Cem Özdemir "Es gab Watschen, da flogen Schlüsselbunde"

Cem Özdemir hatte miserable Noten in Deutsch, Lehrer schlugen ihn. Dann trat Frau Naumann in sein Leben. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 7/2018

ZEITmagazin: Herr Özdemir, sind Sie als Sohn türkischer Gastarbeiter schon einmal ausgegrenzt worden?

Özdemir: Die ersten Worte, die ich im Kreißsaal hörte, waren schwäbisch, nicht türkisch. Der Unterschied ist mein Elternhaus, bei uns war vieles anders als bei meinen deutschen Freunden. Ich glaubte zwar früher, durch mein Schwäbischschwätzen hätte ich alle Grenzen schon überwunden. Wenn es Ärger gab und mich jemand verteidigen wollte, hieß es jedoch: Der Cem kann ja nichts dafür, dass er Türke ist. Das hörte sich an wie die Vorstufe zu Lepra. Als ich später bei den Grünen eingetreten bin, empfand ich es als ungerecht, dass meine Freunde wählen gehen durften und ich nicht. Damals kam schon die Frage auf: Wohin gehöre ich eigentlich? Ich dachte, ich bin Inländer, also gehöre ich doch dazu.

ZEITmagazin: Haben Sie sich wegen dieser von Ihnen früh empfundenen Unterschiede auch mal geprügelt?

Özdemir: Meine Mutter wollte nicht, dass ich dort aufwachse, wo vor allem Migrantenkinder und deutsche Kinder aus der sogenannten Unterschicht leben. Wir wohnten in einer eher gutbürgerlichen Gegend. Dort war ich nicht nur das Migrantenkind, sondern auch das Arbeiterkind. Alle hatten Modellflugzeuge, ich nicht. Damit ich die auch mal fliegen lassen durfte, musste ich die von den Bäumen holen. Einer hatte auch eine Super-8-Kamera, und ich war der Einzige, der Eintritt bezahlen musste, um die Filme zu sehen.

ZEITmagazin: Sie wurden benachteiligt.

Özdemir: Das hat nicht so eine Rolle gespielt, eher das Anderssein. Ich war nicht der Allerstärkste, und in der fünften Klasse auf der Hauptschule wurde der Umgang aggressiver. Zum Glück kannte ich einen anderen türkischen Jungen. Er war genau das Gegenteil von mir, ein richtiger Schrank. Er kam in meine Klasse und sorgte gleich von Anfang an für Klarheit. Ich stand quasi unter seinem Schutz.

ZEITmagazin: Wieso hat er Sie verteidigt?

Özdemir: Unsere Eltern waren befreundet. Ich hatte zu dem Jungen ein ambivalentes Verhältnis. Schon als wir klein waren, ging er mit den Spielsachen nicht so achtsam um wie ich. Wenn er kam, wusste ich, ich muss die guten Sachen verstecken, sonst ist die Eisenbahn später kaputt. Als er später in meine Klasse kam, war ich aber dankbar.

ZEITmagazin: An Ihre Eltern haben Sie sich damals nicht gewandt?

Özdemir: Sie waren der deutschen Sprache nicht mächtig und hatten genug damit zu tun, unsere Existenz zu sichern. Ich wollte nicht, dass sie auch noch mit der Schule Ärger bekommen. In der Schule gab es damals noch Lehrer, die schlugen. Sie wussten genau, wen man schlagen konnte und wen nicht. Ich gehörte zu den Kindern, bei denen es unwahrscheinlich war, dass sich die Eltern beschweren. Es gab Watschen, da flogen Schlüsselbunde. Es war heftig, wie da geschlagen wurde.

ZEITmagazin: Wie waren Sie als Schüler?

Özdemir: In Deutsch hatte ich bis zur fünften Klasse immer eine Fünf, ich war der Schlechteste. Beim Diktat hatte ich auf zwei Seiten 50 Fehler, das war schon rekordverdächtig. Es soll nicht arrogant klingen, aber irgendwie ist es für mich heute eine Genugtuung, dass ich mit der deutschen Sprache meine Brötchen verdiene. Meine Eltern finanzierten mir damals eine Nachhilfelehrerin, Frau Naumann. Sie war für mich eine Art Rettung. Dank ihr schaffte ich den Übergang von der Hauptschule an die Realschule. Sie gab mir Selbstvertrauen und die Zuversicht, dass ich das irgendwie packe.

ZEITmagazin: Später studierten Sie auch noch. Wie kam das?

Özdemir: Als Jugendlicher habe ich mal auf dem Bau und in der Fabrik gearbeitet, in der mein Vater war. Ich merkte schnell, so richtig Spaß macht mir das nicht. Ich wurde Erzieher und habe schließlich die Fachhochschulreife nachgeholt, um Sozialpädagogik zu studieren. Heute bin ich in meiner Position eigentlich immer noch ein Paradiesvogel: aus einer Migranten- und Arbeiterfamilie – und einer der wenigen, die nicht auf dem Gymnasium waren.

ZEITmagazin: Wie leben Sie heute?

Özdemir: Mein Freundeskreis besteht überwiegend aus Leuten, die mit meiner Partei wenig zu tun haben. Meine Nachbarn in Berlin-Kreuzberg und die Kunden meiner Mutter in ihrer Änderungsschneiderei in Bad Urach helfen mir, den Blick für die wichtigen Dinge nicht zu verlieren. Als ich für die Reutlinger Lokalzeitung schrieb, wurde ich überall hingeschickt, vom Hasenzüchter- bis zum Schützenverein. Am Anfang fand ich alles seltsam, bis ich begriff: Diese Dinge sind den Leuten wichtig. Welches Recht habe ich, mich darüber zu erheben und so zu tun, als ob meine Hobbys die besseren wären? Solche Begegnungen und meine Prägung durch die schwäbische Kleinstadt helfen mir, im politischen Berlin, im Raumschiff Berlin, den Durchblick zu bewahren. Das ist mir wichtig.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Der Psychologe gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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