Harald Martenstein Über Fluchtursachen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 3/2018

Immer, wenn ich einen bestimmten Satz ständig höre, muss ich mir die Frage stellen: Stimmt das? Ich kann nichts dagegen tun. Es hängt mit der Zeit zusammen, in der ich aufgewachsen bin. Damals hieß es, man soll alles kritisch hinterfragen. Das steckt in mir drin. Ich krieg es nicht raus.

Eine Phrase, die mich zur Raserei treibt, ist der Satz "Man muss die Fluchtursachen bekämpfen". Am Ende dieses Kampfes wären dann alle Flüchtlingsprobleme gelöst. Verstehen Sie mich richtig, ich fände es wunderbar, wenn auf der Welt niemand mehr einen Grund dazu hätte, sein Land zu verlassen. Dies würde ja bedeuten, dass überall auf der Erde erträgliche Verhältnisse herrschen. Aber wie soll das funktionieren, ich meine, wie genau?

Fluchtursachen sind Unterdrückung, Armut und Krieg. Haben Sie ein Rezept, wie man Unterdrückung, Armut und Krieg aus der Welt schafft? Glückwunsch! Dann sollten Sie Ihr Rezept aber wirklich allmählich mal publizieren. Die Welt wartet seit Jahrtausenden darauf. Oft hängen die Fluchtursachen mit der jeweiligen Regierung zusammen. Soll die EU Truppen in diese Länder schicken, um dort schwarz-grüne Koalitionen zu installieren oder das Land an eine liebe Hilfsorganisation als Lehen zu übergeben? Solche Versuche sind immer gescheitert, und Invasionen sind moralisch alles andere als koscher. Ach so, Sie wollen die Fluchtursachen mit Geld bekämpfen. Geld fließt seit Jahrzehnten. Diese Hilfen landen oft in den Taschen einer korrupten Elite. Es gibt schon jetzt genügend Länder, die fast vollständig von Hilfsgeldern abhängig sind, für die dortigen Regierungen ist das wunderbar bequem. Etliche Experten raten eher, den Geldhahn zuzudrehen, damit in diesen Ländern wieder eigene wirtschaftliche Aktivitäten erwachen.

Es gibt das Projekt, an der Küste von Nordafrika Lager zu errichten, um dort die Migranten einzusperren. Wahrer Humanismus sieht anders aus. Und was soll aus den Leuten in den Lagern eigentlich werden, so auf Dauer? Oder wir zahlen Schmiergeld an Despoten, damit sie uns die Migration vom Leib halten, Modell Erdoğan. Bei diesen Maßnahmen handelt es sich gewiss nicht um "Bekämpfung der Fluchtursachen", korrekt wäre der Begriff "Abschottung". Jetzt können Sie natürlich noch die radikale Karte ausspielen, lasst alle hinein. Okay, warum nicht. Da es mindestens eine Milliarde Menschen gibt, die gute Gründe haben, nach Europa zu kommen, würde ich Sie allerdings darum bitten, konkret zu schildern, wie das funktionieren soll. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich Details hören möchte, vergessen Sie auch die Finanzplanung nicht.

Mir fällt keine Lösung ein, die realistisch wäre und gleichzeitig moralisch über jeden Zweifel erhaben. Aber vielleicht haben Sie eine. Her damit! Verwenden Sie dabei aber bitte nicht die verbale Nebelkerze "Bekämpfung der Fluchtursachen", es sei denn, Sie wissen, wie man in überschaubarer Zeit aus Syrien etwas ähnlich Angenehmes und Friedliches wie die Lüneburger Heide macht, Duisburg würde auch schon reichen. Stellen Sie schon mal den Champagner kalt, der Friedensnobelpreis ist Ihnen sicher.

Wenn Sie aber gegen Rechts kämpfen wollen, dann beginnen Sie Ihren Kampf damit, Probleme beim Namen zu nennen. In der DDR hat man es ja tatsächlich geschafft, über heikle Themen den Mantel des öffentlichen Schweigens zu breiten, mit dem Argument, solche Themen nützten dem Klassenfeind. Das Ergebnis dieser Strategie ist bekannt. Ich finde, wir müssen lernen, offen zu reden und ohne zu viele Tabus miteinander zu streiten. So war es bei den Ostverträgen unter Willy Brandt, so war es bei der Nachrüstung, bei der Wiedervereinigung und bei der Umweltpolitik, als die Grünen aufkamen.

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