Nesthäkchen "Ich bin nicht klein!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 6/2018

Juli ist die jüngste meiner vier Töchter. Allerdings will sie davon nichts hören. Sie reagiert allergisch auf das Wort "jüngste". Und auf das Wort "klein". Sie protestiert dann: "Ich bin nicht klein!", und wird wütend, sehr wütend. Ich hatte nicht gewusst, dass Vierjährige Türen knallen können. Bis ich Juli kennenlernte. Wir haben uns anfangs damit getröstet, dass es wohl die Trotzphase sei. Aber eine Phase ist etwas, das einen Anfang und ein Ende hat – und beides kann ich nicht erkennen. Ein Wutanfall von Juli kann eine beachtliche Lautstärke entwickeln. Es ist etwa so, als würde man danebenstehen, wenn ein Düsenjet die Schallmauer durchbricht und dabei mit einem anderen Düsenjet kollidiert, der auch gerade die Schallmauer durchbricht, während im Hintergrund eine Atombombe explodiert. Ich weiß, ich übertreibe, ich habe keine Ahnung, wie sich eine Atombombenexplosion anhört. Ich kenne nur Tochterexplosionen. Wenn Juli einen Wutanfall in der Öffentlichkeit bekommt, sind die Menschen nicht genervt, sie sind erstaunt. Sie können nicht begreifen, wie so viel Wut in ein so kleines Kind hineinpasst. In solchen Momenten bete ich, dass niemand für Juli hörbar sagt: "Erstaunlich, wie viel Wut in so ein kleines Kind passt."

Es ist auch so, dass Juli das perfekte Design für Wutanfälle hat. Sie hat blonde Locken, die ihr wild vom Kopf stehen können. Sie hat einen blassen Teint, der auf Rot umspringen kann wie eine Ampel. Sie kann mit beiden Füßen gleichzeitig aufstampfen. Manchmal sehen die Wutanfälle so komisch aus, dass ich lachen muss. Aber Lachen macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil. Eigentlich möchte ich auch sachlich bleiben. Ich möchte meinem Kind zeigen, dass man mit Gebrüll nicht weiterkommt. Dass man argumentieren und andere für sich gewinnen muss. Ich gehe also möglichst nicht darauf ein, wenn sie laut wird. Das sieht dann so aus: Ich gehe mit Juli von der Kita nach Hause. Ich erkläre ihr, dass wir jetzt nicht fernsehen werden, weil das nicht gut ist. Juli bleibt stehen, wütet, reißt sich die Mütze vom Kopf und feuert sie auf den Boden. Ich gehe langsam ein paar Schritte weiter, um zu zeigen, dass sie mir so nicht ihren Willen aufzwingen kann. Juli hebt die Mütze wieder auf, zetert, rennt, stellt sich vor mich und feuert sie wieder auf den Boden. So geht das weiter, bis wir zu Hause sind. Währenddessen fahren lauter Mütter langsam auf ihren dänischen Manufakturfahrrädern an uns vorbei, ihre artigen Kinder auf dem Kindersitz. Sie schauen aufmerksam zu, ob ich alles richtig mache. Irgendwie kann ich Juli auch verstehen. Würde ich nicht auch die Fassung verlieren, wenn ich wütend bin und jemand betont rational auf mich einredet?

Was macht meine Tochter denn so sauer? Sie findet alles ungerecht. Ihre großen Geschwister dürfen später ins Bett als sie. Und sogar in die Schule gehen. Und was ist die Erklärung? Dass die anderen "älter" sind.

Im vergangenen Jahr wurde der Physik-Nobelpreis für die erstmalige Messung von Gravitationswellen vergeben. Der Theorie nach rühren diese Schockwellen im All vom Zusammenstoß zweier Neutronensterne. Ich hätte eine andere mögliche Erklärung: Sie könnten in dem Moment entstanden sein, als ich Juli auf ihre Forderung, sie wolle jetzt endlich auch so alt sein wie ihre Geschwister, antworten musste, dass ihre Schwestern leider immer älter bleiben werden.

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