Harald Martenstein Über die Neugier einer Bank

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 6/2018

Als Kind habe ich eines Tages ein Sparbuch der Sparkasse bekommen. Ein Sparbuch galt als pädagogisch wertvoll. Nun erhielt unser Sohn von einer liebenswerten alten Dame ein Geldgeschenk. Es gibt zwar keine Zinsen mehr, aber der pädagogische Wert eines Sparbuches unterliegt zum Glück nicht den Regulierungen der Europäischen Zentralbank und dürfte deshalb unverändert sein. Dagegen, einem Dreijährigen stattdessen einen Aktienfonds einzurichten, sträubt sich die konservative Seite meines Wesens. Wenn ein Börsencrash kommt, möchte ich nicht in traurige Kinderaugen blicken müssen.

Bei der Sparbucheröffnung müssen heute beide Eltern dabei sein, mit Geburtsurkunde. In meiner Kindheit genügte ein Elternteil plus Vollmacht des anderen Teiles. Mein Vater und meine Mutter waren so zerstritten, dass sie ohnehin nur in Anwesenheit eines Parlamentärs gemeinsam einen Termin hätten absolvieren können. Meine Frau und ich gingen also zur Sparkasse, als sich eine Lücke in beiden Terminkalendern auftat. Die Dame am Schalter sagte: "Dazu brauchen Sie einen vereinbarten Termin, es dauert etwa eine Stunde." Es sei heutzutage Vorschrift, die Eltern ausführlich über die einem Sparbuch innewohnenden Risiken aufzuklären. Sie gab uns schon mal die Unterlagen mit.

Als Erstes müssen beide Eltern unterschreiben, dass sie das Sparbuch ihres Kindes nicht überziehen, was meines Wissens ohnehin nicht möglich ist, dass ihr Kind kein Geldwäscher ist und dass man bei Streitigkeiten die Schlichtungsstelle anrufen darf. Dann unterschreibt man, dass nur Einlagen bis zu 100.000 Euro wirklich sicher sind. Eine weitere Unterschrift ermächtigt die Sparkasse, über beide Eltern Schufa-Auskünfte einzuholen, um deren finanzielle Bonität zu prüfen. Wieso das denn? Wenn die Bonität hin ist, kann man eh nichts mehr auf das Sparbuch einzahlen. Das nächste Blatt ermächtigt die Sparkasse, sämtliche Daten, die sie über beide Eltern in Erfahrung bringen kann, zu speichern, zu verknüpfen und auszuwerten. Insbesondere dürfe die Sparkasse prüfen, wofür man sein Geld ausgibt und wem man Geld überweist, sie dürfe auch Daten "über politische Meinungen" sammeln und über den Gesundheitszustand der Kunden. Diese Daten würden aber "nicht gezielt ausgewertet". Wenn Banken Daten sammeln, sie dann aber nicht gezielt auswerten, dann haben im Bankenwesen Dilettanten die Macht übernommen. Das wäre nämlich sinnlos. Außerdem begründet die Bank ihre Neugier damit, dass sie die "Bedürfnisse" der Kunden sowie ihre "Wünsche besser kennenlernen" wolle. Warum möchten sie bei der Sparkasse die politischen Meinungen kennen? Wollen sie Sympathisanten der Linkspartei den Kauf des Buena Vista Social Club anbieten und Anhängern der AfD ein russisches Aktienpaket?

Mir fiel eine Kollegin ein, die neulich sagte: "Kaum zu glauben, dass wir Linken damals gegen die Volkszählung waren. Im Vergleich zu heute war die Volkszählung harmlos." In China ist die Kontrolle natürlich schon viel perfekter. Da gibt es demnächst ein computergesteuertes Punktesystem, das den Grad der Angepasstheit misst. Wer nicht brav ist, stirbt den sozialen Tod. Du lebst noch irgendwie, aber kannst nicht mal mehr ein Bankkonto eröffnen. Womöglich ist weder der Kommunismus noch die westliche Demokratie das Ende der Geschichte, sondern so was wie China. Und viele würden das sogar gut finden, es wird sicher als "Gerechtigkeit" oder "Kampf gegen rechts" verkauft. Natürlich haben wir das Sparbuch trotzdem eröffnet. Für Kinder gibt es drei Prozent Zinsen.

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