Jonas Lindstroem Kommst du noch mit?

Der Fotograf Jonas Lindstroem, 29, porträtiert seine Generation für uns in einem Modefilm. Wir haben ihn bei den Dreharbeiten begleitet. Von
ZEITmagazin Nr. 4/2018

Es ist dunkel auf dem Hof der Autowerkstatt in Teltow bei Berlin, Abgasgeruch hängt in der Luft. Immer wieder rollt der weiße Porsche GT3 vor die Garage, lässt seinen Motor aufheulen, rast los, bremst. Der Wagen, der einem Amateur-Rennfahrer und Porsche-Sammler gehört, ist Protagonist in einem Kurzfilm von Jonas Lindstroem für das ZEITmagazin. In 15 Szenen wird dort Mode gezeigt – und ein Porträt der Generation der unter 30-Jährigen gezeichnet.

Jonas Lindstroem gehört selbst zu dieser Generation. Und obgleich er erst 29 Jahre alt ist, hat er schon Kampagnen für große Marken wie Kenzo und Hermès fotografiert. Für sein Musikvideo Element, produziert für den Rapper Kendrick Lamar, wurde er sogar vom New Yorker gefeiert. Lindstroem überträgt Modefotografie in bewegte Bilder. Dabei folgt er weder den Gesetzen eines Drehbuches noch denen der Fotografie. Er komponiert emotionale Collagen, die im harten Wechsel Intimität und Brutalität zeigen. In seinem Film Truth or Dare, einem viralen Hit, folgt beispielsweise auf eine erotische Szene das Bild eines Mannes, der vor einem Flammenmeer steht und ein Selfie macht. Oder man blickt in das Gesicht einer jungen Schönheit, die sich plötzlich eine Pistole an die Schläfe hält und abdrückt. Blut schießt aus ihrem Kopf.

Beim Dreh in Teltow ist Lindstroem ein bisschen unzufrieden. Es wäre ihm lieber, der Porsche hätte beim Start die Reifen durchdrehen lassen und ordentlich Gummiqualm in die Luft geblasen. Aber dafür ist der Boden heute zu feucht. Und noch lieber hätte Lindstroem einen anderen, etwas exklusiveren Porsche im Bild gehabt, doch der ist leider weit hinten in der Garage zugeparkt. Lindstroem wägt ab, wie groß der Aufwand wäre, ihn auf den Hof zu rollen. Der Wagen unterscheidet sich nur in Details von dem bereits ausgewählten, ist aber noch begehrter bei Sammlern. Und darauf kommt es an. Denn in dem Bild, um das es jetzt geht, spielt es sehr wohl eine Rolle, welcher Porsche zu sehen ist. Es sollte nicht irgendein Modell sein, sondern möglichst der 911 GT3 Cup. "Das ist ein Auto, das wie ein seltener Sneaker funktioniert. Es werden nur wenige gebaut", erklärt Lindstroem. Es gebe lange Wartezeiten – und viele der Wagen würden bald nach ihrer Auslieferung für ein Mehrfaches des Neupreises weiterverkauft. Der Fotograf hält das für ein Paradox des Kapitalismus: Statt Überfluss wird Knappheit produziert. Porsche baut ein Auto, dessen wichtigste Eigenschaft es ist, in geringer Stückzahl zu existieren. Das hat der Sportwagen mit manchem Sportschuhmodell gemeinsam, das nur in kleinen Mengen an ausgesuchte Läden geliefert wird, um bald vergriffen zu sein. Diese Art von Mode besteht nicht aus Produkten, sondern aus der Sehnsucht danach. Es ist wohl kein Zufall, dass eine Generation, die im Grunde ohne Grenzen aufwächst, eine solche Vorliebe für Limited Editions hat. Die eingeschränkte Verfügbarkeit verleiht ihr einen Rahmen. Etwas Endliches, das Halt gibt.

Jonas Lindstroem ästhetisiert die Zeit, in der er lebt, und er hinterfragt sie. Die Szenen, die er kreiert, zeigen die Jugend in ihrer Zerrissenheit und ihrem Narzissmus, ihrer Einsamkeit und ihren Widersprüchen. Oft sind seine Inszenierungen dramatisch. Dabei sieht er die permanente Dramatisierung unserer Zeit durchaus kritisch: Ob Donald Trump oder Mode – alles werde theatralisiert.

