© Pamela Hanson

Christy Turlington Die Marathonfrau

Vor fast 30 Jahren begründete sie das Zeitalter der Supermodels. Der ganz besondere Lauf der Christy Turlington. Von
ZEITmagazin Nr. 7/2018

Ein paarmal in der Woche kommt Christy Turlington an der Straßenecke vorbei, wo das Foto entstanden ist, das ihr Leben für immer verändert hat. "Ich wohne heute in derselben Gegend von New York, in der uns Peter Lindbergh damals fotografiert hat", sagt sie. "Uns": Damit meint sie Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford, Linda Evangelista und sich selbst.

Das schwarz-weiße Gruppenbild ist auf der Titelseite der britischen Vogue vom Januar 1990 erschienen. Es ist nicht irgendein Cover, es ist der Beginn einer neuen Ära in der Modewelt: die Geburtsstunde der Supermodels.

Plötzlich werden aus meist namenlosen jungen Frauen, die die neuen Kollektionen der Modehäuser präsentieren, ohne aufzufallen, Stars, die so berühmt sind, dass man nur noch ihren Vornamen sagen muss, und jeder weiß, wer gemeint ist: Naomi. Linda. Tatjana. Cindy. Und Christy.

"Für mich war das alles überhaupt nicht abzusehen", sagt Christy Turlington heute. "Gruppenfotos mit mehreren Models wurden damals dauernd gemacht, das war nichts Besonderes." Dass sie selbst dabei war, hält Christy Turlington bis heute für einen Zufall. "Ich bin ja derselbe Typ wie Stephanie Seymour, dunkle Haare, wir sind gleich groß. An meiner Stelle hätte auch Stephanie stehen können." Und sie fügt hinzu: "Ich weiß bis heute nicht, wer eigentlich entschieden hat, wer von uns dabei sein soll."

Der Sänger George Michael ist von dem Vogue-Cover so begeistert, dass er die Models für sein nächstes Musikvideo gewinnen will. Christy Turlington erinnert sich, dass sie darauf keine besondere Lust hatte. "Schon wieder wir alle zusammen?", ist ihr erster Gedanke. Doch der Fotograf Herb Ritts, der sie und die anderen Models gut kennt, ruft eine nach der anderen an und überredet sie mitzumachen. "Herb sagte: 'David, der Regisseur, ist ein Freund von mir, du wirst sehen, er arbeitet mit einem ganz besonderen Licht, das wird großartig.'" David heißt mit Nachnamen Fincher, damals dreht er vor allem Werbung, erst später wird er ein berühmter Hollywood-Regisseur. In Finchers Video übernehmen die Models die Rolle von George Michael, der selbst nicht zu sehen ist. Freedom 90 gilt heute als eines der stilprägenden Musikvideos.

Weltberühmt machte sie ein Gruppenfoto in Schwarz-Weiß: Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford, Linda Evangelista – und sie.

Der Hype um Supermodels ist damit noch nicht auf dem Höhepunkt. Im März 1991 bucht der italienische Designer Gianni Versace alle Supermodels gemeinsam für seine Show in Mailand und zahlt für eine halbe Stunde auf dem Laufsteg die Rekordgage von 50.000 Dollar. Es ist die Zeit, in der Linda Evangelista in einem Interview sagt: "Christy und ich sagen uns immer, dass wir für unter 10.000 Dollar am Tag gar nicht aufstehen." Die neunziger Jahre haben da gerade erst begonnen.

Schönheits-OPs lehnt sie ab, das hält sie für "freakig". Top und Hose aus Bouclé von Chanel © Pamela Hanson

Fast drei Jahrzehnte später, ein Freitagabend im September 2017, das Hotel Soho House in Berlin. Christy Turlington hat gerade vor etwa 50 geladenen Gästen in einem Konferenzraum über ihre Arbeit für Every Mother Counts (EMC) gesprochen, die Hilfsorganisation, die sie vor sieben Jahren gegründet hat. Später muss sie zu einem Dinner im Restaurant des Hotels mit amerikanischen Freunden und Spendern, die mit ihr nach Berlin gekommen sind. Gemeinsam mit Christy Turlington werden sie am Sonntag am Berlin-Marathon teilnehmen.

