© Andrea Wyner

Angela Missoni Die Patronin

Angela Missoni führt seit Jahrzehnten eines der traditionsreichsten Mailänder Modehäuser. Als sie von einem Fall von Belästigung in ihrer Firma erfuhr, griff sie durch. Von
ZEITmagazin Nr. 7/2018

An den Wänden ihrer Mailänder Wohnung hängt Fotokunst, über dem Sofa hängen Stoffbahnen mit dem typischen Missoni-Zickzackmuster. In einer Ecke steht ein Flachbildschirm mit einer Spielkonsole, es ist der Lieblingsort ihres Sohnes, wenn er im Haus ist. Bei den Missonis sei die Mode die Leidenschaft der Frauen, sagt Angela Missoni. "Die Jungs glauben, sie entstehe zufällig."

Angela Missoni ist 59 Jahre alt und seit mehr als 20 Jahren Kreativchefin und Präsidentin von Missoni – einer der wenigen Luxus-Marken, die zu keinem großen Konzern gehören, gegründet 1953 von Ottavio Missoni und seiner Frau Rosita. Missoni ist ein Familienbetrieb in mehrfacher Hinsicht: Die Marke wird von Müttern ähnlich hoch geschätzt wie von Töchtern, und mehrere Generationen arbeiten für das Label – Angela Missonis Mutter Rosita gestaltet die Inneneinrichtungslinie, Tochter Margherita entwirft eine Kinderkollektion unter eigenem Namen.

Angela Missoni lässt sich auf das große Sofa sinken. Es ist ein harter Tag für sie, gerade hat sie von einem Trauerfall in ihrem Bekanntenkreis erfahren. Sie atmet tief durch, um sich zu sammeln. Dann sagt sie: "So ist das Leben. Wir müssen weitermachen, wir müssen unsere Pflicht tun." Pflicht ist ein wichtiges Wort für sie.

Missoni feiert dieses Jahr 65-jähriges Jubiläum. Im September wird es eine große Missoni-Ausstellung auf der Triennale in Mailand geben. Und Angela Missoni hat großen Anteil daran, dass Missoni als eines der Mailänder Luxus-Unternehmen immer noch unabhängig und zeitgemäß ist.

Bei Missoni haben nicht ausländische Investoren das Sagen, sondern die Familie selbst. Missoni ist nicht eine Facette im Portfolio eines Luxus-Firmen-Konglomerats, sondern der Lebensinhalt der Familie und vor allem von Angela Missoni.

Sie hat viele Rollen auszufüllen. Sie ist kreatives Zentrum und Gesicht der Marke; sie muss die Zukunft der Modebranche im Blick haben und gleichzeitig das Erbe von mehreren Generationen verteidigen. Als gute Designerin muss sie genauso überzeugen wie als starke Chefin. Sie ist Mutter von drei Kindern: Margherita, 35, Francesco, 33, und Theresa, 29, außerdem hat sie zwei Enkelkinder.

Die Mode diktiert die Rahmenbedingungen ihres Lebens. "Ich würde gerne im Januar Ski fahren gehen und im September ans Meer. Aber im Februar haben wir Modenschauen und im September ebenso", sagt sie. Andererseits weiß sie auch: "Ohne die Mode wären wir nirgends."

Wenn Angela Missoni redet, wirkt sie energisch und empfindlich zugleich. Nichts lässt sie unberührt. Als wir auf die Benachteiligung von Frauen zu sprechen kommen, sagt sie, für ihre Mutter sei es selbstverständlich gewesen, einmal die kreative Führung des Familienbetriebes zu übernehmen. "Sie ist ein Entrepreneur. Meine Großmutter auch, sie arbeitete mit ihrem Mann und überließ ihm das Rampenlicht. Auch meine Urgroßmutter hatte in ihrem Unternehmen schon die Fäden in der Hand. Aber es war noch nicht die Zeit, da man öffentlich als Frau eine Firma führen konnte."

Angela Missoni in ihrer Mailänder Wohnung © Andrea Wyner

Angela Missoni war immer umgeben von selbstbewussten Frauen. "Als die Emanzipationsbewegung begann, arbeitete ich schon lange für Missoni. Für mich war das alles bereits selbstverständlich", sagt sie. Aber später musste sie einsehen, dass die Unterdrückung der Frau wohl nur in ihrer persönlichen Welt kein Thema mehr ist und dass ein Unternehmen, das seit Generationen unter dem Einfluss starker Frauen steht, wohl eher eine Ausnahme ist. Die Wahl von Donald Trump sei auch für sie ein Schock gewesen, sagt sie – einem Mann, der wenige Wochen vor der Wahl mit seinen Prahlereien konfrontiert wurde, Frauen zwischen die Beine zu greifen, das aber als harmloses Männer-Geplänkel, als "locker talk", abtat. Und dann erfuhr sie aus dem eigenen Unternehmen, dass Diskriminierung nach wie vor aktuell ist: Frauen in der Produktionsabteilung suchten Hilfe. Sie wurden von männlichen Vorgesetzten drangsaliert. Angela Missoni war erschüttert: "In meinem Unternehmen arbeiten 85 Prozent Frauen. Aber in manchen Abteilungen genügen wenige Männer, damit sich die Frauen unwohl fühlen. Ich verstehe nicht, dass es Männern so wichtig ist, Frauen zu kontrollieren und über ihre Körper zu bestimmen. Nur damit ihre Welt so bleibt, wie sie war." Eine Mitarbeiterin hatte gekündigt, nachdem sie sexuell belästigt worden war. Angela Missoni begleitete die Frau zur Polizei, damit diese Anzeige erstattete. Den Beschuldigten entließ sie.

