Alltag Notizen aus dem Alltag

Von Andreas Bernard
ZEITmagazin Nr. 6/2018

1. Die menschenleere Bäckerei am frühen Morgen: Die Brote in den Ablagen lagen so regelmäßig beieinander, dass sie nicht wie käufliche Waren wirkten, sondern wie Pokale in einer feierlichen Vitrine.

2. Hinter dem Schreibtisch des Vorgesetzten gingen plötzlich die Jalousien herunter, so wie in jedem Büro des modernen Hochhauses, wenn die Sonneneinstrahlung eine bestimmte Intensität erreichte. Doch hier, im Raum des Chefs, wirkte der Automatismus wie eine unzulängliche Übertretung.

3. Die Spendensammler mit den Blechdosen ließen den Rollstuhlfahrer unter den Passanten aus.

4. Wie die Buchhändlerin sofort den Blick abwandte, als ich meine Geheimnummer in das kleine Kreditkarten-Gerät eingab (das Demonstrative dieser Geste, das ihr die gewünschte Diskretion wieder nahm).

5. Das Wort "Wrack", seine eigentümliche Kombination der Anfangskonsonanten – als wäre es selbst das, was es bezeichnet, gestaucht und verstümmelt.

6. Den Fuß in eine sich schließende Aufzugstür stellen: eine Geste, die immer einen Rest von Bedrohung und Gewaltsamkeit behält, so behutsam sie auch ausgeführt sein mag.

7.  Das seit Monaten an der Bushaltestelle lehnende Fahrrad, angekettet an einen Laternenpfahl: Es wird nicht gestohlen, dafür ist das Schloss zu massiv, aber von Woche zu Woche scheint es zu schrumpfen. Irgendwann fehlte der Sattel, kurz darauf das Vorderrad, und seitdem wird seine Gestalt mit jedem Anblick brüchiger und dürrer. Zweifellos ist dieses schrittweise Verschwinden kein kontinuierlicher Vorgang und geht vielmehr auf eine Serie einzelner Diebstähle und Beschädigungen zurück. Dennoch wirkt sein immer erbärmlicherer Zustand wie ein natürlicher Prozess des Zerfalls. Als wäre das herrenlose Fahrrad kein Artefakt, sondern ein verwesender Kadaver.

8. Die Schwäne zogen geräuschlos über den nächtlichen See, wie ein Trupp heranschleichender Soldaten in der Dunkelheit.

9. Einverständnis gab es bei ihnen nur noch im Lästern über andere.

10. In einer alten Erzählung stand das Wort "gewittert". Es war unmöglich, nicht das fehlende "t" mitzulesen.

11. Als die S-Bahn anfuhr, traten die Kontrolleure ruckartig aus der trägen Masse der Passanten hervor und zückten ihre Dienstmarken. Sie erinnerten an eine Diebesbande im Augenblick der Tat – der Ausruf "Ihre Fahrausweise, bitte!" hatte etwas vom "Hände hoch!" der Bankräuber, die sich plötzlich zu erkennen geben.

12. Der "Grillwalker" hatte sich vom Marktplatz entfernt, um auch den Passanten in den Nebenstraßen seine Bratwürste anzubieten, und nun stapfte er mit seinem klobigen Rost vor der Brust durch die engen Gassen wie ein entlaufenes Zootier.

13. Narzissmus des Liebeskummers: Trauerte er wirklich ihr nach oder nicht vielmehr jenem freien, beflügelten Wesen, das sie für kurze Zeit in ihm hervorgebracht hatte?

14. Speisewagen Berlin–Hamburg, Montag, 7.42 Uhr, Sprachlabor der Geschäftswelt: "Deswegen bin ich jetzt schon auf der Schiene der Lösungsorientierung."

15. Geldmünzen, die auf Zeitungspapier fallen (an der Theke des Schreibwarenladens oder vor dem Verkäufer abends im Bahnhofsgeschoss): Plötzlich erschien diese Kombination wie die perfekte Ergänzung zweier Materialien, die in einem fast zärtlichen Verhältnis zueinander standen.

16. Auf dem Starbucks-Becher, den die alte Frau vor der Kirche zum Betteln verwendete, stand noch der Name der Kundin ("Whitney").

17. Der Bleistift war auf fast obszöne Weise gespitzt.

18. Abends, beim Gang durch den Frühstücksraum des Provinzhotels, roch es nach alter Bundesrepublik.

19. In der fremden Wohnung fiel mein Blick auf die Fotos auf dem Kühlschrank, die üblichen Schnappschüsse aus einem Passbild-Automaten. Ich hatte plötzlich das Gefühl, alles über diese Familie zu wissen.

20. Der Betreiber der Imbissbude schrieb seine Tagesangebote auf die Tafel und trat dann einen Schritt zurück, als würde er ein vollendetes Werk begutachten.

21. Als der Einsatz des Polizeihubschraubers am Strand beendet war, flog eine Möwe über das Meer, und selbst von der schwebenden Eleganz dieser Bewegung schien Sekunden nach der allgemeinen Aufregung noch etwas Beunruhigendes auszugehen.

22. Der junge Vater in der Therme, mit großflächigen Runen-Tattoos und kahlem Schädel, schleuderte seinen drei- oder vierjährigen Sohn immer wieder mit beträchtlicher Kraft in die Höhe und ließ ihn von dort ins Wasser fallen. Das Kind schien das Spiel zu genießen, sah seinen Vater vor jedem neuen Wurf mit erwartungsvollen Augen an – und doch war in dieser liebevollen Geste schon die ganze Brutalität enthalten, zu der der Skinhead abseits des Familienlebens jederzeit in der Lage war.

23. Nach langer Zeit wieder einmal ein parkendes Auto gesehen, älteren Baujahrs, an dem noch die Scheinwerfer brannten (aussterbende, von Technik verhinderte Missgeschicke).

24. Und plötzlich störte sie alles an ihm, sogar der Winkel, in dem er das Notebook auf dem Couchtisch beim gemeinsamen Netflix-Schauen nach hinten bog.

25. Dass die Eingangsszenen von Horror- und Katastrophenfilmen so oft in Vergnügungsparks spielen: Im jauchzenden Geschrei der Achterbahn-Insassen kündigt sich das panische Geschrei der Todgeweihten später schon an.

26. Das Schweigen der Ehepaare an den Restauranttischen im Urlaubsort: wie ein Happening der Stille. Als würde jeden Moment ein Kurator ins Bild treten, der die Aktion für beendet erklärt und den Leuten ein Zeichen gibt, dass sie wieder miteinander reden dürfen.

27. In der Dunkelheit griff ich nach meinem iPhone auf dem Nachttisch und ertastete die vertraute Mulde des Home-Buttons.

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