Nordsyrien Das große Verhängnis

Drei Jahre lang kontrollierte der "Islamische Staat" den Norden Syriens. Auf seinem Rückzug sprengt er die gewaltigen Wassertürme der Region – und vernichtet damit die Existenzgrundlage Zigtausender Menschen.
ZEITmagazin Nr. 5/2018

Der Pfad ist bedeckt mit abgesprengtem Putz und verdorrtem Laub. Er führt in einen abgestorbenen Olivenhain, hinter dem die Reste eines weißen Turmes aufragen. Jeder Schritt, den wir tun, ist eine Überwindung. Immer wieder halten wir inne, betrachten den Grund vor uns, vermeiden, zu fest aufzutreten. Viele Wege in der Gegend sind vermint, besonders jene, die zu den Wassertürmen führen. Wir sind unterwegs zum Turm von Abu Sosah, einem kleinen Dorf im nördlichen Syrien. Uns begleiten drei junge Männer aus dem Dorf. Sie sagen, der Weg sei sicher, doch wir trauen ihnen nicht. Noch vor Kurzem herrschten die Anhänger des "Islamischen Staates" über die ganze Gegend.

Drei Jahrzehnte lang hat der 20 Meter hohe Turm das Überleben mehrerer Dörfer gesichert. Er fasste Zehntausende Liter Wasser, das aus dem Euphrat hierhergepumpt wurde, durch ein weitverzweigtes Netz von Rohren. Doch vor wenigen Monaten versuchten die Islamisten, ihn zu sprengen, was sie nicht schafften. Allerdings zerstörten sie dabei die Pumpe und die Leitungsrohre. Die Felder zwischen den Dörfern liegen jetzt öde da, die Obstbäume sind vertrocknet. Tiere verendeten. Kinder starben.

Überall im Norden Syriens fallen die Wassertürme, die vielerorts sogar noch die Minarette überragten. Drei Jahre lang befanden sich die Siedlungen der Region unter der Kontrolle des "Islamischen Staates", doch nun kollabiert das Reich der Radikalen. Kurz bevor sie sich zurückziehen, zerstören die IS-Kämpfer systematisch die Türme. Hunderte von ihnen hat der IS in den letzten Monaten niedergerissen. In Sekunden vernichtet er damit die Existenzgrundlage von jeweils Tausenden Menschen.

Sehr selten gelangt von außen Hilfe in die Region, die jetzt unter der Herrschaft der kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF) steht, der Demokratischen Kräfte Syriens. Die wenigen Hilfsorganisationen, die sich hierherwagen, versorgen nur die Flüchtlingslager mit dem Notwendigsten. Für Journalisten war die Gegend unter dem IS jahrelang gesperrt, und auch jetzt ist es nur unter größten Mühen möglich, einzureisen. Drei Wochen lang sind wir, Autor und Fotograf, unterwegs durch die Trümmer eines Landes. Immer wieder sehen wir auf unseren Fahrten die gefallenen Kolosse. Sie erinnern uns an die Bilder, die das Fotografen-Ehepaar Bernd und Hilla Becher im Deutschland der Nachkriegszeit von Wassertürmen machte. Irgendwann beschließen wir, anzuhalten und sie zu fotografieren. Wir treffen dabei Menschen, die uns von der Katastrophe dieses Krieges auf eine ganz andere Art erzählen. Sie berichten uns von ihrem Dasein in einer Zwischenwelt, einer Zeit ohne feste Regeln, einem Land ohne feste Herren, in dem es kein Wasser gibt – und nur wenig mehr Hoffnung.

Die Trümmer der Türme wirken wie Relikte einer untergegangenen Zivilisation. Mächtig noch in ihrem Fall. An Wiederaufbau ist nicht zu denken. Noch ist ein Ende der Kämpfe nicht abzusehen. Dem Krieg folgt in Syrien die Wüste.

Als wir den Turm von Abu Sosah erreichen, sehen wir an der Tür einen Metallzylinder, mit Sprengstoff gefüllt. Er ist bei der Zündung nicht hochgegangen. Die anderen Bomben rissen den Beton zwischen dem Armierungsgitter an den Endpunkten der Pfeiler weg. So wirkt es fast, als schwebe der Turm über dem Grund.

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