Auch ihr Missfallen über Trump hat Missoni sehr deutlich gemacht. In der Show zur jüngsten Winterkollektion im vergangenen Februar ließ sie die Models mit rosa Mützen aufmarschieren, wie sie wenige Wochen zuvor auf dem gegen Trump gerichteten "Women’s March on Washington" getragen worden waren. Zudem ließ sie Hunderte Mützen im Publikum verteilen und rief am Ende der Show, als sie auf den Laufsteg trat, zur Solidarität mit Frauen in aller Welt auf.

Die italienische Designerin Angela Missoni unterstützt den Widerstand gegen Donald Trump. Warum sie selbst pinke Mützen herstellt, erzählt sie Tillmann Prüfer.

Auch weil sie Italienerin ist, fühlt sich Angela Missoni verpflichtet, politisch Stellung zu beziehen. In Italien, sagt sie, nähmen neue Entwicklungen oft früher ihren Lauf als in anderen Ländern – mit Berlusconi habe das Land seinen Trump gewissermaßen schon hinter sich. Bevor in Deutschland die AfD gegründet wurde, gab es in Italien bereits populäre Rechtsparteien. Und während in Deutschland noch vom Vertrauensverlust der Politik geredet wird, ist mit der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung längst eine Protestbewegung als Partei angetreten. In Deutschland fürchtet man sich jetzt vor der Hängepartie einer geschäftsführenden Regierung, in Italien hat man seit acht Jahren keine gewählte Regierung mehr. "Die Gesellschaft stagniert, es ist keine Veränderung möglich", sagt Angela Missoni. Auch die Mode müsse sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusster werden: "Die Mode kann sich heute sehr gut Gehör verschaffen, ganz anders als etwa in den siebziger und achtziger Jahren. Manche Konzerne haben heute mehr Macht als die Verlagshäuser." Sie würden stärker in den sozialen Medien wahrgenommen, hätten eigene Publikationen und einflussreiche Testimonials: "Sie müssen lernen, dieser Macht gerecht zu werden."

Sie selbst habe eine Weile gebraucht, um sich über ihre Rolle klar zu werden. Auch um zu verstehen, dass sie einige ihrer Entscheidungen nicht bewusst getroffen hatte. "Man denkt, dass man für sich selbst entscheidet. Aber oft geht man einfach mit dem Flow." So sei es zu ihrer ersten Hochzeit mit dem Event-Designer Marco Maccapani 1982 gekommen. "Die Heirat war keine wirkliche Entscheidung, ich ließ es einfach geschehen." Aber bald merkte sie, dass diese Ehe nicht das Richtige für sie war: "Mein Mann war wie ein weiteres Kind für mich."

Auch lastete der Druck auf ihr, ins Familienunternehmen einzusteigen. Schon in ihrer Jugend hatte sie für Missoni gearbeitet. Nach den Schauen verkauften sie und ihre Brüder die Kollektion an die Händler. Schon früh war Missoni eine feste Größe in der Modewelt – und hatte durchaus einen Ruf zu verlieren. Angela Missoni sah, wie ihre Mutter unter der Anstrengung litt, immer wieder neue Kollektionen zu entwerfen, ohne die Stammkunden zu enttäuschen. Das wollte sie nicht, also suchte sie nach anderen Aufgaben. Ende der achtziger Jahre lebte sie mit ihren Kindern auf dem Lande und nahm Abstand von der Marke Missoni. "Als ich meine Kinder aufzog, gab es kaum Spielplätze und fast keine Einrichtungen, also habe ich einen Kindergarten gegründet." Und sie beschäftigte sich mit gesunder Ernährung, lange bevor clean eating zum Trend wurde: "Seit ich Kinder habe, mache ich mir viel mehr Gedanken über gesunde Ernährung. Also war ich sehr interessiert, als eine Freundin von mir eine ökologische Hühnerfarm gründete. Ich habe sofort mitgemacht."

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wer es mag.

Ich will Mode nicht verteufeln, solange mich niemand zwingt, was ich anzuziehen habe.

Das schöne ist, dass wir Menschen sehr vielfältig sind und deshalb gibt es auch Menschen, die sich für Mode interessieren, so dass auch viele Menschen davon leben können, Mode zu erschaffen.

Ein Großteil dessen, was wir produzieren, würde objektiv betrachtet gar nicht gebraucht werden. Aber ohne diesem ganzen Zeugs wäre das Leben nur halb so schön.