Der Film, den er für das ZEITmagazin dreht, hat den Titel: Es war gut aber das ist besser. Drei Tage lang wird in und um Berlin gedreht. Mal in einem Thermalbad, mal auf dem Drachenberg, von dem aus man Berlin überschauen kann. Oder am Stößensee zwischen Spandau und dem Grunewald. Bei Minustemperaturen und Schneefall. Den Filmszenen wird man später nicht ansehen, dass das Drehteam in Daunenjacken bibbert, während ein Protagonist sogar ins Seewasser steigt. Hinter der Kamera dirigiert Lindstroem so ruhig und bestimmt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Sein Film, dessen einzelne Bilder er lange vorher im Kopf hat, ist das Porträt einer Generation, die sich ständig selbst feiert, nur weiß sie nicht, wofür. Die in einer Welt lebt, in der ein Hype sofort durch den nächsten übertroffen wird. Einer Welt, in der immer etwas wartet, das scheinbar noch begehrenswerter ist – und in der es sich offenbar gar nicht lohnt, sich mit dem, was man eben noch haben wollte, zu beschäftigen. Weil man jederzeit etwas Besseres verpassen könnte: einen besseren Club, ein besseres iPhone, einen besseren Partner. "Akku drei Prozent, Aufmerksamkeitsspanne null Sekunden", beschreibt Lindstroem diese Generation. Im Film sind Jugendliche zu sehen, die dicht an dicht auf dem Boden herumlungern, jeder für sich in ein Smartphone versunken, als wären die anderen gar nicht da. Eine weitere Szene zeigt in sich gekehrte Tanzende in einem Club. Dann sieht man zwei Mädchen, die eng umschlungen einem Vogelschwarm hinterherschauen. In einer anderen Szene tauft ein Mann seinen Zwillingsbruder in einem Schwimmbad, und in wieder einer anderen tritt ein muskulöser Mann mit einem kleinen Jungen auf dem Arm aus einem See ans Ufer. Jemand schreitet mit brennenden Nike-Sneakern durch ein Schneetreiben. Schnell folgt auf langsam, hart auf weich. Lindstroem sagt, dies entspreche der Gleichzeitigkeit der Welt, in der wir uns bewegen: "Alles funktioniert heute wie ein Hip-Hop-Song, alles ist Sampling."

In seinen Filmen mischt er selbst komponierte Bilder mit Clips, zu denen ihn Nachrichtensendungen oder YouTube-Videos inspiriert haben. Für Lindstroem entspricht diese Produktionsweise der Sprunghaftigkeit unserer Zeit. "Heute sitze ich am Rechner und kommentiere ein Bild auf Facebook, wechsle kurz zu einer Shopping-Seite, um mir den Pulli zu kaufen, den ich gerade auf Instagram gesehen habe, schaue mir dann Katastrophenmeldungen auf einem Nachrichtenportal an und höre meine Lieblingstracks auf Apple Music." Die Menschen sind virtuell ständig überall, immerzu mit allen connected und dabei so einsam, dass sie die Nächte in Clubs durchtanzen, um warme Körper um sich herum zu haben. Sie betrachten die Welt durch die Screens ihrer Smartphones, weil ihnen die Dinge beherrschbarer erscheinen, wenn sie auf ein Display gebannt sind.

Jonas Lindstroem kommt aus dem kleinen Ort Niederkirchen in der Pfalz. "Ich habe meine Jugend auf dem Skateboard verbracht", sagt er. Die Skater-Szene mit ihren knochenbrecherischen Stunts und dramatischen Bildern war sein erster visueller Einfluss. Es war die Zeit der letzten Ausläufer von MTV und der Anfänge des Internets, Lindstroem guckte zu Hause Jackass mit Johnny Knoxville, wo sich jugendliche Freaks bei Stunts epische Schmerzen zufügten. Und man ging zum Skateshop ein paar Orte weiter, um VHS-Videos über die Skater-Szene in Kalifornien zu gucken. Damals begann er, seine Kumpel zu fotografieren und zu filmen. Lindstroem sagt, die Skater mit ihrer Dokumentations-Manie seien die Vorboten der Smartphone-Ära gewesen: "Heute erscheint uns nur noch als real, was wir fotografieren und teilen können."

