Angelique Kerber: "Mein Traum ist es, mich 2018 zurückzukämpfen"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 4/2018

Schon in meinen frühesten Erinnerungen hat Tennis mein Leben und meine Träume bestimmt. Wenn ich als Kind im Fernsehen die Grand-Slam-Turniere verfolgte, träumte ich davon, selbst auf der ganz großen Bühne zu stehen und einen Pokal in den Händen zu halten. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, bei einem großen Turnier den Matchball zu verwandeln. Davon habe ich geträumt, Tag und Nacht, jahrzehntelang.

2016 habe ich mir diesen Traum erfüllen können: mit Siegen bei den Australian Open und den US Open. Im selben Jahr erreichte ich das Finale in Wimbledon, gewann eine Medaille bei den Olympischen Spielen und wurde Nummer eins der Weltrangliste. Und das alles war vielleicht sogar noch ein wenig schöner als in meinen Träumen! Allerdings habe ich eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass das, was ich mir so viele Male vorgestellt hatte, nun tatsächlich geschehen war.

Auf dem Weg dorthin habe ich auch schwierige Phasen durchlebt und die Schattenseite des Tennislebens kennengelernt. Ich zweifelte daran, dass mein Traum je Realität werden könnte. Ich war sogar kurz davor, das Tennis ganz aufzugeben. Aber mein Traum war eben doch noch lebendig und hat mich motiviert, weiterzumachen.

Vieles, was mit meinen Erfolgen einherging, habe ich mir gar nicht erträumt – aber jeder Traum hat wohl zwei Seiten, und am Ende überwiegt für mich das gute Gefühl, das große Ziel erreicht zu haben, für das ich mich jahrzehntelang jeden Tag auf dem Trainingsplatz gequält habe. Das kann mir niemand mehr nehmen.

Auf das Jahr 2016 folgte ein von Niederlagen geprägtes Jahr, in dem verlorene Spiele und meine Fehler auf dem Platz mir schlaflose Nächte beschert haben. 2016 war so viel auf mich eingestürzt. Ich musste mich auf viele neue Situationen einstellen, mit erhöhtem Stress und Druck zurechtkommen. Mir fehlte die Zeit, das alles zu verarbeiten. Anfang 2017 habe ich mich eine Zeit lang leer gefühlt, orientierungslos. Meine Träume, die mich bis dahin angetrieben hatten, waren erfüllt. Ich musste eine neue Motivation finden, mich selbst neu finden. Letztlich haben mir die Niederlagen dabei geholfen: Die wichtigste Lektion war, den eigenen Wert als Person nicht über sportliche Erfolge zu definieren und die Weltrangliste nicht zum Maßstab aller Dinge werden zu lassen. Zu verstehen, dass ich der gleiche Mensch bin, ob ich nun gewinne oder verliere. Und dass es auch noch anderes im Leben gibt als Tennis.

Klingt banal, aber das ist es für einen Profisportler nicht. Am 18. Januar werde ich 30. Die Frage, was nach der aktiven Karriere kommt, drängt in mein Bewusstsein. Im Moment ist das alles noch sehr vage – ein Haus, eine Familie, ein geregeltes Leben eben. Und ich möchte einen Weg finden, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Anderen helfen, ebenfalls mit schwierigen Situationen und Herausforderungen klarzukommen.

Aber dieses Leben nach dem Tennis erscheint mir noch ziemlich weit weg. Mein aktueller Traum ist es, mich 2018 zurückzukämpfen und alles aus mir herauszuholen, was ich kann.

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