Sarah Nemtsov "Die Musik hat mir das Leben gerettet"

Als Baby war die Komponistin Sarah Nemtsov todkrank. Ihre Mutter half ihr auf ungewöhnliche Weise. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 8/2018

ZEITmagazin: Frau Nemtsov, Sie sind Komponistin. Pfeifen Sie eigentlich manchmal etwas vor sich hin, und dann denken Sie: Daraus lässt sich was entwickeln?

Sarah Nemtsov: Ich pfeife vielleicht nicht gerade, aber es gibt schon gewisse musikalische Visionen. Klänge, die auftauchen, mit denen ich dann weiterarbeite.

ZEITmagazin: Bereits als Kind wollten Sie Komponistin werden. Die Welt der klassischen Musik, mit der man wahrscheinlich früh in Berührung kommt, klingt allerdings ganz anders als das, was zeitgenössische Komponisten hervorbringen.

Nemtsov: Ich erinnere mich, dass ich mit fünf Jahren am Klavier Naturgewalten improvisiert habe – Blitz und Donner. Das war viel eher Neue Musik als das, was ich dann später mit Noten aufschrieb, als ich Musikunterricht bekam. Diese Dinge waren dann erst mal Stilkopien, so Barocksachen.

ZEITmagazin: Wie alt waren Sie da?

Nemtsov: Acht, neun Jahre.

ZEITmagazin: Waren Sie ein Wunderkind?

Nemtsov: Nein. Ich bin einfach in einem sehr musikalischen Haus groß geworden. Musik war für mich natürlich, da war kein Drill dahinter. Unsere Vermieterin, die unter uns lebte, hatte ein Barocktrio und wurde meine Flötenlehrerin. Sie nahm mich zu ihren Konzerten mit, und der Cembalist der Gruppe gab mir Tonsatz-Unterricht. Als Teenager habe ich mich dann sehr für Jazz interessiert, und dadurch ist alles freier geworden. Über den Umweg Jazz bin ich wieder bei der Neuen Musik gelandet.

ZEITmagazin: Es gab für Sie nie ein Leben ohne Musik?

Nemtsov: Die Musik hat mir sogar das Leben gerettet. Ich wurde sehr krank geboren, mit mehreren Fehlbildungen im Bauchtrakt. Bis ich 18 Jahre alt war, war ich häufig im Krankenhaus. Immer wieder waren Operationen nötig, und ich erlebte mehrere Nahtodmomente.

ZEITmagazin: Was genau erlebten Sie?

Nemtsov: An zwei Nahtodmomente in meiner frühen Kindheit habe ich keine eigenen Erinnerungen, das weiß ich nur von meiner Mutter. Aber mit 18 war ich wieder einmal im Krankenhaus und geriet in einen Zustand, in dem ich nicht mehr richtig ansprechbar war. Ich dachte, ich würde noch reden, aber tatsächlich lallte ich nur noch, sagte man mir später. Ich war in so einem Zwischen-Dämmerzustand, und gleichzeitig habe ich alles überklar wahrgenommen, während die anderen dachten, ich wäre nicht mehr da. Es war wichtig, dass jemand meine Hand gehalten oder mir eine Geschichte vorgelesen hat. Ich habe das intensiv gespürt, es hat mich am Leben gehalten.

ZEITmagazin: Sie haben kein helles Licht von drüben gesehen, wie es manchmal erzählt wird?

Nemtsov: Das nicht, aber es gab in meiner frühen Kindheit folgende Situation. Am achten Tag nach meiner Geburt war ich in einem Koma. Davon habe ich heute noch diese Narbe in der Hand, denn da hat mich meine Mutter in die Hand gekniffen, um mich wachzukneifen. Es ist meine schönste Narbe. Ich habe mehrere, und diese ist die einzige, die ich mag, die anderen sind Operationsnarben. Meine Mutter sang die Melodie von O Jesulein süß. Das ist so ein wiegender Dreierrhythmus, der mich wohl beruhigt hat. Mit zwei Jahren musste ich dann wieder operiert werden und war erneut nicht ansprechbar. Die Ärzte sagten zu meiner Mutter, sie könnten nichts mehr für mich tun. Da ist meiner Mutter diese Melodie wieder eingefallen, und sie hat sich an mein Bett gesetzt und O Jesulein süß gesummt. (summt die Melodie) Und plötzlich habe ich geschrien und sie getreten und war wieder da. Der Hörsinn ist ja einer der letzten Sinne, die erlöschen. Meine Mutter hat mich zurückgeholt, aber ich war wohl sauer, weil ich es dort irgendwie besser hatte als hier. Nun war ich zurück im Klinikalltag mit all den Schmerzen. Das sind natürlich Geschichten, an die ich mich nicht selbst erinnere – aber irgendwie bleibt ja manchmal ein Gefühl von so etwas. Wenn ich diese Melodie später hörte, hat sie mich immer besonders gerührt.

ZEITmagazin: Haben Sie die Melodie schon mal in einer Ihrer Kompositionen benutzt?

Nemtsov: Ich habe sie schon manchmal versteckt eingearbeitet.

ZEITmagazin: Wenn man so oft schon auf der Grenze zwischen Leben und Tod war, hat man dann ein entspanntes Verhältnis zum Tod oder eher ein dramatisches?

Nemtsov: Weder – noch, sondern ein besonderes. Was mir in meinem Leben immer wieder begegnet ist: dass Menschen, die mit dem Tod konfrontiert sind, mit mir darüber sprechen wollen. Ich habe keine Scheu vor Gesprächen über den Tod.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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