Wigald Boning: Über Niedersachsen

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 5/2018

Wir entfernte Bekannte der Prominenz wissen, dass das Leben nicht nur aus Zahnschmerzen und Theaterpremieren besteht. So berichteten uns die Illustrierten, der Fernsehkomiker Wigald Boning habe kürzlich geheiratet, und das ist zunächst ja eine reizende Nachricht, allerdings nicht ohne gnadenlos trübsinnige Folgen: Niedersachsen hat durch diese Hochzeit wieder einen Niedersachsen weniger. Wigald Boning selbst verkündete nämlich: "Da ich eine waschechte Bayerin geheiratet habe, bin ich ab sofort: Bayer." Verwirrt besuchten etwa 78 Prozent der Niedersachsen (nur der Harz und ein radikaler Zipfel von Friesland hielten sich zurück) zum ersten Mal die Website des Freistaats, um sich von der Landesverfassung in Artikel 6 bestätigen zu lassen, dass man durch eine Ehe mit einer Bayerin zum Bayer wird. Wie schon im Fußball: Bayern schwächt also mal wieder die anderen. Boning gehört ja zu der seltenen Sorte Komiker, die sich eher nach innen amüsieren und nicht ständig herumprusten, wenn sie einen Witz gemacht haben könnten. Wir können uns also vorstellen, wie diese Nachricht in Peine, Munster an der Örtze, Verden an der Aller und Bonings Geburtsstadt Wildeshausen ohrenbetäubendes Seufzen hervorgerufen hat, das die Leere zwischen Pferdekoppeln, verregneten Höfen und Bodennebel erschütterte. Normalerweise könnten wir das alles verknusen, wie man nördlich von Hannover sagt, doch Niedersachsen hat ohnehin mit so einigem zu kämpfen: mit VW-Abgasen, den Scorpions, Carsten Maschmeyer und mit jenen Banausen, die all die malerischen Landschaften für eine Durchfahrkulisse auf dem Weg nach Bremen oder Hamburg halten. Gegen solche Verächter hilft auch nicht der Hinweis, dass zum Beispiel im Emsland aus erotischer Perspektive die Luft heiß laufen solle wie flüssiges Glas. Zumindest hat das der Bargfelder Dichter Arno Schmidt einmal bemerkt, der das als Witz meinte, weil man in Niedersachsen traditionell Wert auf gute Witze legt, was ja auch für Wigald Boning gilt. Aber, das wissen alle Fans des Föderalismus, Solidarität ist zwischen den Ländern erste Pflicht. Deshalb sollte der Niedersachse die Verbayerung von Wigald Boning immerhin als Länderhumorausgleich verstehen, damit man dort unten endlich nicht mehr nur über Dobrindt und Söder lachen muss, beide große Freunde des Prustens.

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