Whitney Wolfe "Der Hass und die Verachtung verfolgten mich bis in meine Träume"

© Axel Hoedt
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 6/2018

Ich bin davon überzeugt, dass Träume der Gradmesser für den Zustand unserer Seele sind. Wie es uns geht und was uns beschäftigt, spiegelt sich in unseren Träumen wider. In stressigen Zeiten träume ich oft sehr unruhig und wild. Wenn es bei mir beruflich hektisch zugeht, habe ich wiederkehrende Albträume. Sie handeln von Menschen, die mir nahestehen, von Freunden oder Familienangehörigen. Ich träume, dass es ihnen schlecht geht oder dass sie krank sind.

Diese Träume nehmen mich so sehr mit, dass ich stark aufgewühlt aufwache. Weil ich mich mit meinem Mann eher selten über meine Träume unterhalte, greife ich zu meinem Traumdeutungsbuch oder setze mich an den Computer und googele. Ich möchte herausfinden, was mir der Traum sagen will und womit sich mein Unbewusstes beschäftigt. Wenn ich dann immer noch keine Antwort darauf habe, versuche ich mich abzulenken. Ich gehe mit meinem Hund spazieren und konzentriere mich auf die positiven Dinge im Leben.

Als besonders intensiv habe ich die Zeit nach meinem Weggang bei Tinder empfunden. Ich verließ die Firma, weil es zunehmende Spannungen zwischen mir und den anderen Gründern gegeben hatte. Nach meinem Ausstieg wurde ich von der Presse verfolgt und im Internet gemobbt. In den sozialen Netzwerken gab es haufenweise verletzende Kommentare, dieser Hass und die Verachtung verfolgten mich bis in meine Träume. All das trug zu meinem Wunsch bei, etwas zu verändern. Ich träumte davon, das Internet zu einem Ort zu machen, an dem die Menschen respektvoll miteinander umgehen.

So stieg ich in die Entwicklung einer Dating-App ein, bei der nur Frauen den ersten Schritt machen können. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie leicht einen abfällige Bemerkungen verletzen, wie sehr sie einen verunsichern können. Diese Erfahrung will ich anderen ersparen. Ich glaube, dass Selbstbestimmung dabei eine wesentliche Rolle spielt.

Dass sich mein Leben in diese Richtung entwickeln könnte und man mich eines Tages als Königin des digitalen Datings bezeichnen würde, hätte ich als Kind nie zu träumen gewagt. Das Einzige, wovon ich früher schon immer geträumt hatte, war, etwas zu bewirken – auch wenn mir nicht klar war, was das sein würde. Erst mein Weg führte mir das Ziel vor Augen: Ich möchte mich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen.

Mir ist klar, dass noch ein langer Weg vor uns liegt – die Schlagzeilen aus Hollywood in letzter Zeit machen das einmal mehr deutlich. Sie zeigen, wie wichtig es ist, sich für dieses Ziel einzusetzen, und ich bin froh, meinen Teil dazu beitragen zu können.

Meinen Traummann habe ich mittlerweile gefunden. Ich hatte nie ein konkretes Bild vor Augen, sondern stellte mir lediglich einen Mann vor, der mich anständig behandelt und stolz auf mich ist. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ich diesen Mann nicht über eine Dating-App fand, sondern im wahren Leben: beim Skifahren.

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