Volljährigkeit: "18 ist doch nur eine Zahl"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 5/2018

Luna hat gerade ihren 18. Geburtstag gefeiert. Sie ist meine älteste Tochter. Ich war 25, als sie geboren wurde. Nun ist sie volljährig. Und ich fühle mich wie damals in der Schule, als die Lehrerin nach 90 Minuten die Mathe-Klausur einsammelte und ich rief: "Ich bin doch noch gar nicht fertig!" Trotzdem musste ich das Blatt loslassen.

Luna muss ich auch loslassen. Sie darf jetzt alles alleine. Sie darf nun Alkohol bis zur Bewusstlosigkeit trinken, Auto fahren, FDP wählen, heiraten, in ein anderes Land ziehen, Buddhistin werden. Alles kann sie jetzt für sich entscheiden, und ich könnte gar nichts dagegen tun. Es fällt mir schwer, zu glauben, dass mein ältestes Kind nun kein Kind mehr sein soll.

An ihrem Geburtstag gehen wir essen. Luna will nichts Aufwendiges. Sie möchte in ein veganes Restaurant. Luna ist Veganerin. Sie gehört nicht zu der Sorte von Veganern, die einen beim Frühstücksei fragen, ob man jetzt allen Ernstes einen unbefruchteten Hühnerfötus essen wolle. Sie ist in dieser Hinsicht tolerant. Wir essen Rote-Bete-Carpaccio und Graupen-Risotto und vegane Schoko-Mousse. Luna und ihre Schwestern albern herum, fotografieren das Essen auf ihren Tellern. Niemand ist hier gerade erwachsen.

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich selbst gerade 18 Jahre alt geworden war. Wir suchten damals Distanz zu den Eltern. Unsere Feiern waren Triumphveranstaltungen. Jeder, der volljährig wurde, gab eine Party, bei der man auf dem Boden herumhing und möglichst schnell möglichst betrunken werden wollte. Bei einer solchen Party verlor ich einen Schneidezahn, echt wahr, allerdings weiß ich nicht mehr genau, wie das geschah. Erwachsen werden hieß für uns: Niemand würde uns mehr etwas zu sagen haben. Wir wären endlich richtige Männer. Mittlerweile ist mir diese Erinnerung unangenehm. Denn wir waren ja keine Männer, wir waren die gleichen Buben wie zuvor – nur mit einer größenwahnsinnigen Vorstellung im Kopf.

Psychologen gehen davon aus, dass die körperliche Reifung zwar um die 20 abgeschlossen ist, die seelische Reife heute aber erst mit etwa 25 erreicht wird. Ich finde das gut. Kinder lassen sich jetzt mehr Zeit. Die Menschen leben länger, und es gibt weniger Zwänge, sich schnell selbstständig zu machen. Also kann man ruhig später ins Erwachsenenleben einsteigen. Die Eltern sind oft liberaler, vielleicht haben Kinder deshalb nicht mehr das Bedürfnis, sich, so schnell es geht, von ihnen zu distanzieren. Als Vater von Luna hatte ich in dieser Hinsicht lange eine schmeichelhafte Rolle. Ihre Freundinnen und Freunde hatten meist deutlich ältere Väter. Wenn ich mit Luna alleine unterwegs war, wurden wir manchmal sogar für ein Paar gehalten. Es ist mir klar, dass meine Älteste bald immer weniger mit mir unterwegs sein wird. Aber heute bin ich froh, dass meine Tochter mich nicht mit einem fehlenden Schneidezahn überraschen wird und lieber Club Mate als Alkohol trinkt.

"Komm, Papa", sagt Luna fast tröstend, "18 ist doch nur eine Zahl." – "Nur eine Zahl ...", wiederhole ich versonnen. Doch frei machen kann ich mich nicht davon. Auf dem Blatt meiner Mathe-Klausur damals standen auch nur Zahlen. Zahlen sind meine Hölle, eines Tages bringen sie mich um. Aber heute noch nicht.

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