Keanu Reeves "Auf meinen Tod fühle ich mich noch nicht ausreichend vorbereitet"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 3/2018

Ich bin ohne meinen leiblichen Vater aufgewachsen. In meiner frühen Jugend habe ich ihn sehr vermisst und mir häufig gewünscht, er wäre da. Vielleicht hätte mein Leben eine andere Richtung genommen, wenn er Teil davon gewesen wäre. Schwer zu sagen. Als ich jung war, ist es mir oft schwergefallen, mit komplexen, emotional aufgeladenen Situationen umzugehen und meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Damals habe ich immer wieder Menschen, die mir nahestanden, verletzt. Das bedaure ich sehr. Manchmal wünsche ich mir, als der Mann, der ich heute bin, an der Seite meines jüngeren Ichs zu sein und ihm beistehen zu können.

Mein Stiefvater war Regisseur, als Teenager durfte ich bei Theaterproben und bei Dreharbeiten dabei sein. Das hat mich tief beeindruckt. Als ich 15 war, habe ich meine Mutter gefragt, ob ich Schauspieler werden könne. Sie sagte, ich könne werden, was immer ich möchte. Ich habe Schauspielunterricht genommen und bin mit 20 in meinen Wagen gestiegen und habe mich auf den Weg nach Los Angeles gemacht. Einen Plan B gab es nie. Mein Traum ist wahr geworden, dafür bin ich sehr dankbar.

Vor einigen Jahren habe ich mir einen anderen Traum erfüllt – ein speziell für mich gefertigtes Motorrad. Ich liebe Motorräder, ihre Ästhetik, das Motorengeräusch, den Geruch. Vor allem aber das Gefühl von Freiheit, wenn ich im Sattel sitze, umgeben von Natur. 2009 habe ich einen Motorradbauer gebeten, ein Bike zu entwerfen, das meinen Bedürfnissen entspricht. Dieses Motorrad sah nicht nur großartig aus, es fuhr sich auch besser als jedes andere, das ich kannte. Das wollte ich mit der Welt teilen. Fünf Jahre später entstand daraus eine ganze Produktlinie.

Von meinen nächtlichen Träumen haben sich mir besonders die Albträume ins Gedächtnis eingebrannt – es sind vor allem Angstträume, in denen ich mich ausgeliefert und gefangen fühle, in denen meine Zähne schmelzen oder ich während einer Vorstellung auf der Bühne stehe und meinen Text vergessen habe.

Mein größter realer Albtraum ist der Tod, er ist in meinem Leben allgegenwärtig. Innerhalb von acht Jahren ist erst ein enger Freund gestorben, dann mein ungeborenes Baby und schließlich meine damalige Partnerin. Auch wenn es mir bis heute schwerfällt, damit zurechtzukommen, und der Verlust lange meine Träume mit Trauer, Schmerz und Wut erfüllt hat, so hat er bei mir auch zu einer tiefen Wertschätzung für das Leben geführt. Auf meinen eigenen Tod fühle ich mich noch nicht ausreichend vorbereitet, daran muss ich wohl noch arbeiten.

Bis heute träume ich manchmal von den Zeiten, die ich mit den geliebten Menschen verbracht habe, die inzwischen gestorben sind. Es ist wunderbar, sie wiederzusehen, ihr Lachen zu hören, die Liebe und Freundschaft zu spüren, auch wenn es nur im Traum ist. Das Leben hält gleichermaßen traumhafte Momente und Tragödien für uns bereit, sie sind alle Teil dieses besonderen Geschenks, des Lebens. Auch wenn es vielleicht banal klingen mag – Liebe zu erleben ist unsere einzige Hoffnung, um mit alldem zurechtzukommen.

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