Jetzt aber setzt sich Turlington an einen Tisch in einem ruhigen Zimmer neben dem Konferenzraum, ihre grüngrauen Augen strahlen, sie hat gerade viel Applaus bekommen für ihre Arbeit. Sie trägt einen dunklen Blazer, eine bequeme Hose, Turnschuhe. Die Vogue hat ihr Gesicht einmal beschrieben als das "schönste, das es jemals gab". Sie selbst kommentiert solche Komplimente oft damit, dass sie nicht einmal ein symmetrisches Gesicht habe und ihr linkes Auge auch noch etwas kleiner sei als das rechte. Was ihr heute, mit 48 Jahren, am besten steht, sind die feinen Lebenslinien im Gesicht, die nicht geglättet wurden. "Vielleicht bin ich eines Tages die Letzte", hat sie Harper’s Bazaar einmal dazu gesagt, aber für sie sei die Entwicklung der Schönheits-OPs einfach nur "freakig". Sie werde lieber nur noch Rollkragen tragen, bevor sie etwas an sich machen lasse, sie wolle zu ihren Lebenserfahrungen stehen, innerlich wie äußerlich.

Christy Turlington hat Every Mother Counts gegründet, nachdem sie 2003 während der Geburt ihrer Tochter Grace beinahe gestorben wäre. "Meine Tochter war schon einige Stunden auf der Welt", erzählt sie, "aber meine Plazenta kam nicht nach." Starke Blutungen setzen ein, sie hat Glück und gute Ärzte. "Ich war vollkommen überrascht, weil ich eine entspannte Schwangerschaft hatte, ich war gesund, vorher gab es keinerlei Komplikationen." Ein Schock und ein Wendepunkt. Sie erfährt, dass weltweit jährlich mehrere Hunderttausend Frauen während der Geburt ihrer Kinder sterben, obwohl den meisten geholfen werden könnte, wenn Ärzte und Medizin nur in ihrer Nähe wären, so wie bei Turlington.

Sie fängt an zu recherchieren, dreht einen Dokumentarfilm über das Thema und gründet ihre Organisation. "Jede Mutter zählt", Every Mother Counts. Die Arbeit hat Erfolg, in so unterschiedlichen Ländern wie Haiti, Tansania und Guatemala. Fast einer halben Million Frauen hat EMC helfen können, erzählt Turlington. Tatsächlich ist die Sterberate von Müttern seit einigen Jahren zurückgegangen, nicht nur, aber eben auch wegen ihres Engagements. Allein 2016 hat sie 3,2 Millionen Dollar Spenden gesammelt. EMC bekommt regelmäßig gute Bewertungen in Rankings von Charity-Organisationen, das Time-Magazine zählte Turlington 2014 zu den "100 einflussreichsten Menschen des Jahres".

Das größte Problem der schwangeren Frauen, erzählt sie, blieben die weiten Strecken, die zurückgelegt werden müssten, um medizinisch versorgt zu werden. Um darauf aufmerksam zu machen, hat Christy Turlington angefangen, an Marathons teilzunehmen, zuerst in New York, jetzt überall auf der Welt. Spender ihrer Organisation dürfen mit ihr mitlaufen. Christy Turlington ist auch CEO von Every Mother Counts, die Büros liegen ein paar Blocks entfernt von ihrem Haus in Manhattan. Es ist ihre zweite Karriere.

Als sie mit 14 Jahren entdeckt wurde, wusste sie gar nicht, "was modeln bedeutet". Kaschmirmantel und Seidenkleid von Hermès © Pamela Hanson

Die erste Karriere beginnt, da ist sie gerade einmal 14 Jahre alt. "Ich wusste gar nicht, was modeln bedeutet", sagt sie. "Ich hatte eine Zahnspange, bin viel reiten gegangen, und ansonsten habe ich meine Zeit mit Freundinnen verbracht." Ihre ältere Schwester Kelly hingegen ist fast 16, sie ahnt, was es bedeutet, als die beiden von einem Fotografen angesprochen werden, bei einem Reitausflug in Florida. "Meine Schwester wusste damals auch schon, welche Jeansmarke man trug und welche nicht. Als wir gefragt wurden, ob wir Fotos machen wollen, hat sie sofort Ja gesagt." Die Mutter begleitet die Schwestern zu den Aufnahmen, die Fotos landen bei einer Agentur.

