Miriam Cahn "Wenn du eine Stinkwut hast, dann haust du einem eine rein"

Die Künstlerin Miriam Cahn wandte sich der Kultur zu, um mit den Depressionen ihrer Mutter zurechtzukommen. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 6/2018

ZEITmagazin: Frau Cahn, auf der Documenta hingen Ihre Bilder so, dass der Betrachter direkt in die Augen der Figuren auf den Bildern blickte. Wie wichtig ist Ihnen diese Augenhöhe im Privatleben?

Miriam Cahn: Am wichtigsten war und ist für mich die Arbeit. Kunst ist ja eine Form des Denkens. Bereits in der Pubertät entschied ich, niemals eine eigene Familie zu gründen. Diese damalige Familienstruktur, die Mutter nur als Gattin des Herrn Professor, das war und ist eine Falle. Das kam für mich nicht infrage. Ich beschloss stattdessen: Ich werde Picasso! Und nicht Modersohn-Becker, sonst ist da so ein weiblicher Kompromiss drin. Bei Picasso mag ich die Energie sehr, der hat auch ganz schnell gemalt. So wollte ich werden.

ZEITmagazin: Auf der Documenta zeigten Sie ein Bild, auf dem einer dem anderen die Faust ins Gesicht knallt. Was denken Sie über Gewalt?

Cahn: Es gibt keine aggressionslose Gesellschaft. Wenn du eine Stinkwut hast, dann haust du einem eine rein, das habe ich als Jugendliche auch gemacht. Ich habe meine Eltern und meine Schwester geschlagen und umgekehrt auch. Man kommt in diesen Zustand des Sprachlosen und kann sich nur noch physisch wehren. Zorn ist ein aggressiver Motor. Ich finde aggressiv sein gut. Gerade als Frau kann man nicht immer lächeln und alles okay finden.

ZEITmagazin: Ihre Mutter war zeitweise depressiv, und Ihre Schwester wählte den Suizid. Ist Ihr Künstlersein eine Art Gegenmittel?

Cahn: Wenn du als Kind mit depressiven Menschen um dich herum aufwächst, ist alles, was du sagst, falsch. Wenn du lieb bist – falsch, wenn du bös bist – erst recht falsch. Und so mit 12, 13 habe ich mich davon komplett distanziert. Ich musste zum Glück nicht wie die anderen um acht Uhr daheim sein, ging viel ins Kino, konnte ganz viel Kulturelles machen. Die Kultur war meine Rettung. Meine Schwester wurde Junkie. Mit ihr hatte ich viel Kontakt. Und dann hat sie sich umgebracht. Das war ein radikaler Einschnitt. Damals jobbte ich und machte meine Kunst. Ich lehnte alles ab, was meine Eltern repräsentierten, und wollte unbedingt meine finanzielle Unabhängigkeit vom Vater beweisen. Und genau das hat meine Schwester ja auch gemacht und sich dann umgebracht. Danach habe ich meinen Vater nach 50.000 Franken gefragt, das sollte erst mal für die nächsten fünf Jahre reichen, ohne weiter jobben zu müssen. Und ich habe mit den Zeichnungen angefangen. Zuerst noch mit Bleistift, dann Kreide.

ZEITmagazin: Ihre Kreidezeichnungen, alle schwarz-weiß, fertigten Sie am Boden liegend oder kniend an. Später bekamen Sie ein Rückenleiden und mussten das beenden.

Cahn: Die Zeichnungen waren in ungefähr einer Stunde fertig, egal wie groß, schnell, performancemäßig. Ich kniete in einem sehr staubigen Raum am Boden, und durch den Kreidestaub konnte ich alles Mögliche damit tun. Irgendwann hatte ich das Gefühl, es wird Routine, und das ist der Tod jeder Kunst. Aber ich konnte mich nicht entscheiden, in welche Richtung ich gehen sollte, und dann traf mein Körper diese Entscheidung für mich. Meine Arbeit ist eben viel intelligenter als ich. Dieses Rückenleiden hat mich jedoch auch an den Rand meiner Existenz gebracht. Zeichnen war mein Ein und Alles, und ich wusste nicht, ob ich je wieder arbeiten könnte. Ein ganzes Jahr lang konnte ich nicht mehr als fünf Minuten am Stück sitzen. Stehen ging zum Glück. Und dann habe ich angefangen, stehend mit Öl zu malen.

ZEITmagazin: Sie haben sich in dieser Krise für starke, grelle Farben entschieden, ein großer Sprung von schwarz-weiß.

Cahn: Bei der Entscheidung, schwarz-weiß zu zeichnen, hat man ja trotzdem die Farben im Hinterkopf. Für mich war vor allem wichtig, dass es die gleiche Energie hat wie die Kreidesachen. Und Öl ist das Material, das am meisten leuchtet. Natürlich konnte ich nicht mehr am Boden arbeiten, aber das Verfahren selbst ist ähnlich geblieben: Ich mache sehr große Bilder in ein, zwei Stunden. Das Performanceartige, das musste ich hinüberretten.

ZEITmagazin: Sie wohnen inmitten der Schweizer Berge. Ihr Arbeitsraum ist riesig, der private Bereich minimal. Leben Sie asketisch?

Cahn: Askese hat etwas Religiöses, das mag ich nicht – ich vereinfache. Mein Bruder hat mich nach dem Tod unseres Vaters ausbezahlt, und ich habe mir hier mein letztes Haus gebaut, mit allem, was ich brauche. Und das ist vor allem viel Raum und Zeit für meine Arbeit. Ansonsten lebe ich in nur einem Zimmer. Das ist nicht wenig brauchen, sondern anders brauchen. Ich habe wirklich nie auf etwas verzichtet. Und hier inmitten der Berge fühle ich mich beschützt. Das ist eine radikale Landschaft, die zu mir passt.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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