Seine Jugend in Niederkirchen war behütet. "Ich war in allem ein Spätstarter", sagt er, "kaum Alkohol, keine Drogen." Dafür wusste er früh, was er wollte. Gleich nach dem Abitur arbeitete er als Assistent bei dem Modefotografen Joachim Baldauf in Hamburg, hospitierte beim avantgardistischen Kilimanjaro Magazine in London und studierte an der Universität der Künste in Berlin, wo er später auch sein Studio in der Kurfürstenstraße eröffnete: weiß getünchter Putz und Glaswände, auf den Tischen nichts als Apple-Rechner und Festplatten, nicht einmal ein Stift. Einzige Zeugnisse kreativer Aktivität sind ausgedruckte Fotos, die an die Glaswand getapet sind. Stimmungsbilder, die erahnen lassen, wie der Film für das ZEITmagazin aussehen wird. Seine Inszenierungen mögen wild sein, doch Lindstroem selbst ist ein kühler Beobachter mit großen Plänen. Irgendwann will er einen Kinofilm drehen. Wahrscheinlich dauert das in dieser Zeit, in der das Größere, Bessere stets hinter der nächsten Ecke lauert, nicht mehr lange.

Beim Teltower Automechaniker muss sich Lindstroem schließlich damit zufriedengeben, nur den zweitkrassesten Porsche zeigen zu können. Denn das Team muss weiter. Regenzelte und Filmkamera werden eingepackt, dann geht es zum Vorplatz des Olympiastadions. Dort will Lindstroem drehen, wie ein weißer Dressurhengst samt Reiter auf die Kamera zugaloppiert. Im Hintergrund die Lichter der Stadt. Vielleicht verbindet das die heutige junge Generation mit all denen vor ihr. Irgendwann, so hofft man, erscheint der Held zu Pferde.

Der Künstler Jonas Lindstroem hat für das ZEITmagazin einen Modefilm über seine Generation gedreht.

Regisseur: Jonas Lindstroem
Kamera: Nicolai Niermann
Styling: Klaus Stockhausen
Produktion: Iconoclast
Ausführender Produzent Nils Schwemer
Produzent Jannis Birsner
Casting-Direktoren Affa Osman, Dominique Booker
Choreograf Michael-John Harper
Co-Autorin Eva Kelley
Make-up Patrick Glatthaar
Musik Silvio Audio-Mastering Rasmus Lauvring Stimme Eva Kelley
Schnitt Jonas Lindstroem, Nicolai Niermann
Postproduktion Studio Private
Postproduktions-Geschäftsführer David Smith
Postproduzent James Lowrey
Koloriererin SAMANTHA DAY
Animation Spellwork Pictures
BTS Photographer Mark Othmer
Regie-Assistent Maximilian Semlinger
Produktionsleiter Justus Toussaint
Produktionskoordinator Moritz Tibes
Produktionsassistent Leyli Khatebzadeh
Gimbal Operator Julian Hanschke
2. Kamera-Assistent Sirinton Kaomanit
Licht-Assistenten Raul Suciu, Mark Othmer
Make-up-Assistent Patricia Heck
Styling-Assistenten Annemarie Lahr-Eigen, Alexander Gabriel, Vincent Mank
Set-Runner Bastian Faralisch, Assad Rajab Models Alexander Selzer, Amra Novak, Anton Wendel, Azama Bashir, Azza Bashir, Benny Opoku-Arthur, Christopher Cakmak, Christopher Rosenthal, Cissel Dubbick, Eliot Dupuis, Elvis Vos, Evans Yeboah, Ingo Rimpler, Joaquín Quintana, Jomkwan Emeli Phoonthong, Jörg Janzer, Julia Stöckemann, Julian Breuer, Justin Akitoye, Katrice Dustin, Leon Konrad Glitsch, Malik Bitko, Max Polaski, Michael-John Harper, Mirko Stübing, Nicolas Kowalski, Nisa-Maranda Jones, Paul Joyce Theresin, Philipp Rosenthal, Rayene Rezouani, Rhina Raths, Sophie Stöckemann, Stiven Nowak, Winnie Denis, Yeboah Evans
Besonderen Dank an UFO Filmgerät, ATR Motorsport, Reitclub am Olympiapark e. V., SoHo House – The Store, Stuntcrew Babelsberg, Sermed Darah

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