© Marton Perlaki

Alterslose Mode Rente mit 23

Weshalb junge Frauen keine jungen Frauen mehr sein wollen. Vor allem optisch nicht. Von
ZEITmagazin Nr. 7/2018

Ich bin 23 Jahre alt, und meine Jugend nervt mich. Weil meine Freunde die Augen verdrehen, wenn ich am Samstag eine halbe Stunde nach Mitternacht verkünde, jetzt ins Bett zu müssen. Weil ältere Leute mir ständig einschärfen, ich solle meine Zwanziger dringend dafür nutzen, zu reisen, "mich auszuprobieren" und Dummheiten zu machen, dazu hätte ich später nämlich keine Gelegenheit mehr. Das Jungsein wird mir überall angepriesen wie die Limited Edition eines Modelabels. Greifen Sie jetzt zu, bald ist nichts mehr von der Jugend übrig!

Ich komme mir vor, als würde ich das letzte schöne Wochenende eines ansonsten verregneten Sommers erleben. Augenblicklich sollte ich nach draußen stürzen, Fahrrad fahren, Eis essen, in den Badesee springen und ein Grillfest veranstalten. Bald wird es regnen, dann ist die Chance verpasst! Ein Sommerwochenende macht aber keinen Spaß, wenn man dauernd daran erinnert wird, dass der Sommer bald zu Ende ist.

Genauso ist es mit der Jugend.

Neuerdings stelle ich fest, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt. Viele junge Menschen haben gar kein großes Interesse mehr daran, sich ausgiebig mit ihrer Jugend zu beschäftigen. Das spiegelt sich auch in der Mode wider. 19-jährige Models führen Kleider vor, die nicht mehr sexy und frech aussehen, sondern eher wie das, was Frauen tragen, die im Reformhaus einkaufen und in den Töpferkurs gehen: geknüpfte Markttaschen bei Céline, Caprihosen und drapierte Blusen in Erdtönen bei Jacquemus, gestreifte Leinentuniken über weiten beigefarbenen Hosen bei Rachel Comey, wadenlange Röcke und flache Pantoletten bei Maryam Nassir Zadeh, kaftanartige Kleider in Pastellfarben bei Rosie Assoulin. Die Wickelblusen und weiten weißen Baumwollkleider des kleinen französischen Labels Maison Cléo sind ständig ausverkauft. Die Marke Ciao Lucia macht knittrige kakaobraune Satinhemden und knielange, einfach geschnittene Trägerkleider, unter denen man gut einen nicht ganz so straffen Bauch verstecken kann. Mir gefällt das. Viel besser jedenfalls als die Mode, die meiner Altersgruppe zugedacht ist. Denn eine Frau in solcher Kleidung strahlt eine Gelassenheit aus, die vermeintlich "jugendliche" Klamotten – Hotpants, Miniröcke, Bauchfreies – nicht haben. Es sind Kleider, die alterslos sind. Man kann sie mit 20 oder mit 50 tragen.

Jungen Frauen geht es dabei nicht darum, besonders erwachsen oder seriös auszusehen. Es ist eher die lässige Attitüde, die sie sich von reiferen Frauen abschauen und mit der sie sich von einem Gebot befreien, das sich in der Mode so gut gehalten hat wie kaum ein anderes: dem der Jugend. Schon in den 1920er Jahren kaschierten Frauen ihre Reife in knielangen Hängerkleidchen und mit Bubikopffrisuren. Mit der Erfindung des Minirocks wurde der Jugendkult in den sechziger Jahren radikal. Er erlöste die Frauen von dem Zwang, jederzeit adrett und beherrscht aussehen zu müssen. Aber er legte ihnen auch ein neues Dogma auf: nämlich um jeden Preis jung und sexy zu sein. In den achtziger Jahren trugen selbst Unsportliche Leggings und Stulpen, um einen allzeit dynamischen Eindruck zu vermitteln. Dann kamen die Spice Girls, Plateau-Turnschuhe und Britney Spears, die in beckentief sitzenden Schlagjeans und Schulmädchen-Outfits die Hüften schwang. Jahrzehntelang haben junge Frauen ihren Körper nicht nur exponiert, was nebenbei einen munter florierenden Fitnesswahn auslöste, sondern durch ihre Kleidung auch immer ihre Jugend betont.

Mittlerweile ist die Zurschaustellung der eigenen Jugend allerdings zu einem richtigen Zwang geworden. Wer jung ist, ist offenbar verpflichtet, sich so zu verhalten: leichtsinnig, abenteuerlustig, risikofreudig, alles andere wäre ja eine Verschwendung der Jugend. Meine Tante war entsetzt, als sie neulich hörte, dass ich noch nie gekifft habe. Was seid ihr nur für komische junge Leute?, sagte sie. Auf der anderen Seite fordern die Selbstdarstellungsplattformen unserer Zeit, dass man als junger Mensch ein Leben führt, das auch auf Instagram gut aussieht. Man soll jederzeit dynamisch, durchtrainiert und produktiv sein. Am besten ist man eine erfolgreiche Jungunternehmerin mit superflachem Bauch, die öfter mal Gras raucht, zu viele Cocktails trinkt und die Nächte durchfeiert. Und am nächsten Morgen um sieben Uhr auf der Yogamatte hockt.

