Vinton Cerf "Es ist wirklich beängstigend"

Wäre Vinton Cerf nicht im Studium fast an einer Prüfung gescheitert, gäbe es heute vielleicht kein Internet. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 4/2018

ZEITmagazin: Herr Cerf, man nennt Sie einen der Väter des Internets. Ist der Begriff für Sie in Ordnung?

Vinton Cerf: In den siebziger Jahren sollten mein Kollege Bob Kahn und ich für das Verteidigungsministerium einen Weg finden, verschiedene Netzwerke so zu verbinden, dass sie miteinander kommunizieren. Daraus entstand letztlich das Internet. So etwas Gewaltiges kann aber natürlich nur durch die Mithilfe ganz vieler Menschen entstehen. Ray Tomlinson kam zum Beispiel auf die Idee, unsere interne Kommunikation über Computer laufen zu lassen. Er versandte die allererste E-Mail. Da ich seit dem 13. Lebensjahr ein Hörgerät trage, war schriftliche Kommunikation für mich eine enorme Erleichterung. Seitdem kommuniziere ich am liebsten per E-Mail. Übrigens auch mit meiner Frau.

ZEITmagazin: Die Sie in einem Laden für Hörgeräte kennenlernten. Sie sind seit Ihrer Kindheit schwerhörig.

Cerf: Der Ladeninhaber verkuppelte uns. Er bestellte uns beide gleichzeitig ein, machte uns miteinander bekannt und ging dann. Ich saß da also alleine mit diesem unglaublich schönen Mädchen und fragte sie, ob sie mit mir essen gehen wolle. Und ein Jahr später, 1966, heirateten wir.

ZEITmagazin: Ihre Frau ist so gut wie taub. Wie unterhielten Sie sich?

Cerf: Sigrid kann sehr effizient von den Lippen ablesen. 1996 bekam sie dann ein Cochlea-Implantat. Dank dieser technischen Errungenschaft konnte sie wieder hören. Dadurch hat sich ihr Leben und auch meines sehr verändert. Wenn wir mit dem Hund rausgingen, und ein Vogel sang in einem Baum, sagte sie: Das hab ich gehört! Und das wiederholte sie voller Entzücken bei jedem neuen Geräusch: Das hab ich gehört! Sollte ich jemals ihre Biografie schreiben, habe ich schon den passenden Titel.

ZEITmagazin: Haben Sie überhaupt Zeit für ein Privatleben?

Cerf: Ich hatte mich viele Jahre lang voll und ganz der Arbeit am Internet verschrieben. In dieser Zeit hat meine Familie nicht viel von mir gesehen. Dennoch feiern meine Frau und ich in diesen Tagen unseren 51. Hochzeitstag. Es kann also nicht alles falsch gewesen sein. Was uns sehr zusammenschweißte, war der ständige Kontakt per E-Mail. Und das war auch wichtig, da ich fast achtzig Prozent meiner Zeit unterwegs bin.

ZEITmagazin: Ihr Leben ist eine Erfolgsgeschichte. Sie waren Professor, arbeiteten für das Verteidigungsministerium, jetzt für Google. Haben Sie jemals Rückschläge erlebt?

Cerf: Eigentlich war ja Mathematik mein Ding. Bereits an der Highschool war ich der Überflieger im Mathematik-Club und gewann spielend alle Wettbewerbe. Und natürlich begann ich Mathematik zu studieren. Im letzten Jahr belegte ich den Kurs "Riemannsche Geometrie" und hatte das erste Mal richtig Probleme. Mit Hängen und Würgen bestand ich den Kurs. Das erschütterte meine Überzeugung, ein herausragender Mathematiker werden zu können. Aber letztlich hat es mich vor einem falschen Weg gerettet und zur Entwicklung des Internets geführt. Einen großen Rückschlag finanzieller Art erlebte ich bei der Firma MCI. Die Geschäftsführer hinterzogen im großen Stil Steuern. 2002 ging MCI bankrott, die größte Pleite in der amerikanischen Geschichte vor Lehman Brothers. Als Angestellter besaß ich Firmenanteile, ich habe sehr viel Geld verloren. Auch wenn ich nicht glaube, dass Google in absehbarer Zeit pleitegehen wird, werde ich nie wieder alles auf eine Karte setzen. Das war wirklich schmerzhaft.

ZEITmagazin: Sie sind bekannt dafür, dass Sie meist einen dreiteiligen Anzug tragen, für den Angestellten einer Internet-Firma eher ungewöhnlich. Warum tun Sie das?

Cerf: Ich wollte schon in der Highschool anders aussehen als die anderen, und das funktionierte am einfachsten über die Kleidung. Ich trug immer Sakko und Krawatte. Als ich nach Washington ging, meinte meine Frau: Du solltest Dreiteiler tragen. Seitdem tue ich das. Es drückt Respekt für das Gegenüber aus und ist mittlerweile mein Markenzeichen geworden. Die Leute erwarten, dass ich einen Dreiteiler trage.

ZEITmagazin: Sie warnen vor dem "digital Dark Age", also dem digitalen Mittelalter. Was meinen Sie damit?

Cerf: Dass unsere Daten irgendwann verloren gehen werden. Das ist wirklich beängstigend. Ständig ändern sich die Speichermedien, und Programme werden weiterentwickelt, sodass die alten Formate irgendwann nicht mehr gelesen werden können. Wichtige Fotos sollte man daher ausdrucken. Auf komplexere Formate wie Filme, Präsentationen oder Datenbanken werden wir aber keinen Zugriff mehr haben. Da kommt einiges auf uns zu.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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