© Stefhany Yepes Lozano

Beziehungen "Auch Männer reifen"

Vier Frauen zwischen 24 und 69 reden ganz offen über ihr liebstes Thema – es hört ja auch sonst niemand zu. Von und
ZEITmagazin Nr. 8/2018

Ein Januarabend in einer Berliner Wohnung. Das ZEITmagazin hat vier Frauen zum Gespräch eingeladen. Gemeinsam wollen wir über das große Frauenthema reden: Männer! Wie sehen wir sie heute, da wir uns so selbstständig fühlen wie noch nie? Was finden wir männlich? Und was sagt es über mich, wenn ich mal in Michael Jackson verknallt war? Am Tisch sind drei Generationen vertreten: eine 24-jährige Studentin, die seit einem Jahr liiert ist. Eine 29-Jährige, die als Marketingleiterin arbeitet und seit über einem Jahr Single ist. Eine 42-jährige Journalistin, verheiratet, Mutter von zwei kleinen Kindern. Und eine 69-jährige Lehrerin im Ruhestand, seit 36 Jahren verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Großmutter von vier Enkeln. Ihre Namen stehen hier nicht, damit das Gespräch so stattfinden kann, wie Frauen es sonst nur führen, wenn sie unter sich sind.

ZEITmagazin: Was finden Sie männlich?

Single, 29: Wenn man Angst hat und ein Mann einen beschützt. Auch als starke Frau möchte man mal in den Arm genommen werden.

Studentin, 24: Ich finde es männlich, wenn ein Mann seine Gefühle zeigt und darüber redet.

ZEITmagazin: Weil es von Reife zeugt?

Studentin, 24: Ich finde das einfach menschlich. Männer wurden so lange in Verhaltensmuster gezwängt: Du darfst nicht weinen, du darfst keine Gefühle zeigen, so etwas. Jetzt gibt es allerdings das andere Extrem: In meiner Generation wissen viele Männer gar nicht mehr, ob sie jetzt Gefühle zeigen dürfen oder nicht, ob sie weinen sollen oder ob sie zu viel weinen.

ZEITmagazin: Offenbar werden die Unterschiede zwischen Mann und Frau kleiner. Wo gibt es denn noch welche?

Studentin, 24: Wenn eine Frau weiß, dass sie in der kommenden Woche viel Stress haben wird, tickt sie schon Tage vorher aus. Ein Mann sagt sich: Ist doch erst nächste Woche.

Single, 29: Männer sind simpler als Frauen. Frauen überlegen dauernd, was Männer vielleicht gemeint haben könnten mit irgendeiner SMS oder so. Die meinen das aber meistens genau so, wie sie es sagen.

Mutter, 42: Frauen kommunizieren aktiver und kümmern sich mehr um soziale Kontakte. Männer leben mehr in ihrer eigenen Welt.

Single, 29: Ich höre auch oft, dass Frauen meist dafür zuständig sind, Urlaube zu organisieren. Wenn man in den Urlaub fahren will, muss man das als Frau anstoßen, die Flüge buchen ...

Mutter, 42: Das macht mein Mann.

Single, 29: Mein Vater hat das auch immer gemacht, aber bei den Männern von heute muss ich das machen.

Großmutter, 69: Also, ich kann Sie beruhigen: Auch Männer reifen. Ich beobachte in unserem Freundeskreis zwei Arten von Männern. Die einen, die nach einer Trennung einfach nicht allein sein können und sofort die nächste Frau brauchen. Manchmal sogar schon, wenn die eine Frau noch gar nicht weg ist. Und die anderen, die bewusst für sich bleiben und das auch gut können. Diese Männer übernehmen dann auch mal die Initiative und kümmern sich um das tägliche Einerlei. Also, Männer können alles!

ZEITmagazin: In der Liebeskolumne des New York Magazine schrieb neulich eine Leserin, sie hasse Männer. Können Sie das verstehen?

Studentin, 24: Wenn man so etwas auf einen Mann projiziert, liegt der Kern des Problems doch zu hundert Prozent bei einem selbst. Wenn mir meine Freundinnen von ihren Erfahrungen mit Männern erzählen, höre ich immer wieder Aussagen wie: "Ich suche mir immer den Falschen", "Männer kommen mit starken Frauen nicht klar", "Männer haben alle Komplexe". Wie kann es eigentlich sein, dass man da nicht mal anfängt, über sich selbst nachzudenken?

ZEITmagazin: Man sagt, dass sich viele Frauen Männer suchen, die ihren Vätern ähneln. Können Sie das bestätigen?

Mutter, 42: Ich habe meinen Vater immer angehimmelt, auch wenn ich das vor ihm nie zugeben würde. Dadurch hatte ich lange einen gewissen Vaterkomplex. Mein Vater hat immer zu mir gesagt: "Du brauchst einen Mann, der so ist wie ich! Ich bin unterhaltsam, ich kann Gitarre spielen, ich bin aber auch intellektuell und kann mit dir Gespräche führen." Ich bin in der DDR aufgewachsen, meine Eltern führten eine sehr gleichberechtigte Beziehung, beide arbeiteten. Ich habe dadurch ein Bild von einem Mann vermittelt bekommen, der in der Lage ist, eine gute Beziehung zu führen und für die Familie da zu sein. Und der eine Leichtigkeit hat.

Studentin, 24: Meine Eltern waren beide 23, als ich zur Welt kam. Streitigkeiten wurden oft vor mir ausgetragen. Als ich drei Jahre alt war, hat meine Mutter mal die neue Freundin meines Vaters als "die Schnecke von deinem Papa" bezeichnet. Weil ich nicht wusste, was sie damit meinte, sagte ich also zur Freundin meines Vaters: "Du bist die Schnecke von Papa." All das hatte Auswirkungen auf die Beziehung zu meinem Vater. Er war mal da und hat dann alles gegeben, und dann war er wieder weg. Das hat mich in dem Sinne geprägt, dass ich mich heute oft von Männern angezogen fühle, die eine gewisse Autorität und ein Gefühl von Sicherheit ausstrahlen – also genau das, was mein Vater mir nicht gegeben hat.

Single, 29: Sicherheit ist für mich auch ein großes Thema. Mir ist wichtig, dass ein Mann mit Geld umgehen kann. Auf der anderen Seite regt es mich total auf, dass mein Vater in meiner Familie der Geldverdiener ist und meine Mutter, die aufgrund ihrer Depressionen nicht arbeiten kann, total von ihm abhängig ist. Mein Vater sieht in ihr vor allem eine Hausfrau. Ich habe ihn mal darauf angesprochen: "Wie kannst du ihr sagen, dass sie den Tisch abzuräumen hat!" So ein Verhältnis möchte ich niemals zu einem Mann haben.

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