Aber auf das Alter darf man sich als Frau auch nicht freuen. Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, behauptete unlängst: "Young people are just smarter." Toll. Alternde Frauen haben es noch schwerer als alternde Männer. Niemand kann das grausamer in Szene setzen als Frauenzeitschriften. "Wie trage ich eine Lederjacke?" – unter solchen Überschriften erscheinen dort regelmäßig Beiträge und darunter fünf verschiedene Lederjackenkombinationen "für jedes Alter": für 20-, 30-, 40-, 50- und 60-plus-jährige Frauen. Die Outfits für die 20-Jährigen sind meistens flippig und partytauglich, die für die 50-Jährigen eher elegant und adrett. Mit 24 trägt die Frau etwa Lederjacke mit Minirock, als wolle sie sagen: Alle mal herschauen, ich bin selbstbewusst und sexy. Dieser halb nackte Look gilt als das Allergrößte, der Höhepunkt des Frauseins. Danach folgt der stufenweise Abstieg. Lederjacke mit Bleistiftrock: Ich bin 35 und habe eine Eigentumswohnung. Lederjacke zu flachen Schuhen und Marlenehose: Ich habe die 60 überschritten und bin eigentlich gar nicht mehr im Lederjacken-Alter, aber weil mir die Frauenmagazin-Expertinnen eine weite Hose dazu ausgesucht haben, ist das schon in Ordnung. Nach dieser Denkart ist das Alter eine Kategorie, die einen definiert wie das Geschlecht oder die Kleidergröße.

Die Frauen sollten hier ausnahmsweise einmal von den Männern lernen. Die Herrenmode bietet die Möglichkeit, sich alterslos zu kleiden. Karl Lagerfeld kann als Mann in seinen Achtzigern in den Anzügen herumlaufen, die er schon als 30-Jähriger trug, ohne dass es jemand als unangemessen empfinden würde. Die Kleider der neuen Damenkollektionen bieten diese Möglichkeit endlich auch. Sie stehen nicht nur Frauen jeden Alters, sondern strahlen auch eine Selbstsicherheit aus, wie ich sie bisher nur von reiferen Frauen wie meiner Mutter kannte. Wenn meine Mutter und ich früher zusammen in die Stadt gingen, wusste sie immer genau, was für einen Mantel, was für ein Kleid und was für Schuhe sie suchte. Sie ließ sich von Verkäuferinnen nicht verunsichern oder neumodischen Kram aufschwatzen. Meine Mutter zieht sich in erster Linie für sich selbst an, nicht um modebewusste Freundinnen zu beeindrucken oder von Männern für ein Model gehalten zu werden. Sie ist zu einer Frau gereift, die sich von der Modebranche in keine Kategorie einsortieren lassen will, die sich schön findet, wie sie ist, und weiß, was ihr steht.

Diese Reife im Umgang mit dem eigenen Körper definiert das Lebensgefühl der neuen Mode, sie ist das, wonach sich junge Frauen heute sehnen. Dieser Sinneswandel lässt sich auch am Lebensstil junger Leute beobachten. Viele meiner Freundinnen meditieren neuerdings, was bisher eher als Hobby mittelalter Esoterikerinnen galt. Sie ziehen sich lieber in sich selbst zurück als durch die Clubs. Sie wollen mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzen und einen Achtsamkeits-Podcast hören. Das Bedürfnis nach Entschleunigung ist nicht neu. Dass es nun auch junge Menschen erfasst hat, die bisher immer nach Tempo und Fortschritt strebten, allerdings schon.

Die Modewelt hat viele Schubladen, und in den letzten Jahrzehnten sind immer mehr davon in die Kritik geraten. Es wurde infrage gestellt, dass nur schlanke Menschen schön sein können und dass es eine klare Grenze zwischen männlich und weiblich gibt. Das Alter ist die nächste Kategorie, die fallen muss. Wer hat eigentlich festgelegt, was alt ist und was jugendlich? Wieso soll man die Jugend auskosten und nicht das Alter? Wenn die Grenze zwischen Jugend und Reife fällt, dann sind auch die Verhaltensregeln für die verschiedenen Altersgruppen überholt. Dann fangen jüngere und ältere Menschen vielleicht auch an, mehr Zeit miteinander zu verbringen und voneinander zu lernen, anstatt einander ratlos und misstrauisch aus der Ferne zu beobachten.

Neulich war ich für ein paar Tage bei meinen Eltern in Hamburg zu Besuch. Ich hatte Urlaub und sehnte mich nach Schlaf. Nur ein einziges Mal ging ich aus. An einem Abend waren wir in der Nähe der Reeperbahn essen. "Und jetzt", sagte meine Mutter nach dem Dessert und klatschte in die Hände, "gehen wir noch tanzen!" Jung sein kann man in jedem Alter.

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