich nun über Sir John Franklins letzte Expedition nachgedacht. Ich hatte schon in der Schule von der Geschichte gehört, aber von ihr besessen bin ich erst seit Kurzem. Das Phänomen heißt "Franklin-Fieber".

Seit 1849 sind etwa 90 Suchexpeditionen aufgebrochen, um das Schicksal von Franklin und seiner Besatzung aufzuklären. Mitten in der schneeverwehten Tundra wurde eine Zahnbürste gefunden. Als im Sommer 2014 das Eis taute, stieß man auf einen Teil eines Krans, mit dem Rettungsboote zu Wasser gelassen werden. Dies führte zur Entdeckung der Erebus. Zwei Jahre später, im Herbst 2016, fand man die HMS Terror – in der Terror Bay, die bereits 1910 nach dem Schiff benannt worden war.

Im National Maritime Museum in London befinden sich über 400 Relikte der Expedition. Suchexpeditionen lasen sie im 19. Jahrhundert auf. Es ist berührend, persönliche Habseligkeiten wie Seife und Elfenbeinkämme zu sehen. Uniformreste, die man 1859 bei einem Skelett fand, wurden Abraham Lincolns Sarg beigelegt. Franklins Silberbesteck ist in benutzbarem Zustand.

Weiterhin tauchten in der Tundra Knöpfe und anderer Kleinkram auf sowie eine Brotkrumenspur aus viktorianischen Zeiten. Manche Gegenstände, wie Feilen und Konservendosen, arbeiteten die Inuit zu Schlittenkufen und Messern um. Andere Überreste sind fast zu Staub zerfallen, wie die Fetzen eines Marinemantels, festgefroren an den ausgeblichenen Knochen eines Skeletts. Aber in jedem der Fragmente steckt Leben.

SUPPENDOSE: Die Dose wurde an einem Ende mit einem Hammer geöffnet. (Alle Objektbeschreibungen auf diesen Seiten stammen von der Website des National Maritime Museum.)

Der kanadische Anthropologe Owen Beattie exhumierte 1984 die drei Gräber auf der Beechey-Insel. Er wollte die begrabenen Seemänner untersuchen, röntgen und obduzieren. Der Permafrost hatte John Torrington, John Hartnell und William Braine fast gänzlich erhalten. Auf Torringtons Sarg lag sogar noch etwas Pulverschnee, am Tag seiner Beerdigung 1846 muss ein Gestöber geherrscht haben. Franklin hatte für ein ordentliches Begräbnis gesorgt. Die Särge waren in blaues Wolltuch gehüllt und mit Ziergriffen versehen. Die Köpfe der Männer waren auf Hobelspäne gebettet.

Drei Jahre später veröffentlichten Beattie und der Autor John Geiger das Buch Der eisige Schlaf. Sie schrieben, dass die Männer an akuter Bleivergiftung gelitten hätten. Wahrscheinlichster Grund hierfür: 8000 Konservendosen, nachlässig mit Blei verlötet. Die Bleiwerte, die Beattie in den drei Seeleuten vorfand, hätten zu Kraftlosigkeit, Reizbarkeit, Krämpfen, Magersucht und Koma führen können.

RESTE EINES WEISSEN BAUMWOLLHEMDS: Streifen aus Gitterwerk- und Bienenwaben-Muster mit Zickzack-Kante.

Moos auf einem Stein, King-William-Insel © Jason Fulford

Im Internet gibt es Farbfotografien der gefrorenen Leichname der Matrosen. Torrington, Unteroffizier auf der Terror, war 19. Er hat helle Wimpern, nackte Füße und schmale Hände. Seine Kleidung ist fein gearbeitet: Perlmuttknöpfe, Leinenhose und ein blau gestreiftes Baumwollhemd. Um Kinn und Kopf ist ihm ein blau-weiß gepunktetes Halstuch geknotet, das seinen Unterkiefer fixiert. In seinem Gesichtsausdruck liegt Ruhe. Der eisige Schlaf enthält eine Textstelle, zu der ich immer wieder zurückkehre – Geiger beschreibt, wie Beattie nach tagelanger Arbeit mit der Spitzhacke Torringtons Körper aus dem Grab hebt: "Er war sehr leicht und wog weniger als 40 kg. Als sie ihn hochhoben, rollte sein Kopf auf Beatties linke Schulter. Beattie sah unmittelbar in Torringtons halbgeöffnete Augen, die nur wenige Zentimeter von den seinen entfernt waren."

Eine Pietà in gekrümmter Zeit. Ein Mann hält einen 123 Jahre älteren Jungen.

HOLZSTÜCK: möglicherweise der Rand einer Schüssel.

Mithilfe von 13 Partnerorganisationen – darunter die Arctic Research Foundation, die Royal Canadian Geographical Society und die kanadische Marine – und unter der Leitung des Unterwasserarchäologen der kanadischen Nationalpark-Behörde, Ryan Harris, 43, entdeckte ein Forscherteam am 2. September 2014 die HMS Erebus, das Flaggschiff der Expedition. Das Wrack lag in zehn Meter Tiefe im Queen Maud Gulf vor Kanadas Nordküste.

Zumindest in meinem Heimatland Kanada war diese Nachricht eine Sensation. Mein Vater schickte mir Gedenkbriefmarken. Taucher bargen die Schiffsglocke, die als die Seele eines Schiffes gilt. Sie hofften, das Wrack werde das Schicksal der Mannschaft aufklären.

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