Beatrice Fihn: "Wir können mit der nuklearen Abrüstung nicht warten, bis der Weltfrieden kommt"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 5/2018

Träume sind sehr, sehr wichtig für mich. Wer etwas verändern möchte, braucht einen Traum, eine Vision. Und die Überzeugung, dass es möglich ist, diese Vision zu verwirklichen. Wem die Vorstellungskraft fehlt, der wird nicht viel erreichen. Vom Friedensnobelpreis habe ich allerdings erst am Tag vor der offiziellen Verkündung zu träumen gewagt. Bis dahin erschien uns die Vorstellung, wir könnten jemals diesen Preis bekommen, eher absurd. Wir haben darüber Witze gemacht.

Ich bin in einer schwedischen Vorstadt aufgewachsen, inmitten einer globalisierten Welt. Die Eltern meiner Klassenkameraden waren vor der Revolution im Iran geflohen, vor dem Pinochet-Regime in Chile, vor Kriegen auf dem Balkan oder in Somalia. Auch deswegen habe ich mich immer schon als Teil der ganzen Welt gefühlt. Mir war früh klar, dass das, was in weit entfernten Ländern geschieht, einen Einfluss auf unser Leben hat.

Mein Traum war es, Teil von etwas zu sein, das über meine privaten Bedürfnisse hinausgeht; Teil der Lösung zu sein, nicht des Problems. Warum nicht versuchen, die Welt etwas besser zu machen? Es geht ja nicht darum, alle Probleme zu lösen. Klar, wir sind Träumer. Aber der Traum von einer friedlicheren Welt ist für uns keine naive Spinnerei, sondern eng verknüpft mit konkreter Arbeit. Wir können mit der nuklearen Abrüstung nicht warten, bis der Weltfrieden kommt. Das wäre naiv!

Nicht Kim Jong Un oder Donald Trump bereiten mir Albträume, es sind die Atomwaffen an sich. Dass Kim und Trump die Kontrolle über solche Waffen haben, ist erschreckend, sicher. Aber es sollte auch sonst keinem Menschen möglich sein, mit einem Knopfdruck große Teile unserer Welt zu zerstören und Millionen Menschen zu töten. Weltweit gibt es 15.000 Atomwaffen, viele von ihnen sind auf große Städte ausgerichtet und innerhalb von Minuten einsatzbereit. Das Risiko, dass sie absichtlich oder zufällig eingesetzt werden, ist definitiv größer als null. Das bedeutet, es wird früher oder später geschehen. Die Konsequenzen, die daraus resultieren würden, kann niemand tragen wollen. Also müssen wir diese Waffen loswerden, so schnell wie möglich!

In einem Albtraum, der mich seit vielen Jahren verfolgt, bin ich auf der Flucht. Ich weiß, es ist dringend notwendig, dass ich schnell an mein Ziel gelange. Aber es gelingt mir einfach nicht, ständig werde ich aufgehalten, in die Irre geführt, abgelenkt. In diesem Traum schlagen sich sicher auch die Frustrationen meiner Arbeit nieder. Manchmal fühlt es sich an wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel.

Wenn sogar Deutschland, ein Land, das sich offiziell zur atomaren Abrüstung bekennt, gegen unseren UN-Verbotsvertrag stimmt, frage ich mich, wie es uns gelingen soll, Nordkorea zu überzeugen. Deutschland ist leider Teil des Problems. Es ist Teil eines Systems, in dem diese Waffen, deren Ziel es ist, ganze Städte unbewohnbar zu machen und so viele Menschen wie möglich in kürzester Zeit zu töten, als akzeptabel gelten. Ich träume davon, dass sich dieses System ändert.

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