Männerohrring Eins auf die Ohren

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 8/2018

Das ZEITmagazin Nr. 8 ist den Männern gewidmet, die allerdings selbst nicht zu Wort kommen. Stattdessen übernehmen Frauen das Heft. Hier vertritt die ZEITmagazin-Redakteurin Claire Beermann ihren Kollegen Tillmann Prüfer.

Der Männerohrring hatte lange keinen guten Ruf. Wahrscheinlich sind wir Frauen schuld daran. Frauen mögen keine Männer, die sich allzu sehr ausstaffieren. Wir fürchten: Der geschmückte Mann nimmt sich wichtiger als seine Partnerin, oder er führt etwas im Schilde. Ich jedenfalls habe Männer mit Ohrring immer in nach kaltem Rauch riechenden Spelunken abseits der Reeperbahn verortet, zusammen mit Ziegenbart- und Feinrippunterhemdträgern.

Umso interessanter ist, dass der Männerohrring jetzt in der Mode aufsteigt – von der Eckkneipe ist ihm der Sprung auf die Laufstege gelungen. Der Begriff Ohrring bezeichnet übrigens nicht nur Ringe. In der aktuellen Herrenkollektion von Dries Van Noten gibt es Ohrringe in Büroklammer-Form, bei Alexander McQueen baumeln Haifischzähne von den Ohrläppchen, und das Label SSS World Corp kombiniert kreuzförmigen Ohrschmuck zu Halskette und Hawaiihemd.

Früher trugen vor allem Seemänner, Matrosen und Piraten goldene Ohrringe. Wenn sie auf hoher See verunglückten, so heißt es, soll mit dem Gold hinterher das christliche Begräbnis bezahlt worden sein. Außerdem diente der Ohrring Handwerksgesellen während ihrer Wanderjahre zur finanziellen Absicherung. Der Ring im Ohr war die Wertanlage des kleinen Mannes.

Heute tragen kaum mehr Männer richtigen Schmuck, und wenn, dann eher in Form einer Uhr oder in Gestalt von Stoff- oder Holzperlenarmbändern, die aussehen wie Souvenirs aus dem Campingurlaub. Das wirkt sehr bodenständig. Den Männerohrring assoziiert man hingegen mit jenen Typen, die sich und ihren Reichtum unbedingt ausstellen müssen – wahrscheinlich deshalb, weil sie noch nicht so lange vermögend sind. Passionierte Träger von Brillant-Ohrringen wie Mario Balotelli (auch bekannt für seine angeberische Siegerpose im EM-Halbfinale 2012) oder Cristiano Ronaldo (bekannt für sein Trainergehabe an der Seitenlinie) belegen, dass der Ohrring etwas für Männer ist, die Understatement für Schnickschnack halten.

"Nur das Vulgäre lebt", hat Mary Quant, die Erfinderin des Minirocks, allerdings einmal gesagt. Im Ohrring des Fußballspielers bildet sich die Geschichte vom Aufstiegstraum genauso ab wie in der Goldkette des Rappers. Von berühmten Ohrringträgern wie David Bowie und Elton John lernen wir außerdem, dass nur derjenige wirklich cool ist, der auch mal etwas tut oder trägt, das eigentlich als geschmacklos gilt. Insofern ist der Männerohrring nicht nur das Schmuckstück der Träumer, sondern auch der Furchtlosen. Also solcher Männer, die Frauen ziemlich gut finden.

Debora Mittelstaedt / Understatement ist was für Amateure: Männerohrring von Dries Van Noten

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

„Es würde mich nicht wundern, wenn in 5 Jahren Leute mit Lippentellern vor mir an der Supermarktkasse stehen.“

Ein paar verrückte Modemacher, ein paar schräge „Influencer“ und schon kann das sogar in unter 5 Jahren passieren. Dazu passend der Bananenrock voll en vogue (und darunter nichts) - die 20er sind dann voll wieder Trend! Das wird dann ein sehr, sehr lustiges Jahr! :D

Es ist etwas besonderes so lange es nur einige wenige machen. Wenn auf einmal die Masse es auch macht verliert es die Aura des besonderen. Wenn dann jeder meint er müsse einem Trend hinter her hecheln um vermeintlich "In" zu sein. Jetzt meint jede frustrierte Hausfrau das ein Tattoo aus ihr etwas "besonderes" macht. Man fällt heute eher auf wenn man einen Trend nicht mitmacht. Denn unter den ganzen fantasielosen Mitläufern fällt man dann auf jeden Fall auf. Ich habe auch Ohrringe getragen. Und zwar als es keine Mode war und man in der Minderheit war.
Als dann alle anfingen auch Ohrringe zu tragen habe ich sie wieder abgenommen. Etwas zu machen nur weil es alle machen zeugt von allem nur nicht von eigener Persönlichkeit und eigenem Stil.