Harald Martenstein: Über Kinderlärm

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 5/2018

Als ich den Spiegel-Titel zum Thema "Frauen, Männer und alles andere" sah, fielen mir die Kinder ein. Die Existenz von Männern und Frauen ist ja thematisch eng mit der Existenz von Kindern verknüpft. Die einzige mit zeitgemäßer Vehemenz geführte Debatte zum Thema Kinder, an die ich mich erinnere, drehte sich um Missbrauch. Das ist, als ob man über Männer und Frauen nur im Kontext "Vergewaltigung" diskutieren würde. Kein Aufschrei wegen Belästigung, dummer Sprüche oder schlechterer Bezahlung, nix. Alles supi!

Ein Freund erzählte, dass seine dreijährige Tochter manchmal nachts aufwacht und weint. Tagsüber komme es vor, dass sie Spielzeug in einer plötzlichen Anwandlung von sich schleudert, statt es ruhig abzulegen. Dann scheppert es. Ein dreijähriges Kind kann nicht ständig ruhig sein, es ist unmöglich. Sie kriege auch Wutanfälle, zu diesem Alter gehören Wutanfälle, so wie die Arthrose meist zum Leben eines Neunzigjährigen gehört. Man nennt dies the circle of life. Elton John hat darüber ein Lied gesungen.

Als dieser Freund und seine Frau in die neue Wohnung zogen, hätten die Nachbarn zur Begrüßung gesagt: "Uns wäre ein kinderloses Paar lieber gewesen." Der alte Herr, der unter ihnen wohne, komme regelmäßig hoch und beschwere sich. Er sei dann sehr ungehalten. Sie entschuldigten sich, die Verwendung von Sandwesten zur Kinderzähmung lehnten sie allerdings ab. Sie würden ja selber unter den Wutanfällen leiden, sie täten dagegen, was möglich sei. Das Problem tauche auch nur in einem überschaubaren Zeitfenster auf, das Kind besucht eine Kita und schläft durch, bis auf das Weinen, hin und wieder. Einem Kind Geräusche zu verbieten sei etwa so unmöglich, wie einem Afrikaner seine Hautfarbe zu verbieten. Beschwerden, dumme Sprüche und Schuldzuweisungen seien für Kinderhalter leider ein Teil des Lebens. Immerhin gebe es, Eltern betreffend, keine Todesdrohungen, Pogrome oder Fatwas.

Es eskaliert. Der alte Herr habe jetzt die Gewohnheit, bei dem geringsten Geräusch mit einem Besenstiel so fest gegen die Decke zu klopfen, dass die Legosteine klappern. Vom Vermieter sei ein Brief gekommen, in dem die Eltern dazu aufgefordert werden, den Kinderlärm abzustellen. Aber sie könnten an dem Kind den Abstellknopf einfach nicht finden. Juristisch seien sie in einer relativ starken Position, das wüssten sie, aber gegen eine vergiftete Atmosphäre helfe das auch nichts. Der Vater habe sich schon einen Gegenangriff überlegt. Der alte Herr schnarche so exzessiv, wie Arnold Schwarzenegger exzessiv Bodybuilding betrieben hat. Nachts im Bett denke er manchmal, dass gerade eine Horde Grizzlybären in der Küche den Kühlschrank plündert. Wie das Kind dies aushalte, sei ihm ein Rätsel. Wenn der Alte klagt, sagte der Vater, klagen wir sofort zurück. Auge um Auge, Lärm um Lärm. Das sind so die kleinen bis mittelgroßen Probleme eines durchschnittlichen Lebens.

Eltern werden diskriminiert, ja, durchaus. Man kriegt Wohnungen nicht, weil der Vermieter keinen Lärm haben möchte. Natürlich sagt er einem das nicht ins Gesicht, falls er schlau ist. Man darf nicht in bestimmte Hotels und Lokale hinein, man lernt, mit bösen Blicken zu leben. Das ist kein großes Ding, verstehen Sie mich nicht falsch. Es gibt genügend andere Leute, von der verständnisvollen Sorte. Einen Hashtag oder einen "Aufschrei" von Eltern hat es, soweit ich weiß, noch nicht gegeben. Macht euch um uns, die Frauen, die Männer und das andere, was dabei manchmal herauskommt, keine Sorgen. Tut ihr ja sowieso nicht.

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Kommentare

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Sind wir doch mal ehrlich: Das überhaupt brenzligste Reizthema in Nachbarschaftsbeziehungen ist der hochfrequente Kinderlärm und nicht die Maschenweite des Gartenzauns. Leider geht das Buch auf dieses Thema auch nicht ein.
Als bekennender Elternhasser (nicht Kinderhasser) muss ich schon sagen, dass der Kinderlärm eine besonders schlimme Form von Lärm ist, und viele Eltern im Ernst glauben, es müsse nicht nur für sie, sondern auch für die Nachbarn wie Musik in den Ohren klingen.
Gerade in Deutschland ist dieser dreiste Elterntypus besonders stark vertreten. Genau diese Sorte von Eltern bekam sogar noch gesetzliche Rückendeckung vom EX-Umweltminister Röttgen. Dieser Herrenhosenverkäufertyp hat ein absurdes Lärmschutzgesetz erlassen, welches diesen gefährlichen, unangenehmen Kinderlärm ausdrücklich gestattet, alle anderen Arten von Lärm aber reglementiert.
Es ist mir tatsächlich völlig egal, wer oder was den Lärm verursacht, der mich nervt. Ob Bauarbeiten, Autos oder lärmende Gofen - wenn die eine bestimmte Lautstärke überschreiten und wenn die Töne dann noch in den oberen Frequenzen angesiedelt sind, dann will ich das nicht hören müssen.
Bösen Lärm und guten Lärm gibt es eben nicht - es gibt nur Lärm oder Ruhe, Herr Röttgen! Die haben Sie ja jetzt, da Sie ja nicht mehr ministrabel sind.