Harald Martenstein Über den Geist von 1968

Dank der Revolte von 1968 können wir heute frei über das Masturbieren schreiben. Eine bessere Metapher für das Scheitern dieser großen Utopie gibt es nicht. Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 4/2018

Ich sollte an anderer Stelle mal wieder was zu "1968" schreiben, wir haben ein Jubiläumsjahr. Allerdings habe ich meine Meinung zu diesem historischen Ereignis – vieles war gut, aber auch gute Sachen können durch Übertreibung in den Irrsinn kippen – schon bei früheren Jubiläen zu Protokoll gegeben. Also habe ich "1968" gegoogelt und bin auf der Seite jetzt.de der Süddeutschen Zeitung gelandet. Dort schreibt eine junge Autorin, Katja Lewina, dass sie sich vorgenommen hatte, im Monat Dezember genau 496-mal zu masturbieren. Die Zahl kommt zustande, weil sie es am 1. Dezember einmal tun wollte, am 2. dann zweimal, am 3. dreimal und so weiter bis zum 31. Dezember, an dem sie 31-mal masturbieren wollte. Den Besuch einer Silvesterparty schien sie nicht zu planen. Sie sieht diese Aktion im Kontext des Feminismus und der sexuellen Befreiung: "Wenn Frauen das viel größere orgasmische Potenzial haben als Männer – warum es nicht herzeigen? Nur wenn wir das anerzogene schamhafte Schweigen hinter uns lassen, können wir unsere Sexualität enttabuisieren." Ich habe die Zahl nicht nachgerechnet. Fest steht, dass ohne "1968" solche Berichte nicht den Weg in die seriöse Tagespresse gefunden hätten, insofern lag Google richtig.

Ich weiß in Wahrheit auch gar nicht, ob Katja Lewina wirklich jung ist, aber ihr Satz "Wir Bitches tragen unsere Häupter aufrecht" scheint mir nicht zu dem eher skeptischen Selbstbild zu passen, das sich jenseits der vierzig häufig einstellt. Das Projekt beginnt vielversprechend, an Tag 4 meldet Katja: "Mein Hirn arbeitet wie ein Duracellhäschen." Im Bekanntenkreis registriert sie interessante Geschlechter-Stereotype. Freundinnen äußern sich distanziert, während die wettbewerbsorientierten Männer dazu tendieren, sie anzufeuern: "Das schaffst du schon!" Am elften Tag kommt ihr zum ersten Mal das Soll unerreichbar vor, unter anderem, weil sie am Abend mit einem Freund, nicht dem Freund, zum Kochen verabredet ist. "Wann soll ich mich jetzt befriedigen? Verzweifelt erzähle ich ihm von meinem Dilemma. 'Mach es dir doch einfach hier. Mit mir', sagt er." Das Angebot dieses echten Gentlemans lehnt sie ab, das Pensum gelingt trotzdem, leider verrät Katja keine Details. Was wurde denn gekocht? Ihre Partnerschaft mit dem Freund aber gerät ein wenig in die Krise, der Partner flüchtet vor der Flut der Ereignisse wiederholt "ins Büro". An Tag 14 klingt das Tagebuch dann fast so verzweifelt wie jenes des tragisch gescheiterten Polarforschers Scott. Frauenpower ist aber noch da. "Ich will diese Challenge schaffen. Und mir ist scheißegal, wie das auch nur ein einziger Mann findet." Tag 16, das Ende. "Wenn es sich nicht mehr gut anfühlt, hört man auf. Ja, ich bin auf halber Strecke abgeschmiert. Aber mit dem fabelhaften Gefühl: Meine Pussy gehört mir." Wer wollte dies ernsthaft bestreiten?

Ich gestehe, dass ich den Text von Katja Lewina für eine der gelungensten Reportagen halte, die über "1968" geschrieben worden sind. Es ist eine Metapher. Katjas Selbstversuch handelt von der Utopie des grenzenlosen Individualismus, von gebrochenen Tabus, dem neuen Journalismus, von Egomanie und vom Scheitern der Utopie an der menschlichen Natur. Er wirft die Frage auf, ob dieses Ziel, 496 Masturbationen, wenn es denn erreicht worden wäre, die Menschheit dem Glück wirklich einen Schritt näher gebracht hätte. Und wer hätte den Geist von 1968 je besser auf den Begriff gebracht als Katja mit ihrem Satz "Wenn es sich nicht mehr gut anfühlt, hört man auf"? Man muss es dann aber auch wirklich machen.

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