Sie wollte keine Gefangene des Geldes sein. Und kündigte ihren Vertrag mit Calvin Klein. Das war ein großes Glück.

Christy Turlington sagt heute, ihre Schwester sei "im traditionellen Sinne schöner als ich" gewesen. Aber Kelly wird mitgeteilt, sie sei leider zu klein fürs Modeln. Christy, heute 1,77 Meter, wird hingegen aufgenommen. "Endlich mag jemand deine riesigen Füße!", hat sie später einmal über diesen Moment gesagt.

Es folgen erste Aufträge. "Das war alles nicht besonders glamourös, ich bin mit meiner Mutter in irgendwelche Kaufhäuser in irgendwelchen kleineren Städten gefahren und habe dort Kleidung für Erwachsene getragen." Sie geht auch noch weiter zur Schule. Im Sommer 1985, sie ist mittlerweile 16, wird sie von der New Yorker Modelagentur Ford entdeckt, die ein Jahr später zum ersten Mal den "Supermodel of the World"-Wettbewerb organisiert. "Christy war ein ruhiges, süßes Mädchen", hat sich die Agenturgründerin Eileen Ford später erinnert, die Aufträge werden größer.

Eines Tages bekommt Ford einen Anruf von Calvin Klein. Dem Designer ist das noch weitgehend unbekannte Model Christy Turlington aufgefallen, er möchte, dass sie das Gesicht seines neuen Parfüms wird. "Er fragte mich, wie viel sie kosten würde", sagt Ford, "ich nannte ihm die erste Zahl, die mir in den Kopf kam: 750.000 Dollar. Für zwölf Tage Arbeit im Jahr. Kurze Stille am Telefon, Klein überlegte, dann sagte er: 'Okay.'"

Es ist Christy Turlingtons erster großer Werbevertrag, ein Durchbruch. Doch was paradiesisch klingt, empfindet sie bald als Fessel. Sie darf New York nicht verlassen, ohne sich vorher abzumelden, sie darf keine anderen Fotoaufnahmen machen, sie muss immer Calvin Klein tragen. Sie fühlt sich als Gefangene des Geldes.

Nach 18 Monaten kündigt sie den Exklusivvertrag, sie riskiert Ärger, aber es geht gut, Calvin Klein arbeitet weiter mit ihr. Sie fühlt sich wieder frei – und genau in dieser Phase kommt die Anfrage von der britischen Vogue, ob sie bei Fotoaufnahmen dabei sein will, die Peter Lindbergh von mehreren Models in New York machen wird. Für das erste Cover des Jahres 1990. Der Auftrag an Lindbergh, so hat er es später einmal erzählt, sei gewesen, die Gesichter des neuen Jahrzehnts zu zeigen.

Wenn Christy Turlington heute, weit weg von New York, in Berlin kurz vor dem Dinner mit den anderen Marathonläufern, von diesen Jahren erzählt, merkt man, dass sie noch immer darüber staunt, wie ihr Leben verlaufen ist. "Wir sind zufällig zu dem Zeitpunkt aufgetaucht, als sich vieles in der Unterhaltungskultur verändert hat", sagt sie. "Diese Verbindung von Mode und Pop, diese riesige, globale Celebrity-Culture, ist ja damals erst entstanden." Supermodels sind die neuen Stars einer neuen Zeit.

Christy Turlington wird reich mit ihrem Aussehen, mit dem, was andere in ihr sehen, nicht mit dem, was sie macht. Forbes hat ihr Jahreseinkommen allein im Jahr 2001 auf umgerechnet 18 Millionen Mark geschätzt. Sie ist also früh finanziell unabhängig, und sie macht sich früh auf die Suche nach Wegen, um mit ihrem Ruhm und Reichtum umzugehen. Bereits im Alter von 19 Jahren fängt sie mit Yoga an, was damals noch oft als Spleen belächelt wird, bis heute besucht sie mehrmals in der Woche einen Yoga-Kurs. Später macht sie an der New York University einen Bachelor in vergleichender Religionswissenschaften und fernöstlicher Philosophie.

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