Sawsan Chebli: "Für mich war der deutsche Pass das Tor zur Freiheit"

Sawsan Chebli zweifelte während ihres Politikstudiums an ihrem Fach. Dann kam der 11. September. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 5/2018

ZEITmagazin: Frau Chebli, Ihre Eltern kamen als staatenlose palästinensische Flüchtlinge 1970 aus dem Libanon nach Deutschland. Ihre Familie hatte lange keine Aufenthaltsgenehmigung. Wie war das für Sie?

Sawsan Chebli: Das einschneidendste Erlebnis war für mich als Kind, meinen Vater in der Abschiebehaft zu sehen. Ich hatte große Angst, dass er Deutschland verlassen muss. Mein Vater hat mir immer den Rücken gestärkt, mir alle Freiheiten der Welt geschenkt. Er war bis zu seinem letzten Atemzug ein Kämpfer. Und er war stets dankbar, auch dankbar, hier sein zu dürfen. Als nach viel Leid und großer Unsicherheit dann endlich die Nachricht zur Einbürgerung kam, war er der glücklichste Mensch. Und für mich war der deutsche Pass das Tor zur Freiheit.

ZEITmagazin: Sie haben zwölf Geschwister. Wie lernten Sie, sich zu behaupten?

Chebli: Ich bin das zwölfte von dreizehn Kindern und muss fairerweise sagen, dass meine jüngste Schwester und ich es deutlich einfacher hatten als die anderen Geschwister. Sie haben alles getan, damit es meiner Schwester und mir besser geht als ihnen. Letztlich lehrten uns existenzielle Angst, Not und Armut das Kämpfen. Für mich war klar: Ich wollte niemals so arm und auf die Hilfe anderer angewiesen sein wie meine Eltern. Und ich wollte auch nicht, dass andere über mein Leben bestimmen. Ich wollte frei sein, das zu tun, was ich möchte. Dieser Drang nach Freiheit prägt auch heute mein Leben, und ich setze mich aus voller Überzeugung für Menschen ein, die keine Stimme haben und denen dieses Recht verwehrt ist.

ZEITmagazin: Ihre Familie ist erst in Deutschland religiös geworden. Warum?

Chebli: Das kennt man von vielen Migranten-Communitys. Sie suchen neuen Halt und finden ihn auch in der Religion. Ganz entscheidend war bei meinen Eltern die Satellitenschüssel, mit der sie auf einmal in der Diaspora Sender in ihrer Landessprache empfangen konnten. Das hat ihnen ein Gefühl von Heimat vermittelt. Sie haben dann auch begonnen, sich mit den islamischen Quellen auseinanderzusetzen. Vor allem meine Mutter wollte den Koran besser verstehen. Die reflektierte Auseinandersetzung mit der Religion hat dazu geführt, dass meine Eltern mir viel Freiheit gewährt haben, weil dies keinen Widerspruch zu ihrem Islamverständnis darstellte. Ich erlebte, dass Religion und Selbstverwirklichung Hand in Hand gehen können. Das hat mich geprägt.

ZEITmagazin: Sie sagten einmal, dass die Scharia mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Stehen Sie jetzt zwischen allen Fronten?

Chebli: Die Scharia enthält rituelle Vorschriften für das Gebet und das Verhalten gläubiger Menschen, darunter die Verpflichtung, Almosen zu spenden. Das alles fällt ganz klar unter die Religionsfreiheit. Andere Vorschriften der Scharia widersprechen ganz klar dem Grundgesetz und haben in einem demokratischen Staat nichts zu suchen. Das ist meine Haltung. Und was die Fronten angeht: Nicht "meine" Community wirft mir vor, einen konservativen Islam zu verkörpern, sondern Menschen, die in Schubladen denken und mich in eine solche Schublade stecken wollen.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben eine entscheidende Krise?

Chebli: Im Studium hatte ich eine Phase, in der ich dachte: Das Politikstudium ist nichts für mich, vielleicht hätte ich doch lieber Medizin studieren sollen. Zwei Jahre lang war ich drauf und dran, hinzuschmeißen. Doch dann besuchte ich einen Kurs bei Professor Friedemann Büttner, der Leiter der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients war. Ich fand ihn sehr inspirierend und wurde bei ihm studentische Hilfskraft. Dann kam der 11. September. Das Otto-Suhr-Institut wurde zur Schaltstelle für alle Presseanfragen zum Thema Nahost und Islam. Da war ich plötzlich ganz nah an der Politik, am Weltgeschehen – also dort, wo ich hinwollte. Deshalb würde ich im Rückblick sagen, dass dieser Professor meine Rettung war. Ich habe das Studium durchgezogen und danach sofort eine Stelle im Bundestag erhalten.

ZEITmagazin: Wie ist es für Sie, dass Sie oft in Runden eingeladen werden, weil Sie eine praktizierende Muslimin in hoher Position sind?

Chebli: Anfangs wehrte ich mich dagegen. In den ersten Jahren im Deutschen Bundestag hatte ich nichts mit Integration oder Islam zu tun. Doch irgendwann merkte ich, dass ich es mir zu leicht mache, wenn ich mich all den Themen entziehe, die unser aller Zusammenleben – das von Migranten und Nichtmigranten – dermaßen beeinflussen. Ich hatte den tiefen Wunsch, eine vermittelnde Rolle einzunehmen und Missverständnisse und Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen. Wenn ich mir den Vertrauensverlust in vielen Teilen der Gesellschaft anschaue, die Unsicherheit auch in Fragen der Identität, so sind Mittler zwischen den Welten und Brückenbauer dringender notwendig denn je.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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