Die großen Fragen der Liebe Warum tun ihr alle Knochen weh?

Jede Woche beantwortet unser Paartherapeut eine große Frage der Liebe. Diesmal: Soll er aktiver werden? Von
ZEITmagazin Nr. 3/2018

Die Frage: Corinna und Jan sind verheiratet und haben zwei Kinder, die achtjährige Rosie und die vierjährige Emma. Das Paar streitet sich selten, aber Corinna tun immer wieder alle Knochen im Leib weh. Die Ärzte sagen, sie leide an Muskelrheuma. Corinna denkt manchmal, ihre Schmerzen hingen damit zusammen, dass Jan seit Emmas Geburt das sexuelle Interesse an ihr verloren hat und sie nicht recht weiß, ob sie sich beklagen soll, weil es auch ihr inzwischen schwerfällt, die erotische Initiative zu ergreifen. Vor dem fünften Geburtstag Emmas sitzt Corinna mit den Mädchen am Tisch und bereitet Spiele für die Feier vor. Jan sieht fern, wie fast jeden Abend. "Es macht mich wahnsinnig, zuzusehen, wie Jan sich vor allem drückt und nichts mit der Familie macht", denkt Corinna.

Wolfgang Schmidbauer antwortet:  Erotisch aktive Bindungen haben den Vorzug, dass man den Partner mit Erinnerungen an Nähe und Wärme verknüpft. Das macht es leichter, ihm nachzusehen, wenn er sich danebenbenimmt. Und das tut Jan gerade in seiner Passivität. Er scheint zu den Männern zu gehören, die ihre Partnerin, sobald sie Mutter geworden ist, kaum mehr von der eigenen Mama unterscheiden können. Damit geht oft die Erotik verloren. In der beschriebenen Szene sucht Corinna einen Ersatz für diesen Verlust in der Nähe zu den Kindern. Die Mutter organisiert das Familienleben. Wenn der Vater aktiv werden soll, muss sie ihm das sagen, und wenn es ihm nicht zu viel ist, wird er es brav machen. Das ist Corinna zu wenig, aber sie zögert, sich das einzugestehen. Ihre Muskelschmerzen können ein Indiz sein für unterdrückte Spannungen und sind ein Alarmsignal.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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